Hertha BSC

Bei Hertha stecken die Talente in der Zwickmühle

Jordan Torunarigha und all die anderen Nachwuchsspieler brauchen Spielzeit, um sich zu entwickeln. Das dürfte jetzt schwieriger werden.

Vor dem großen Sprung: Verteidiger Jordan Torunarigha machte in dieser Saison acht Pflichtspiele für Hertha BSC

Vor dem großen Sprung: Verteidiger Jordan Torunarigha machte in dieser Saison acht Pflichtspiele für Hertha BSC

Foto: dpa Picture-Alliance / Annegret Hilse / picture alliance / Annegret Hils

Berlin.  Bis zum ersten Schock des Jahres dauerte es nicht mal einen Tag. Eintracht Frankfurt habe die Finger nach Herthas Jordan Torunarigha (20) ausgestreckt, schrieben Medien an Spree und Main – eine Meldung, die direkt ins Fan-Herz traf. Eines ist schließlich an allen Fußball-Standorten gleich: Niemand stiftet mehr Stolz als die Söhne der eigenen Stadt, weil sie einem Klub nun mal mehr geben können als gute Leistungen. Eigengewächse, die es zu den Profis schaffen, verleihen ihrem Verein ein Gesicht, Herz und Seele, weil sie für etwas stehen, was in der kalten, profitorientierten Hochleistungswelt des Fußballs selten geworden ist: Identifikation.

Torunarigha ist ein gutes Beispiel dafür. Blau und Weiß sind seine Farben. Seit er neun war, spielt er für Hertha, Berlin ist seine Heimat. Aufgewachsen in Spandau, engagiert er sich für das Sozial-Projekt „MitternachtsSport“, schaut in seinem Kiez beim Training oder im Jugendcafé vorbei, um den Kids zu zeigen, dass der Traum von der Bundesliga keine Utopie ist. Er selbst ist ja der Beweis, Jordan Torunarigha, der Berliner Junge.

Der hohe Konkurrenzkampf macht Einsätze der Jungen rar

Aber:Torunarigha steht auch exemplarisch für eine der größten Herausforderungen, die Hertha aktuell meistern muss. Talente zu Profis auszubilden und ihnen in Berlin eine Perspektive zu zeigen, ihnen eine feste Rolle zu geben, also Spielzeit. Bleibt jene aus, wächst die Unzufriedenheit der Spieler meist in ähnlichem Maße wie das Interesse anderer Klubs. Am Ende steht der Abschied. Dass Spieler wie Nico Schulz (Mönchengladbach), Yanni Regäsel (Frankfurt) oder Hany Mukhtar (Benfica Lissabon) andernorts bessere Perspektiven für sich sahen, war für Hertha rückblickend zwar nicht die schlechteste Entwicklung. Bei den aktuellen Talenten um Torunarigha soll es jedoch nicht so kommen.

In Zukunft soll das anders laufen, besser. „Einige Dinge, die wir früher gemacht haben, handhaben wir heute anders“, sagt Ante Covic, der Herthas U23 trainiert und die größten Talente als sogenannter Karrierecoach an die Hand nimmt: „Die oberste Prämisse ist, dass wir die Jungs auf den Platz schicken. Spieler brauchen Wettkämpfe, um sich zu entwickeln.“

Genau das aber gestaltet sich bei den Profis nicht so einfach. Innenverteidiger Torunarigha steht in Konkurrenz zum bärenstarken Zugang Karim Rekik (23). Maximilian Mittelstädt (20) hat auf der linken Seite die Nationalspieler Marvin Plattenhardt und Salomon Kalou vor seiner Nase. Arne Maier (19) muss sich mit Per Skjelbred und Vladimir Darida messen – zwei der etabliertesten Kräfte der Berliner. Wie groß sollen die Chancen da schon sein? Und wie lange können sich die ehrgeizigen Newcomer gedulden?

