Hertha-Bayern

Boateng: „Die Unterstützung war schon mal besser“

Jerome Boateng hat auch als Bayern-Profi noch ein Herz für Hertha. Den Weltmeister wundert jedoch der geringe Zuspruch trotz der Erfolge.

Ein bisschen dauert es nicht, bis Jerome Boateng wieder richtig mitmischen kann beim FC Bayern

Ein bisschen dauert es nicht, bis Jerome Boateng wieder richtig mitmischen kann beim FC Bayern

Foto: Peter Kneffel / dpa

Berlin.  Erstmals wird der FC Bayern München vier Meistertitel in Folge gewinnen, Trainer Pep Guardiola glaubt aber nicht, dass es wie in den vorherigen beiden Jahren schon nach dem Spiel am Sonnabend bei Hertha BSC (15.30 Uhr, Olympiastadion) soweit sein wird. Eine Feier ist also nicht geplant, der Fokus liegt auf dem Champions-League-Spiel gegen Atletico Madrid am Mittwoch – und dem bald erwarteten Comeback des lange verletzten Weltmeisters Jerome Boateng (27).

Berliner Morgenpost : Wie beurteilen Sie als gebürtiger Berliner Herthas Situation?

Jerome Boateng : Ich verfolge sehr genau, was die Hertha macht, checke immer sofort die Ergebnisse auf dem Handy und drücke immer die Daumen. Hoffentlich hilft es. Ich bin ja Berliner, das ist ja auch irgendwie meine Mannschaft. Überraschend ist es für alle, dass sie in dieser Saison so gut sind.

Wo steht die Hertha am Saisonende? Nach dem Pokalaus im Halbfinale gegen Dortmund ist die Euphorie womöglich dahin.

Ich hoffe, dass sie mindestens Platz vier erreichen und die Qualifikation für die Champions-League klarmachen können. Das wäre eine super Sache für Berlin.

Zu wem haben Sie aktuell Kontakt?

Mit Mitchell Weiser, der ja letzten Sommer zur Hertha gewechselt ist oder mit Alexander Baumjohann. Wenn ich mal in Berlin zu Besuch bin, sehe ich auch andere Spieler.

Die Partie gegen Bayern ist natürlich ausverkauft. Zuletzt ließ der Zuspruch der Fans aber zu wünschen übrig, oder?

Ich hoffe, dass in den letzten Spielen viele Leute ins Olympiastadion kommen und die Mannschaft nach vorne schreien. Die Unterstützung war schon mal besser. Dass zum Teil nur 40.000 Fans kamen, fand ich schade.

Hatten Sie Pal Dardai so eine Saison zugetraut?

Dass Pal ein guter Trainer werden würde, war für mich nicht überraschend. Ich kenne ihn ja noch als Spieler. Das hat sehr gut gepasst mit ihm. Er war selbst Spieler, dann kannst du die Dinge einer Mannschaft eben besser vermitteln. Er stand und steht für Arbeit. Pal war ein Defensivspieler, der immer hart gearbeitet hat, zweikampfstark war. Das vermittelt er der Mannschaft. Sie spielen sehr diszipliniert, mannschaftlich geschlossen, laufen sehr viel.

Verfolgen Sie auch, was Ihre anderen Ex-Vereine machen?

Bei Manchester City war ich nur ein Jahr – auch wenn es für mich sehr interessant und lehrreich war. Beim HSV war ich drei Jahre, da schaue ich auch immer auf die Ergebnisse und habe in den letzten beiden Jahren gehofft, dass sie nicht absteigen. Das schaut ja dieses Jahr besser aus. Hertha ist meine Jugendzeit gewesen, das ist etwas anderes. Da verbindet mich einiges.

Vor ein paar Wochen machte ein Foto im Internet die Runde. Sie sitzen darauf auf der Tribüne, weil Sie verletzt waren. Ihr gesamter Körper ist angespannt. Sie blicken auf das Spielfeld – aber nicht tatenlos. Sie drücken ganz kräftig beide Daumen.

Es ist sehr schwierig für mich, im Stadion ruhig zu bleiben, ich bin kein angenehmer Sitznachbar. Man würde gerne auf dem Platz sein und den Mitspielern helfen. Dann kribbelt es im ganzen Körper, ich bin viel nervöser auf der Tribüne als dort unten auf dem Rasen.

Und woher kommt das Daumendrücken?

Schon als kleiner Junge habe ich das immer gemacht – das kommt wohl aus unserer Familie. Spezielle Glücksbringer habe ich aber keine dabei.

Sie haben sich Ende Januar eine schwere Muskelverletzung im Adduktorenbereich zugezogen, trainieren erst seit ein paar Tagen wieder mit der Mannschaft. Das Comeback rückt näher, gerade rechtzeitig im Saisonendspurt.

