Mal was anderes Hören und Sehen, den Kopf frei bekommen, ­abschalten – so hat es Pal Dardai an­geordnet. Statt mit dem obligatorischen Auslaufen verbrachten die Profis von Hertha BSC den Tag mit der Familie.

Sogar auf den Kanälen der Social Media, wo sonst Salomon Kalou oder John Brooks oder Tolga Cigerci oder Niklas Stark mal ein Foto aus ihrem Privatleben publizieren, herrschte ­Ruhe.

Volle Konzentration auf das wichtigste Spiel dieser Saison, das Halbfinale im DFB-Pokal gegen Borussia Dortmund am Mittwoch (20.30 Uhr, Olympiastadion). Und ein wenig hat es etwas von Abtauchen an sich.

Der Trend: ein Remis, zwei Niederlagen

Weil Hertha BSC durchhängt am zum wenigsten geeigneten Zeitpunkt. Das 1:2 bei der TSG Hoffenheim verlängerte den aktuellen Lauf auf ein ­Remis und zwei Niederlagen (bei 3:9 Toren).

Fabian Lustenberger war nach dem Spiel sichtbar enttäuscht
Fabian Lustenberger war nach dem Spiel sichtbar enttäuscht© Bongarts/Getty Images | Simon Hofmann

Eigentlich hatten die Berliner mit einem Erfolgserlebnis aus Sinsheim zurückkehren wollen. Geplant war, Selbstbewusstsein zu tanken für das erste Halbfinale seit 35 Jahren. Der ­gesamte Verein fiebert der Partie in dem seit Wochen mit 76.233 Fans ausverkauften Olympiastadion entgegen.

Da wurmt nicht nur die neunte Saisonniederlage und das Abrutschen von Platz drei auf vier. Sorgen bereitet die fehlende Power in Hoffenheim in den letzten 20 Minuten. Immerhin kann es sein, dass der DFB-Pokal am Mittwoch über 120 Minuten geht. Auch „die Sorglosigkeit, wie wir bei Standards zwei Gegentore kassiert haben“, spricht Manager Michael Preetz an.

Plattenhardt: Lassen uns nichts von außen einreden

Doch diese Tage sind nicht geeignet für ausgefeilte Analysen. Oberste Hertha-Pflicht ist der Fokus auf das Pokalhalbfinale. Entsprechend war die Stimmung bereits am späten Sonnabend am Frankfurter Flughafen, als die Mannschaft auf den Flieger nach Tegel wartete.

Den Ball im Blick: Peter Pekarik
Den Ball im Blick: Peter Pekarik © Bongarts/Getty Images | Simon Hofmann

Die Atmosphäre war ein wenig gedrückt, es lachte niemand. Vor allem aber gaben sich die Profis kämpferisch. „Wir sind weiterhin eine gute Mannschaft. Wir lassen uns nicht einreden von außen, dass wir nicht gut drauf sind“, sagte Linksverteidiger Marvin Plattenhardt.

„Die Saison ist eine ­positive Überraschung für uns. Wir sind immer noch dick dabei. Es ist alles im grünen Bereich.“ Innenverteidiger Niklas Stark räumte ein: Ja, neun Gegentore aus den letzten drei Begegnungen seien zu viel. Gleichzeitig wies er daraufhin, dass Hertha aus dem Spiel kaum ­etwas zugelassen habe.

Ob Trainer oder Manager, die Verantwortlichen deuteten vor allem auf die positiven Puzzleteile der Dienst­reise nach Sinsheim. „Wir haben ­wieder kompakter gestanden und zur Stabilität zurückgefunden“, sagte Preetz. Coach Pal Dardai sagte, dass ihm der Vortrag seiner Mannschaft in der ersten Hälfte gefallen habe.

Stark und Brooks stabil

Wichtig war die Rückkehr von John Brooks in die Innenverteidigung. Es steht zu erwarten, dass am Mittwoch die jungen und schnellen Stark (21 Jahre) sowie Brooks (23) gegen die brandgefährliche BVB-Offensive um Pierre-Emerick Aubameyang spielen werden.

Da war noch alles gut: Torschütze Niklas Stark (l) jubelt mit John Anthony Brooks
Da war noch alles gut: Torschütze Niklas Stark (l) jubelt mit John Anthony Brooks © dpa | Uwe Anspach

Der erfahrene ­Sebastian Langkamp (28), über weite Teile dieser Saison Herthas Abwehrchef, wird wohl ­zunächst auf der Bank Platz ­nehmen.

Hertha sucht einen Mutmacher. Wenn es die aktuellen Resultate der Mannschaft derzeit nicht hergeben, hilft der Blick aufs große und ganze. So hat Trainer Dardai das Halbfinale gegen Dortmund bereits unmittelbar nach dem Abpfiff in Hoffenheim fest im Blick.

„Die ganze Stadt wartet auf das Spiel. Wir haben im Schnitt ­50-, 55.000 Zuschauer. Aber wenn das Olympiastadion voll ist, dann ist das gigantisch.“ Manager Preetz, grundsätzlich ein kontrollierter Charakter, gerät bei dem Thema ins Schwärmen. „Ich bin seit 20 Jahren bei Hertha und habe 20 ­Jahre auf einen Abend wie Mittwoch gewartet.“

Ist Hertha auf ein Pokal-Drama vorbereitet?

Im Juli 1996 hat er seinen Dienst angetreten, damals als Stürmer. „Wir sind Pokal-Halbfinale angelangt, haben mit Dortmund einen großartigen Gegner.“ Natürlich liegt die Favoritenrolle beim BVB. „Es ist ein Flutlichtspiel, wir werden eine großartige Unterstützung haben“, sagt Preetz. „Wir gehen dieses Spiel mit maximaler Freude und ­maximaler ­Bereitschaft an.“

Welche Stimmung und welche Dynamik ein Pokalspiel freisetzen kann, haben in der vergangenen Woche die Europacup-Partien in Lissabon (2:2 gegen Bayern) und Liverpool (4:3 gegen Dortmund) gezeigt. Hertha und die Anhänger – ist der Klub auf einen Abend im emotionalen Ausnahmezustand vorbereitet?

Pal Dardai: „Fußball ist für die Fans da. Wenn wir Mittwoch einen schönen Tag haben, wenn wir gewinnen, ­vielleicht mit einem 0:0 nach 120 Minuten und dann im Elfmeterschießen, dann können unsere Fans auch zum Finale ­kommen.“