Einmal hatten sie in der Abwehr von Hertha BSC nicht aufgepasst. Bum-Kun Cha stürmte aufs Tor, „über unsere linke Abwehrseite“, erinnert sich Jochem Ziegert. „Dann hat es geknallt“, beschreibt der damalige Abwehrspieler Ziegert die Szene. 30. Minute, 1:0 für Eintracht Frankfurt, daran änderte sich nichts mehr.

Hertha schied trotz einer guten Leistung im April 1981 im Halbfinale des DFB-Pokals aus – und erreichte es mit der Profi-Mannschaft 35 Jahre lang nicht mehr. Die unheimliche Serie ­endet diesen Mittwoch mit der Partie gegen Borussia Dortmund.

Frankfurt gegen Hertha, das war der damalige Uefa-Cup-Sieger mit Karl-Heinz Körbel, Norbert Nachtweih, Ronny Borchers und Bruno Pezzey. Hertha kam damals als Zweitligist, Michael Sziedat (zum Halbfinal-Gegner Frankfurt), Uwe Kliemann und Wolfgang Sidka waren gegangen.

Damit war die große Mannschaft um Erich Beer aus der zweiten Hälfte der 70er Jahre Geschichte. Von denjenigen, die maßgeblich an der Vizemeisterschaft 1975, dem Erreichen der Pokalfinals 1977 und 1979 sowie dem Uefa-Cup-Halbfinale 1979 beteiligt waren, spielte nur noch der schon 33-jährige Holger Brück in Berlin.

Einladung zum Vertragspoker kommt per Post

Uwe Klimaschefski hatte das Traineramt von Helmut Kronsbein übernommen, neu gekommen waren Horst Ehrmantraut, Jürgen Mohr und Werner Killmaier. Hertha hatte keine Stars mehr, aber „eine sehr gute Mischung“, sagt Ziegert. Er selbst wechselte in der Winterpause 1980 von Tennis Borussia. „Eine komische Geschichte“ war das.

Hertha suchte einen groß­gewachsenen Verteidiger. Ziegert (1,90 m) hatte im Zweitliga-Derby in der Hinrunde überzeugt, und TeBe war nicht unglücklich über mehrere Hunderttausend D-Mark Ablöse. Ziegert selbst fand einen Brief im Kasten, er möge zwecks Vertrags­verhandlungen zu Hertha-Präsident Wolfgang Holst kommen.

„Für mich war das wie ein Sechser im Lotto“, sagt Ziegert. Bei Hertha war er sofort in der Stammelf. Mit TeBe war er in der ersten Pokalrunde beim VfL Osnabrück gescheitert (0:2 n.V.), nun stieg er im Achtelfinale wieder ein. Es folgten Siege gegen die Bundesligisten Bayer Uerdingen (5:1) und Fortuna Düsseldorf.

Nur 26.000 Zuschauer im Waldstadion

„Der Boden war gefroren wie Beton“, sagt Ziegert. Hertha gewann 2:1 gegen den Titelverteidiger. „Wir hatten Lunte ­gerochen“, beschreibt der heute 61-Jährige die Stimmung vor dem Halbfinale.

Am Ende blieben nur lobende Worte. „Diese Hertha würde immer in der Bundesliga mitspielen können“, sagte Frankfurts Trainer Lothar Buchmann. Das hat auch Ziegert so in Erinnerung: „Wir hatten Frankfurt im Griff. Nach dem Rückstand haben wir alles ­versucht. Ich bin noch mal vorne mit dem Kopf in einen Ball reingeflogen.“

Der Pokal hatte nicht ansatzweise den Stellenwert von heute, das Waldstadion war mit 26.000 Zuschauern nur spärlich gefüllt. So bitter das Aus im DFB-Pokal war, die große Enttäuschung folgte später.

Hertha verlor vor jeweils rund 70.000 Fans im Olympiastadion die entscheidenden Spiele um den Aufstieg gegen Werder Bremen (1:2) und Eintracht Braunschweig (2:4). Die direkte Rückkehr in die Bundesliga gelang nicht. Trotz 123 erzielter Treffer in 42 Partien der Zweiten Liga Nord. Allein 58 Tore gingen auf das Konto des Duos Killmaier/Thomas Remark.

Der Aufstieg folgte ein Jahr später, doch Ziegert spielte wegen einer Knieverletzung kaum noch. Mit 28 Jahren beendete er seine Laufbahn nach insgesamt 170 Zweitliga-Einsätzen. Er ist in der Rückschau der einzige ­Herthaner aus der Startelf des Halbfinals in ­Frankfurt ohne Bundesliga-Spiel.

Hertha verlernt Pokal

Hertha verlernte danach Pokal. In den 35 Jahren seither reichte es bis zu Beginn dieser Spielzeit nur noch zu vier Viertelfinal-Teilnahmen. Ziegert arbeitete fortan bei der Oberfinanzdirektion, dazu stieg er als Trainer im Nachwuchs ein. Momentan ist er bei der U15 Assistent von Andreas Neuendorf. Bei der Amateurmannschaft war er zunächst Co-Trainer, beerbte im Spätsommer 1992 Karsten Heine.

Ein Jahr später kannte ihn ganz Fußball-Deutschland. Ziegert führte die Hertha-Bubis ins Pokalendspiel, das 0:1 gegen Bayer Leverkusen endete – der Finaleinzug durch ein frenetisch gefeiertes 2:1 im Halbfinale gegen den Chemnitzer FC ist die bis heute größte Sensation in der Geschichte des Wettbewerbs. Der Kontakt zwischen den Pokalhelden von 1993 ist nie abgerissen, zum 25-jährigen Jubiläum soll eine ­große Feier stattfinden.

Irgendwo auf dieser Pokal-Rallye hatte ihm der Amateurvorsitzende Jörg Thomas für den Fall des Finaleinzugs einen Triumph TR6 ­versprochen. Ziegert besitzt den Traum­wagen seiner Jugend heute noch. Beim Halbfinale gegen Dortmund wird er im Stadion sein, der Oldtimer bleibt aber in der Garage: „Der ist nur etwas für den Sommer.“