Common Goal

Der Utopist, der den Fußball revolutioniert

Jürgen Griesbeck und sein Berliner Sozialprojekt Common Goal haben weltweit eine Bewegung des Guten im Sport losgetreten. Ein Treffen.

Sozialunternehmer Jürgen Griesbeck kniet in seinem Büro in Moabit vor den Trikots der Spieler, die sich beim Projekt Common Goal engagieren

Sozialunternehmer Jürgen Griesbeck kniet in seinem Büro in Moabit vor den Trikots der Spieler, die sich beim Projekt Common Goal engagieren

Foto: David Heerde

Berlin.  Jürgen Griesbeck wusste, dass er es geschafft hatte, als ein 13 Jahre alter Youtuber bei ihm mitmachen wollte. Griesbeck (52) verkehrte z|uvor mit echten Stars. Er trank ein Bier mit Juan Mata. Er skypte mit Giorgio Chiellini. Von Mats Hummels meldete sich ein Berater und bat um ein Gespräch. Diese drei Fußball-Weltmeister hatte er schon für das Gute gewonnen. Aber erst, als Griesbeck die Nachricht des Teenagers las, drang zu ihm durch, dass die Sache nicht scheitern würde. Diesmal nicht.

Der Bursche hatte, seit er acht war, einen Youtube-Kanal aufgebaut und damit 915 Euro verdient. Davon, schrieb der 13-Jährige, wollte er ein Prozent an Griesbecks Sozialprojekt Common Goal spenden – so wie es Mata, Chiellini und Hummels tun. 9,15 Euro für die gute Sache. Damit lässt sich die Welt nicht retten – aber der Junge schon. Die Idee war aus dem Kreis der gut betuchten Sporthelden herausgewachsen zu den normalen Menschen. Und da sollte sie hin.

Jürgen Griesbeck kichert bei dieser Anekdote, wie jemand, der einen langen Weg hinter sich hat und immer noch kaum glauben kann, dass er angekommen ist. Er sitzt in einem Großraumbüro eines backsteinernen Hinterhofgebäudes in Moabit. Junge Mitarbeiter telefonieren an Holztischen im Gesang der Welt – Deutsch, Englisch, Spanisch. Ein Kunstrasenteppich ist auf dem Boden ausgerollt, jemand hat Fußbälle auf den Schränken drapiert. An der Wand hängen Trikots von Mata, Hummels und Chiellini. So sieht die Zentrale der Revolution der Anständigen im Fußball aus.

Bisher wurden rund 500.000 Euro eingesammelt

Griesbeck – kurze Haare, hageres Gesicht – ist der Chef des Berliner Sozialunternehmens Streetfootballworld, einer gemeinnützigen Organisation, die sich seit 15 Jahren um 130 Hilfsprojekte in 80 Ländern kümmert, mit denen bedürftige Jugendliche durch Fußball erreicht werden. Wichtige Arbeit. Aber nur wenige interessierte das – bis zum vergangenen Sommer. Da starteten Griesbeck und seine Kollegen das Projekt Common Goal, das die griffige wie utopische Idee umfasst, die schwerreichen Fußballprofis dieser Welt darum zu bitten, ein Prozent ihres Gehalts zu spenden.

Elf Mitstreiter sollten bis Weihnachten dafür gefunden werden. Das war die leise Hoffnung. Es wurden bis heute mehr als 30 Spieler, Spielerinnen, Trainer, und sogar der Uefa-Präsident Aleksander Ceferin ist dabei. Die Wirklichkeit hat die Utopie eingeholt. Eine Bewegung des Guten ist entstanden, und sie soll noch viel weiter gehen.

"Dass es diese Art der nahezu ausschließlich positiven Resonanz gibt, hat uns überrascht", sagt Griesbeck. Ihm gelang es, Julian Nagelsmann zu überzeugen, Hoffenheims jungen Trainer, Shinji Kagawa von Borussia Dortmund auch. Von Hertha BSC macht Alexander Esswein mit, der sich persönlich an Griesbeck wandte. Insgesamt sammelte Common Goal seit Sommer rund 500.000 Euro ein, die Ende Januar ausgezahlt werden. An Projekte wie Kickfair in Stuttgart, das sich um Bildung und Integration durch Straßenfußball bemüht. Aber auch Initiativen, die beim Israel-Palästina-Konflikt vermitteln oder sich um HIV-Prävention in Südafrika kümmern. Griesbeck, ein kluger Mensch, der nicht zu Überschwang neigt, redet jetzt in Großbuchstaben: "Ich glaube, dass man in fünf Jahren, wenn man zurückschaut, sagen kann: Es gab ein Vor und ein Nach Common Goal. Ich denke, wir erleben einen historischen Moment."

Alles begann mit der Ermordung des Kolumbianers Andres Escobar

Die Reise dorthin begann 1994 in Medellin/Kolumbien. Griesbeck, damals 28, gerade fertig mit seinem Studium der Sportwissenschaft und Romanistik in Köln, war nach Südamerika gezogen, um als Stipendiat im Bereich Sportsoziologie zu forschen. Dann kam die WM und die Ermordung des kolumbianischen Spielers Andres Escobar. Escobar war ein Eigentor gegen die USA unterlaufen. Kolumbien schied aus, und wenige Tage später erschoss ihn ein Leibwächter der Drogenbosse. Für Griesbeck war das ein Erweckungserlebnis.