Ich hoffe, wieder dabei zu sein, wenn die großen Spiele kommen. In den letzten paar Monaten der Saison herrscht in der Mannschaft eine spezielle Anspannung. Man merkt, dass es in die wichtige Phase geht.

Wie äußert sich das?

Es wird in der Kabine und auf dem Platz schon noch geflachst wie sonst auch. Dennoch ist die Konzentration, die Beschäftigung mit dem Beruf intensiver: Manche Spieler gehen ihre Spiele durch, analysieren mit dem Trainerstab jedes Detail – auf die kann es jetzt im Endspurt ankommen. Andere Spieler sind vor dem Training noch länger im Gym. Außerdem geht es um Disziplin: viel zu schlafen, vernüftig zu essen.

2014 und 2015 sind die Bayern im März beziehungsweise April Meister geworden. Nun sind die Dortmunder sehr hartnäckig, vier Spieltage vor Ende ist die Sache noch nicht durch. Eine ungewohnte Situation?

In der Bundesliga war kein großer Druck mehr da damals. Ja, es fehlt dann automatisch ein kleines bisschen was. Wir konnten dann diesen speziellen Druck für die wichtigen Spiele in der Champions League nicht mehr richtig aufbauen. Unsere Niederlage im Pokalhalbfinale gegen Dortmund, als im Elfmeterschießen zwei Spieler wegrutschen, war ziemlich unglücklich. Das passiert im Fußball, das kann man nicht ändern. Dazu kam, dass wir viele Verletzte im Frühjahr 2015 hatten und es dann einfach nicht so umsetzen konnten, wie wir es uns vorgestellt hatten.

Der BVB liegt diesmal nur sieben Punkte hinter Ihnen? Gut so?

Ja, natürlich. Druck ist für uns immer ganz gut. Die Dortmunder spielen eine sehr gute Saison und speziell eine super Rückrunde. Für uns ist es wichtig, dass wir unsere Spiele gewinnen.

Sie waren selten solch eine lange Zeit außer Gefecht wie in diesem Frühjahr. Können Sie dadurch besser nachvollziehen, wie es Dauer-Pechvogel Holger Badstuber ergeht?

Über Pech brauchen wir in seinem Fall nicht zu reden. Das ist Riesen-Pech. Aber Holger ist ein Kämpfer, ich bin mir sicher, dass er es wieder packt. Ich wünsche ihm, dass er mal kontinuierlich ohne Verletzungen Fußball spielen und Spaß haben kann.

Pep Guardiola hat ab Februar aus der Not eine Tugend gemacht und Joshua Kimmich als Innenverteidiger gebracht. Hat Sie überrascht, wie abgeklärt es Kimmich bislang hinbekommen hat?

Joshua ist für sein Alter sehr ruhig in seinem Spiel. Er kommt von einer anderen Position, spielt ja eigentlich Sechser im defensiven Mittelfeld. Da musst du auch schon in jungen Jahren ruhig am Ball sein, kannst nicht hektisch agieren. Das ist schon beeindruckend, wie er das macht.

Wäre Joshua Kimmich ein Kandidat für den EM-Kader von Bundestrainer Joachim Löw? Gerade wegen seiner Vielseitigkeit?

Ich trainiere ja mit Joshua und kenne daher seine Qualitäten. Aber am Ende muss der Bundestrainer entscheiden, ob er ihn nach Frankreich mitnimmt – und wenn ja, für welche Position?

Hatten Sie schon Kontakt zu Ihrem künftigen Trainer Carlo Ancelotti?

Ich habe nicht gleich irgendjemanden angerufen, nur um mich zu erkundigen, wie er als Trainer ist. Das weiß man einfach. Von Toni Kroos oder Sami Khedira, die mit ihm bei Real Madrid zusammengearbeitet haben, hatte ich schon zuvor einiges erfahren.

Und wie soll Ancelotti sein als Typ?

Wie Jupp Heynckes. Sehr ruhig, er spricht wohl viel mit den Spielern, kann mit ihnen gut umgehen. Und taktisch macht ihm kaum jemand was vor. Ancelotti ist einer, der alles gesehen, erlebt und viel gewonnen hat. Da kommt was auf uns zu – ich freue mich drauf.

Sie legen viel Wert auf Mode, haben eine Schuhsammlung mit mehr als 500 Stück. Pep Guardiola trägt stets feines Tuch. Ein Vorbild in Sachen Outift?

Der Trainer hat einen sehr guten Stil, sieht immer gut aus. Das passt. Die Anzüge sitzen.

Und was ist mit Jogi Löw und seinen Schals?

Der Bundestrainer ist zielsicher, was die Wahl seiner Schals betrifft.

Ein wenig lustig gemacht hatten Sie sich über die Mode von Thomas Müller.

Bei Thomas gibt es Steigerungspotenzial (grinst). Aber das weiß er. Ihm ist das aber auch nicht so wichtig. Er kommt ja mehr über die Sprache.