Immer Hertha

BVB-Boss Watzke gibt sich in Berlin als schlechter Gewinner

BVB-Boss Watzke trat nach Dortmunds Sieg bei Hertha gegen Pal Dardai nach. Ein zeitlos schlechter Auftritt, kommentiert Jörn Lange.

Um ziemlich genau 22.30 Uhr beschlich Hans-Joachim Watzke das Gefühl, dass nun seine große Stunde geschlagen hatte. Genüsslich schritt der Vorsitzende der Geschäftsführung von Borussia Dortmund am späten Mittwochabend in die Katakomben des Olympiastadions, mit einem überlegen eingefahrenen 3:0 im Rücken und einem Gewinnerlächeln im Gesicht; stellte sich, nachdem die eigentlichen Protagonisten des Abends ihren Gassenlauf durch die Journalisten beendet hatten, vor die Traube der Medienvertreter und rückte sich selbst in den Mittelpunkt.

Ein gutes Gefühl, erklärte Watzke, hätte ihn schon am frühen Morgen ereilt. Beim Durchblättern der Zeitung habe er gelesen, dass „der gegnerische Trainer schon darüber philosophiert hat, welche Uhr er sich kauft“ – nämlich dann, wenn nicht Dortmund, sondern Hertha ins Finale des DFB-Pokals einzieht. „Da wusste ich schon, dass wir gute Chance haben“, ätzte Watzke und legte kurz darauf noch mal nach. Er wolle Pal Dardai jetzt eine BVB-Uhr schicken, aus dem Merchandising-Katalog wohlgemerkt – als „Andenken an den Abend“. Seitenhiebe im Sekundentakt. Als hätte die Machtdemonstration in den 90 Minuten zuvor nicht gereicht.

Im Internet machte sich Watzke mit seinen Äußerungen keine Freunde. „Schlechter Gewinner“, „Fatzke“, „Fremdschäm-Watzke“ – das Echo der User ließ nicht lange auf sich warten. U(h)rsache und Wirkung.

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Watzkes Spitze, sie wirkte deplatziert, arrogant auch, vor allem aber wie das Resultat einer Fehlinterpretation. Ja, Dardai hatte tatsächlich über einen Uhrenkauf schwadroniert, doch damit eines sicher nicht transportieren wollen: Dass ein Sieg gegen den BVB nur Formsache sei. Als Spieler hatte sich Dardai schon einmal eine Uhr gegönnt, nach seinem allerersten Tor in der Bundesliga, einem kleinen Meilenstein für ihn. Der Einzug ins Pokalfinale wäre nun ein weitaus größerer gewesen. Es gibt unpassendere Gelegenheiten, um über ein Andenken nachzudenken, zumal der Ungar explizit danach gefragt wurde. Um Dardai hauptstädtischen Größenwahn zu unterstellen, bedarf es jedenfalls einer ausgeprägten Fantasie.

Dass Watzke gegen die Konkurrenz wettert, ist nicht neu. Vielleicht sind Uhren dabei ein sensibles Stichwort. Karl-Heinz Rummenigge, der vor ein paar Jahren dabei erwischt wurde, wie er zwei sündhaft teure Luxus-Chronographen am Zoll vorbeischmuggeln wollte, zählte jahrelang zu seinen Lieblingsgegnern. Verständlich, schließlich investierte der Bayern-Boss sein Geld ja nicht nur in Uhren, sondern auch in BVB-Spieler. Auf Mario Götze folgte Robert Lewandowski, Marco Reus schien zwischenzeitlich der nächste Kandidat zu sein, dessen Stunden beim BVB gezählt waren.

Hertha indes steht keineswegs im Verdacht, im Dortmunder Revier wildern zu wollen, geschweige denn zu können. Warum also diese Breitseite? Vielleicht hatte sich Watzke an seinen letzten Berlin-Aufenthalt erinnert. Anfang Februar rang Hertha der Borussia ein 0:0 ab. BVB-Coach Thomas Tuchel schimpfte damals über den schlechten Rasen im Olympiastadion. Hertha-Manager Michael Preetz antwortete keck via Twitter. „Wir wollten den Rasen wechseln, aber jetzt lassen wir ihn liegen, bis ihr wiederkommt.“ Ein Scherz.

Vielleicht hatte es Watzke auch die Symbolkraft der Uhr an sich angetan. Schließlich gilt sie als Zeichen für den Lauf des Lebens, für Höhen und Tiefen, für Weiterentwicklung, für Vergänglichkeit. Und während der Trend bei Hertha trotz der jüngsten Enttäuschungen steil nach oben zeigt, musste Dortmund zuletzt ja einen herben Rückschlag verkraften: das bittere Aus in der Europa League, ausgerechnet gegen Ex-Trainer Jürgen Klopp.

Wie es sich anfühlt, wenn ein Traum zerplatzt, hatte Watzke also nur sechs Tage zuvor selbst erlebt. Umso mehr verwundert sein Nachkarten gegen Dardai. Dem eindrucksvollen Auftritt des BVB verpasste er so einen unrühmlichen Anstrich. Ob mit oder ohne Uhr: Das, Herr Watzke, war ein zeitlos schlechter Auftritt.