Nach Pokal-Aus

Hertha-Liebling Pal Dardai spürt jetzt erstmals Gegenwind

Trainer Pal Dardai wehrt sich gegen Kritik nach der Pokal-Pleite der Berliner gegen Dortmund und will nun in die Champions League.

Pal Dardei fällt es schwer, die Fassung zu bewahren

Pal Dardei fällt es schwer, die Fassung zu bewahren

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin.  Die klare Niederlage zeigte klare Wirkung. Hertha hatte sich vorgenommen, sich auf der Fußball-Landkarte der Topteams zurückzumelden. Der Rahmen im Olympiastadion war festlich, die Stimmung dank 76.233 Fans großartig. Doch das 0:3 (0:1) im Pokal-Halbfinale gegen Borussia Dortmund belegte: Hertha ist nicht so weit.

Der Frust über die Abfuhr führte zu Folgeschäden. Trainer Pal Dardai war bundesweit als Sympathieträger wahrgenommen worden. Doch im Interview bei Sky, kurz nach dem Schlusspfiff geführt, kam Dardai als rechthaberisch, dünnhäutig und schwer genervt rüber. Sein Traum, gleich im ersten Jahr als Cheftrainer mit seiner Mannschaft ­Geschichte zu schreiben, war geplatzt. Erst mit jedem weiteren Interview, das Dardai in der Folge gab, sank der ­Adrenalinpegel.

Am Tag danach, nach einer erholsamen Nacht und etwas Schlaf, sagte Dardai: „Ich möchte mich bedanken für das Fußball-Fieber, das in Berlin herrschte, für die großartige Unterstützung der Fans im Olympiastadion. Aber wir haben es einfach nicht hinbekommen, dass es ein echter ­Pokalfight geworden ist. Das tut weh.“ Die Zahlen belegen den Schmerz: Hertha hatte nur 29,7 Prozent Ballbesitz. Heißt: Das Team um Kapitän Fabian Lustenberger war vor allem damit beschäftigt, dem BVB hinterher zu ­rennen. Es waren nicht nur die Tore von Gonzalo Castro (21.), Marco Reus (75.) und Henrikh ­Mkhitaryan (83.), die den Unterschied ausmachten. Die Dortmunder Passquote lag bei bärenstarken 89 Prozent, Hertha kam auf nur 64 Prozent.

Hegelers Aufstellung kam nicht gut an

Da halfen alle Kampfkraft, aller Willen nichts: „Wir sind eine fleißige Mannschaft, aber was Dortmund gemacht hat, war zu schnell für uns“, sagte der Trainer. Einen Eindruck, den nicht nur die Besucher im Olympiastadion teilten, sondern auch die 12,87 Millionen Zuschauer, die die Partie im Fernsehen verfolgten. Zudem gab es Fragen, ob es Hertha an Mut gefehlt hat im „Spiel des Jahres“. Eine Wahrnehmung auch bei einigen Fans, die Trainer Dardai durch die Aufstellung Jens Hegelers gefördert hatte, der sonst meist nur als Auswechselspieler für die letzten Minuten zum Einsatz kommt. Dardai ­sagte bei Sky: „Ein bisschen mehr ­Respekt, die Jungs haben gut gekämpft. Mit der Diskussion gehe ich nicht mit, dass es zu defensiv war. Es war ­offensiv genug. Bitte ­stellen Sie eine bessere Frage.“

Zum ersten Mal seit seinem Amtsantritt im Februar 2015 ist Dardai nun nicht mehr Jedermanns Liebling. ­Hertha war mutig gewesen, mit dem werblichen Ballyhoo rund um den ­Finaltraum vorab. Dazu passte die ganz und gar chancenlose Vorstellung der ­Hertha-Profis nicht.

Von mangelndem Mut wollte der Trainer nichts wissen. Dardai verwies auf seine junge Abwehr mit Mitchell Weiser (21), Niklas Stark (21), John Brooks (23) und Marvin Plattenhardt (24). „Wir alle wissen, wo wir im vergangenen Sommer hergekommen sind. Die Entwicklung war rasant. Aber die Jungs erleben zum ersten Mal ein Spiel auf diesem Niveau.“

Seine Schlussfolgerung: „Wir brauchen viel öfter Spiele auf diesem Niveau, mit solchen Drucksituationen. Deshalb ist es wichtig, dass wir kommende Saison international spielen. In der Europa League oder am besten in der ­Champions League.“

Hartes Restprogramm

Das ist zweifellos richtig, wenn man etwa an die Unbedarftheit denkt, mit der Brooks in der eigenen Hälfte mit Ball am Fuß einfach mal so losstürmte in Richtung Mittelfeld. Dann ausrutschte – Sekunden später lag der Ball zum vor­entscheidenden 0:2 im Hertha-Netz.

Gleichzeitig fragt man sich, wie Hertha in der Form der vergangenen Wochen (ein Remis, drei Niederlagen) die Königsklasse erreichen will. Zumal ein anspruchsvolles Restprogramm ansteht mit Bayern München am Sonnabend (15.30 Uhr, Olympiastadion), ­in Leverkusen (30. April), gegen Darmstadt (7. Mai) und in Mainz (14. Mai). Das Halbfinale war einmal mehr der Beleg, dass Hertha zwar eine bemerkenswerte Saison spielt, aber noch ein erhebliches Stück entfernt ist von der nationalen Spitze.

Manager Michael Preetz verwies ­darauf, dass Hertha im Fall eines ­Europacup-Tickets in jedem Fall personell aufrüsten müsse. „Sollten wir international starten, wird das einen ­Zugewinn an Erfahrung bedeuten. Es ist aber auch eine Herausforderung für die Kaderplanung“, sagte Preetz. Allein in der ersten Saisonhälfte 2016/17 ­würden sechs bis acht zusätzliche ­englische ­Wochen an­stehen.