Seine Frau arbeitete im Verein von Escobar. Die allumfassende Gewalt in diesem Land hatte plötzlich ein Gesicht für ihn. "Das hat mich so betroffen gemacht, dass es für mich alternativlos war, den eingeschlagenen Berufsweg zu verlassen", sagt Griesbeck. Er brach seine begonnene Promotion ab und widmete sich fortan der Frage, wie die Gewalt überwunden werden kann. Dass der Fußball dabei eine Schlüsselrolle spielen könnte, erlebte er auf den Straßen von Medellin. Griesbeck beobachtete, wie sich zwei verfeindete Drogenbanden auf einem Fußballplatz trafen, die Waffen ablegten und gegeneinander spielten. "Wie aus dem Nichts waren diese jungen Männer in der Lage, miteinander zu reden, Regeln einzuhalten und Spaß miteinander zu haben. Nach dem Spiel haben sie sich wieder erschossen, wenn sie sich begegnet sind", erzählt Griesbeck. Damals dachte er: "Der Fußball scheint so eine Macht über die Menschen zu haben, das muss man für soziale Veränderung nutzen."

Profi Mata wurde zum Gegenentwurf des gierigen Profis

Griesbeck gründete die Nicht-Regierungsorganisation "Fußball für den Frieden" in Kolumbien, die heute zum nationalen Netzwerk gehört. Er wurde Sozialunternehmer, als es das eigentlich noch gar nicht gab. Auf Bitten der damaligen Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer von den Grünen, ging er zurück nach Deutschland, um dort ein solches Netzwerk aufzubauen. 2002 entstand Streetfootballworld. Vor Common Goal hatte das Unternehmen schon zwei ähnliche Versuche gestartet. 2011 und 2013 mit demselben Anspruch, die Welt ein bisschen zu retten. "Aber damals waren wir wahrscheinlich noch zu früh dran und sind gescheitert", sagt Griesbeck.

Dass aus der Utopie eine Bewegung werden konnte, hatte auch mit dem Namen Neymar und einer glücklichen, zeitlichen Parallelität zu tun. Denn am selben Tag, als Common Goal mit Juan Mata von Manchester United den ersten Spieler präsentieren wollte, der ein Prozent seines Gehalts spendet, verpflichtete Paris Saint-Germain den Brasilianer für 222 Millionen Euro vom FC Barcelona. Eine obszöne Summe, und Mata, die Galionsfigur von Common Goal, wurde zum Gegenentwurf des gierigen Profis.

"Wir haben das Gefühl, den Schlüssel für die Tür zum Fußball gefunden zu haben. Wir stehen jetzt im Raum, Common Goal ist nicht mehr zu ignorieren", erzählt Griesbeck. Er sagt das ohne Stolz, denn seine Mission ist noch nicht erfüllt. Eigentlich sind die spendenden Spieler ja nur der Anfang. Griesbeck träumt davon, dass eines Tages von allen Einnahmen der Fußballindustrie ein Prozent für karitative Zwecke abgeführt werden. "Es geht darum, den Fußball zu einhundert Prozent zu penetrieren. Am Ende ist unser Ziel, dass Common Goal und damit die soziale Wirkung von Fußball in zehn Jahren ein Prozent etwa bei Transfers, Sponsoring und TV-Verträgen partizipiert", sagt Griesbeck. Zwischen 30 und 50 Milliarden Euro setzt die Branche pro Jahr Schätzungen zufolge um. Ein Prozent davon wären 300 bis 500 Millionen Euro. Damit ließe sich sozialer Wandel anstoßen.

Für den Fußball, so sehen sie es bei Common Goal, wäre das kein Verlust, sondern eine Investition. Von den Menschen, die ihn durch ihre Liebe am Sport erst so prosperieren ließen, hat er sich entfernt – 222 Millionen Euro weit. Mit dieser Form der sozialen Verantwortung könnte er wieder ein Stück an sie heranrücken. Vom Weltverband Fifa wünscht sich Griesbeck, dass er die Umsetzung regelt.

Der Sport als Ort, an dem sozialer Wandel angestoßen wird

Griesbeck weiß, dass er ein Utopist ist – "hundertprozentig". Aber er hat erlebt, dass Unmögliches möglich werden kann, wenn man kein Träumer bleibt, sondern die Sache angeht. Und vielleicht ist der Sport in diesen Zeiten zu einem neuen Ort geworden, an dem sich soziale Veränderungen anschieben lassen – wie früher die Musik. Die Politik erreicht nicht annähernd so viele Menschen. Der Sport reißt sie mit. Hier erleben sie noch ein gemeinsames Gefühl.

Der US-amerikanische Footballer Colin Kaepernick wurde zum Aktivisten, als er sich gegen Diskriminierung während der Hymne hinkniete und damit eine Bewegung der Solidarität auslöste, die bis zu Hertha BSC reichte. In Südamerika schrieben uruguayische und argentinische Profis um Javier Mascherano vom FC Barcelona zusammen ein Buch ("Pelota de Papel"/Papierkugel). Es wurde zu einem der meistverkauften des Kontinents 2016. Die Erlöse kamen benachteiligten Kindern zugute.

Mit Common Goal zeigen nun Fußballprofis, dass sich mit einem kleinen Anteil einiges erreichen lässt, wenn viele mitmachen. "Da steckt eine riesige Symbolwirkung dahinter. Um die Probleme dieser Welt zu lösen, muss man zusammenarbeiten. Nur dann lässt sich wirklich etwas ändern", sagt Griesbeck und will das in Zeiten von neuem Nationalismus und der Abkehr von der europäischen Idee durchaus politisch verstanden wissen. Und worum ging es ihm schon in Kolumbien? Er wollte über den Fußball eine übergeordnete Botschaft vermitteln. Die soll dann gern jenseits der Plätze ankommen – manchmal auch bei 13 Jahre alten Youtubern.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.