Mittelstädt sah zu schnell und oft Gelb

Wie schnell Frust entstehen kann, zeigt der Fall Mittelstädt: In der Vorsaison schien der Linksfuß schon beinahe angekommen bei den Profis, doch im Sommer blieb er außen vor, weil er zu viele Gelbe Karten kassierte. Als er in der U23-Auswahl auch noch mit Gelb-Rot vom Platz flog, war die Bruchlandung perfekt. In der Kabine flossen Tränen. Kurz darauf, erzählt Covic, habe es jedoch „Klick gemacht“. Mittelstädt arbeitete noch härter an sich, bekam in der Europa League seine Chance und nutzte sie. In der Liga verdrängte er Kalou zwischenzeitlich auf die Bank. Maier profitierte derweil von der Verletzung Daridas und schaffte es, die Erwartungen mit bemerkenswerter Souveränität zu übertreffen. Und Torunarigha? Spielte zwar im Europacup dreimal durch, stand in der Liga aber nur einmal in der Startelf und erwischte einen unglücklichen Tag. Beim 3:2 in Leipzig kurz vor Weihnachten sah er in der Anfangsphase Rot – beim Rückrundenstart in Stuttgart am Sonnabend fehlt er gesperrt.

An seinem ungeheuren Potenzial zweifelt trotzdem niemand, schließlich bringt er eine exzellente Physis, Tempo und Kopfballstärke sowie Torgefahr mit. Trainer Pal Dardai adelte ihn für seinen Biss und seine Aggressivität als „echten Wettkampftypen“, eine Eigenschaft, die auch in Deutschlands U20 geschätzt wird. Besonders begehrt macht ihn die Tatsache, dass er zur seltenen Gattung der Linksfüßer zählt, so wie zwei prominente Berliner Vorgänger. Die Vergleiche ließen nicht lange auf sich warten. Torunarigha habe das Zeug zum nächsten John Brooks, oder gar zum nächsten Jerome Boateng.

Torunarigha denkt nicht an einen Wechsel

Momentan ist noch ein anderer der nächste John Brooks: Karim Rekik, der bereits über internationale Erfahrung verfügt. „Ich kann viel von ihm lernen“, sagt Torunarigha. Bei Brooks, der im Sommer nach Wolfsburg abgewandert ist, sei es ähnlich gewesen – „für mich ist Karim deshalb so etwas wie Brooks zwei“, sagt Torunarigha. Er ist lernwillig, will sich aber auch beweisen. Die Frage lautet: Was kann Hertha dagegenhalten, wenn ein anderer Klub mit mehr Einsatzzeit lockt? Spielpraxis in der U23? Ein schwacher Trost. Die Gefahr für die Berliner ist greifbar. Geben sie ihren Talenten zu wenige Chancen, laufen sie Gefahr, ihre Zukunft mit den Eigengewächsen schon in der Gegenwart zu verspielen. Covic glaubt trotzdem an Herthas Konzept: „Wir haben den Jungs früh einen Karriereplan aufgezeigt, und bislang hat sich alles davon erfüllt“, sagt er. Das schafft Vertrauen, zudem hat sich die Durchlässigkeit unter Dardai, dem früheren Nachwuchstrainer, deutlich erhöht. Geschenke wird es trotzdem nicht geben. „Der Profi-Vertrag war erst der Türöffner“, sagt Covic, „jetzt werden sie das Haifischbecken erleben.“

Vorerst sind die Gerüchte um einen Wechsel wieder verstummt. „Über so etwas mache ich mir keine Gedanken“, sagt Torunarigha, „ich habe einen Vertrag (bis 2020/Anm. d. Red.) und bin gern bei Hertha.“ Nur eben nicht als ewiger Reservist. In einem kürzlich veröffentlichten Video wurden die Spieler nach ihren Wünschen für 2018 gefragt. Die häufigsten Antworten: Gesundheit und eine erfolgreiche Rückrunde. Einzig Torunarigha äußerte einen weiteren Wunsch: „Ein bisschen mehr Spielzeit“.