Bundesliga

Der Kapitän als Motivator

Erstmals seitdem Ibisevic bei Hertha spielt, muss er sich hinten anstellen. Doch zum Rückrunden-Start verbreitet er Aufbruchstimmung.

274 Bundesliga-Spiele, 108 Tore, 33 Jahre: Und immer noch ist Hertha-Torjäger Vedad Ibisevic  verdammt ehrgeizig

274 Bundesliga-Spiele, 108 Tore, 33 Jahre: Und immer noch ist Hertha-Torjäger Vedad Ibisevic verdammt ehrgeizig

Foto: Fotostand / Ellerbrake / picture alliance / Fotostand

Berlin.  Den entscheidenden Satz sagte Trainer Pal Dardai kurz vor dem Termin, bei dem sich Hertha-Kapitän Vedad Ibisevic den Medien stellte. „Ich habe mit Davie Selke und Vedad eine schwierige, aber schöne Aufgabe. Beide machen im Training einen guten Eindruck. Der eine ist vielleicht mehr geeignet , wenn wir ein Heimspiel haben. Der andere hilft, wenn wir mit Kontern spielen. Bisher hat es geklappt: Ob Vedad oder Davie, wer spielt, hat getroffen.“

Zwei Stürmer, die treffen, das wünscht sich jeder Trainer. Der schwierige Teil der Aufgabe ist, dass beim Rückrunden-Start von Hertha BSC am Sonnabend beim VfB Stuttgart (15.30 Uhr) nur einer spielen wird. Da es eine Auswärtspartie ist, und Selke beim letzten Spiel des Jahres, dem 3:2-Sensationssieg in Leipzig nicht nur wegen seiner zwei Tore der beste Mann auf dem Platz war, deuten die Signale klar auf den 22-jährigen Selke.

Davie Selke steht vor dem Routinier

Damit ändert sich erstmals seit seiner Ankunft in Berlin 2015 die Lage für Vedad Ibisevic (33). Bisher war der Torjäger stets in Herthas Stammformation gesetzt. Da kann man den Bosnier ja mal fragen.

Ibisevic hat auch in der Weihnachtspause gearbeitet. Er wirkt schmal und austrainiert, als er im Medienraum erscheint und allen Anwesenden per Handschlag ein frohes neues Jahr wünscht. Mit Blick auf Stuttgart und seinen elf Jahre jüngeren Kollegen sagt Ibisevic: „Davie hat gut gespielt, ich habe nicht gespielt. Jetzt muss ich auf meine Chance warten. Das gehört dazu.“

„Ich unterstütze das Team“

Ibisevic ist seit 2006 in der Bundesliga unterwegs. Er weiß, was alles passieren kann in einer Saison. Und Ibisevic weiß, dass jetzt nicht nur Fans und Medien, sondern vor allem die Kollegen im Team schauen, wie der Kapitän mit seiner neuen Rolle umgeht – Ibisevic saß in den letzten Bundesligaspielen gegen Hannover und Leipzig auf der Bank.

Die Auszeit über Weihnachten habe geholfen, auch ihm, sagt Ibisevic. „Die kleine Pause hat gut getan. Alle haben etwas Kräfte gesammelt.“ Und seine Rolle im Kader derzeit? „Ich unterstütze die Mannschaft und Davie“, sagt Ibisevic.

Ibisevic, der Ungestüme

In seiner Karriere war er bisher nicht bekannt für abgeklärtes Auftreten. Ibisevic auf dem Platz war immer der Ungestüme. „Ich bin jetzt 33 und habe in meiner Karriere auch etwas gelernt“, sagt Ibisevic. Natürlich wolle er wie jeder Stürmer bei jedem Spiel dabei sein und Tore schießen: „Aber die Mannschaft kommt zuerst. Es geht darum, was wir in der Rückrunde erreichen können.“

Bei Hertha gibt es mittlerweile auf vielen Positionen einen erheblichen Konkurrenzkampf – ein Zeichen von gewachsener Qualität. 32 Profis stehen im Kader. Aber nach dem Aus im DFB-Pokal und der Europa League hat Trainer Dardai nicht mehr Spielzeit für 25 Begegnungen zu verteilen, sondern nur noch für 17 Rückrunden-Spiele. Ibisevic ahnt, dass er in den kommenden Wochen einiges zu reden hat, wenn nicht jeder wie erhofft zum Zuge kommt. „Auch in sehr guten Karrieren wie meiner ist nicht immer alles gelaufen, wie erhofft. Die Jungs, müssen auch Geduld haben. Es geht nicht immer alles sofort.“

Das Problem mit den Schiedsrichtern

Was seinen Ehrgeiz, seine Ambitionen angeht, steht Ibisevic weiter auf dem Gaspedal. Eines jedoch, damit hat er sich abgefunden, wird ihn bis zum Ende seiner Karriere begleiten: sein schwieriges Verhältnis zu den Schiedsrichtern. Manchmal macht Ibisevic es den Unparteiischen schwer mit seinem ständigen Lamentieren. Manchmal haben aber die Referees den Hertha-Kapitän auf dem Kieker. Beispielhaft war eine Szene im Heimspiel gegen den HSV. Als in der ersten Minute der Partei zwei Hamburger zusammenstießen und zu Boden gingen. Der Schiedsrichter pfiff Freistoß HSV – weil Ibisevic in der Szene drei Meter daneben stand.

„Weißt Du, wie blöd man sich da fühlt“, fragt Ibisevic. Er stecke „in einer Schublade, und da komme ich nicht mehr raus.“ Aber er beklagt sich nicht. „Ich werde jetzt nicht extra einen Psychologen holen, um das Thema anzugehen.“ Er müsse versuchen, sich besser zu kontrollieren.

Ibisevic und die Lehre aus Hoffenheim

Grundsätzlich vorsichtig ist Ibisevic mit dem Hochrechnen von ambitionierten Zielen. Mit 24 Punkten liegt Hertha als Zehnter im dichten Mittelfeld der Liga. Die Europacup-Plätze sind nur vier Zähler entfernt. Aber Ibisevic hat seine Lektion aus dem spektakulären Aufstiegsjahr mit Hoffenheim von 2008 nicht vergessen. Damals hatten die Rangnick-Schützlinge, angeführt von Torjäger Ibisevic die Liga aufgemischt und Weihnachten als Spitzenreiter verbracht. In der Rückrunde war der Neuling eingebrochen, Ibisevic, von einem Kreuzbandriss außer Gefecht gesetzt, musste tatenlos zuschauen, wie seine Mannschaft auf Platz sieben durchgereicht wurde.

Deshalb sagt der Routinier jetzt zum Thema Saisonziel: „Ich würde nicht zu weit gehen und das ganze sehen. Wir wollen unbedingt in Stuttgart gleich punkten.“

Hertha muss sich in Stuttgart steigern

Beim VfB stand er vor dem Wechsel nach Berlin unter Vertrag. Und er lässt nicht auf seinen ehemaligen Arbeitgeber kommen. „Stuttgart ist ein gut geführter Verein mit tollen Fans.“ Allerdings ein Gegner, aus dem Ibisevic nicht schlau wird. „Der VfB hat Superheimspiele gezeigt. Und dann wieder komische Spiele verloren.“

Klar ist: Um dort etwas mitzunehmen, muss Hertha anders auftreten als beim Wintercup in Bielefeld, den die Berliner als Turnierletzter beendeten. „Das war nicht gut“, sagt Ibisevic. „So reicht es nicht. Wir haben noch Luft nach oben und werden uns steigern.“

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