– Die VIP-Tribüne wird prominent besetzt sein wie lange nicht. Joachim Löw ist da, der Bundestrainer, Oliver Bierhoff, Manager der Nationalmannschaft, Reinhard Grindel, neuer Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Michael Müller, der Regierende Bürgermeister, sein Vorgänger Klaus Wowereit – alle wollen am Mittwoch dabei sein beim Pokal-Halbfinale von Hertha BSC gegen Borussia Dortmund (20.30 Uhr, Olympiastadion). Zum ersten Mal seit 35 Jahren steht der Hauptstadt-Klub in der Vorschlussrunde. Zum ersten Mal seit 1985, seitdem das Pokalfinale im Olympiastadion ausgetragen wird, haben die Hertha-Profis die Chance, das Endspiel im eigenen Wohnzimmer zu erreichen. Hertha-Trainer Pal Dardai sagt: „Wir haben keinen Druck, Dortmund ist Favorit. Unser Traum ist das Pokalfinale.“ Davon soll sich niemand täuschen lassen. Für Hertha steht eine Menge auf dem Spiel. Gelingt Hertha die Überraschung gegen Dortmund, verspricht sich der Verein sehr wohl Auswirkungen auf ...

... die sportliche Entwicklung: Hertha BSC braucht die Teilnahme am internationalen Geschäft. Vor allem als Perspektive für die jungen Spieler in den eigenen Reihen wie John Brooks (23), Marvin Plattenhardt (24), Mitchell Weiser (21) und Niklas Stark (21). Ob das Ticket über den Pokal gelöst wird oder über die Liga, Trainer Dardai sagt: „In jedem Fall wäre das gut für uns. Weil die Wettkämpfe auf internationalem Niveau, das Tempo, die Handlungsschnelligkeit noch etwas anderes ist als in der Bundesliga.“

... die wirtschaftliche Entwicklung: Mit dem Einzug ins Halbfinale hat Hertha aus dem Pool des TV-Geldes und der Zentralvermarktung 4,05 Millionen Euro sicher. Das Erreichen des Endspiels ist mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Der Sieger des Finales, das am 21. Mai ebenfalls im Olympiastadion gespielt wird, erhält eine weitere Million. Dazu kommt ein Brutto-Erlös von rund zwei Millionen Euro aus den Einnahmen der insgesamt 76.2334 Zuschauer im ausverkauften Olympiastadion. Von dieser Summe erhält der Deutsche Fußball-Bund zehn Prozent. Die verbleibenden 1,8 Millionen werden je zur Hälfte zwischen Hertha und Borussia ­Dortmund geteilt.

... die Gesamtentwicklung: Hertha wirbt intensiv um neue Sponsoren und sucht nach einem weiteren Investor. Hertha nutzt (gemeinsam mit Vermarkter Lagadere Sports/Ex-Sportfive) offensiv die Strahlkraft des Pokal-Halbfinales gegen den BVB. So halten Ingo ­Schiller, Geschäftsführer Finanzen, ­sowie Thomas E. Herrich und Paul Keuter aus der Hertha-Geschäfts­leitung Vorträge vor potenziellen Partnern. „Wir hoffen, dass die ­Atmosphäre einzigartig wird“, sagt Schiller der Morgenpost.

... Zuschauer-Perspektive: Hertha klagt seit längerem über zu geringe ­Besucher-Zahlen im Olympiastadion. In der aktuellen Saison beläuft er sich im Schnitt auf 45.600 Zuschauer. Der Wunsch nach einer neuen Fußballarena wird sich, wenn überhaupt, irgendwann in der Zukunft erfüllen. Konkret hofft Trainer Dardai auf den Impuls eines gewonnenen Pokal-Halbfinales, der ein Endspiel, mutmaßlich gegen den FC Bayern, zur Folge hat. „Ich erwarte dann eine Euphorie, so dass wir in der nächsten Saison 8000 bis 10.000 Fans mehr im Olympiastadion hätten“, sagt Dardai.

... Jagd auf Talente: Längst fischen fast alle Bundesligisten in dem großen, international gemischten Pool an Jugendkickern, den Berlin bietet. Die Ausbildung bei Hertha erhält seit Jahren regelmäßig die höchstmögliche Zertifizierung mit drei Sternen. Doch besser als der papierene Ausweis von Qualität ist eine Hertha-Profimannschaft, die sich in einer mitreißenden Pokalnacht auch mal gegen einen großen Gegner wie Dortmund durchsetzen kann. „Wir wollen den ‘Hertha-Virus’ weitertragen“, sagt Dardai. „Das wäre eine Riesenmotivation für Kinder, bei Hertha zu spielen. Davon profitiert die Nachwuchsakademie.“

... der Ruf: Das Pokal-Halbfinale im ausverkauften Olympiastadion sowie vor rund zehn Millionen TV-Zuschauern bietet Hertha die Chance, das Image aufzupolieren. Erreicht die Mannschaft um Kapitän Fabian Lustenberger nach 35 Jahren Pokal-Finale in Berlin endlich das Endspiel, „wird davon noch in 20 Jahren gesprochen“, sagt Trainer Dardai. Seit Jahrzehnten hatte Hertha nichts damit zu tun, wenn Titel vergeben wurden. Um präzise zu sein, ­datiert der letzte Titel, die Deutsche Meisterschaft, von 1931. Es gibt viele Gründe, die mit der deutschen Teilung, der schwierigen wirtschaftlichen Situation der Stadt sowie den vielen Zu- und Abwanderern nach Berlin zu tun haben, warum Hertha kein Spitzenklub ist. Das Pokal-Halbfinale bietet die Chance, endlich das Vorurteil zu widerlegen, der Hauptstadt-Klub habe nichts mit Topfußball zu tun. Jenen, die nun finden, das sei alles viel zu viel Druck für die Mannschaft, hält Kapitän Fabian Lustenberger entgegen: „Wir haben die Chance auf das Pokalfinale. Der Druck von außen beeinflusst uns überhaupt nicht.“