Hertha BSC

Hertha darf jetzt nur nicht den Kopf verlieren

Hertha-Coach Dardai beschwert sich über die gestiegene Erwartungshaltung. Stürmer Ibisevic zieht sich schwere Gesichtsverletzung zu.

Stürmer Vedad Ibisevic zog sich gegen Hannover einen Bruch der linken Kieferhöhle zu

Stürmer Vedad Ibisevic zog sich gegen Hannover einen Bruch der linken Kieferhöhle zu

Foto: Ottmar Winter

Wenn es bei Hertha BSC dieser Tage ein Reizthema gibt, dann fängt es mit „Champions“ an und hört mit „League“ auf. Pal Dardai machte am Sonnabend jedenfalls unmissverständlich klar, dass er lieber über andere Dinge sprechen möchte – allerdings erst, nachdem er eine Königsklassen-Tirade abgefeuert hatte. Diejenigen, die davon träumen, das seien die anderen, so die Botschaft des Trainers. Ein hausgemachtes Problem von Fans und Medien, aber beileibe nicht von Team oder Trainer. Wagenburg-Rhetorik.

Am Abend zuvor, unmittelbar nach dem 2:2 (1:1) gegen Hannover 96, hatte sich das noch anders angehört. Dass Hertha in der Tabelle „immer noch da oben steht“, hatte Dardai gesagt, „das belastet die Jungs wahrscheinlich auch“.

Eine nachvollziehbare These, schließlich sind die Berliner im Bundesliga-Treppenhaus mit beherztem Schritt nach oben marschiert. Den Keller haben sie längst hinter sich gelassen, sich stattdessen so aussichtsreich positioniert, dass nun sogar ein Plätzchen in den Spitzenetagen erreichbar scheint, dort wo sonst nur die Großen logieren.

Seit Mitte Dezember oben dabei

Sollte Hertha aber auf den letzten Stufen noch stolpern, fänden sich die Berliner plötzlich auf dem Hosenboden wieder. Die Chance des Scheiterns ist existent. Dass vor Saisonbeginn selbst ein solider Mittelfeldplatz als Erfolg gewertet worden wäre, spielt keine Rolle mehr.

„Die Jungs können Zeitung lesen“, sagte Manager Michael Preetz am Freitagabend. „Die Spiele werden weniger, und als Sportler will man verteidigen, was man erreicht hat.“ Abgesehen von einer einzigen Woche stand Hertha seit Mitte Dezember durchgehend auf Tabellenplatz drei. „Seit Ewigkeiten“, wie Preetz sagt.

Der Kopf, na klar, er kickt mit. Gegen Hannover hat Hertha ihn verloren – nach dem frühen 1:0 durch Vedad Ibisevic (3. Minute), nach einem Start, der besser nicht hätte laufen können. Vielleicht, sagte Dardai, sei der Wille zur Wiedergutmachung nach dem 0:5 in Mönchengladbach etwas zu groß gewesen.

Trotz gebrochenen Kiefers – ein Einsatz scheint möglich

„Vogelwild“ habe seine Mannschaft im Anschluss agiert, allen voran Per Skjelbred und Tolga Cigerci im defensiven Mittelfeld. „Hin und her – die standen teilweise bei mir an der Außenlinie“, monierte der Trainer, „in solchen Situationen müssen wir mehr Kontrolle zeigen.“ Hertha aber agierte zu planlos nach vorne und zu sorglos in der Defensive. „Die Gegentore waren zu einfach“, sagte Skjelbred mit Blick auf die Treffer von Artur Sobiech (18.) und Manuel Schmiedebach (58.), „das darf nicht passieren.“

Derjenige, der Hertha mit seinem 2:2 (72.) immerhin noch einen Punkt bescherte, schaute unterdessen schon in die Zukunft. „Wir haben in der Bundesliga noch fünf Partien“, sagte Salomon Kalou, „das werden für uns fünf Endspiele.“

Das erste davon findet am Sonnabend bei der TSG Hoffenheim statt, und das möglicherweise ohne Ibisevic. Bei einem Zusammenprall mit Hannovers Alexander Milosevic hatte sich der Stürmer eine Fraktur der linken Kieferhöhle zugezogen. Eine Operation bleibt dem Bosnier zwar erspart, die Ungewissheit über einen Einsatz aber bleibt. Wenn er spielt, dann wohl nur mit einer Spezialmaske. Mit neun Treffern und vier Vorlagen ist Ibisevic in dieser Saison der zweiterfolgreichste Angreifer der Berliner.

Verwunderung über Verhalten der Berliner Fans

Gut für Hertha: Mit Julian Schieber, der gegen Hannover nach langer Knieverletzung seinen zweiten Einsatz in dieser Spielzeit absolvierte und das 2:2 vorbereitete, verfügt Dardai im Angriff wieder über eine Alternative. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter Sebastian Langkamp, der bei den 96-Toren keine gute Figur gemacht hatte. Der Innenverteidiger zog sich eine Sprunggelenksblessur zu. Für Montag ist eine MRT-Untersuchung angesetzt.

An Verletzungen kann Dardai nichts ändern. Was er sehr wohl beeinflussen kann, ist die psychische Verfassung seiner Spieler. „Wir waren übermotiviert“, sagte der Trainer, „das ist noch schlimmer als untermotiviert. Untermotivierte brauchen nur einen Tritt in den Hintern, aber übermotivierte Spieler zu bremsen, geht nicht.“ Die richtige Balance zu finden, wird für Dardai in den kommenden Wochen eine der größten Herausforderungen sein.

Am Sonnabend war der Ungar bemüht, nicht nur seine Spieler, sondern auch die Fans zu erreichen. „Wir sind so weit, dass das Publikum zur Halbzeit und bei Querpässen pfeift“, stellte er verwundert fest, und das, obwohl sich Hannover im ersten Spiel unter Interimstrainer Daniel Stendel „frei spielte“, wie Dardai es nannte. So wie Hertha im ersten Spiel unter seiner Führung vor etwas mehr als einem Jahr. Die Ansprüche in der Hauptstadt, sie sind schneller gewachsen als das Team.

Trotz des Remis gegen Hannover: Das Erreichen der nächsten Stufe, selbst der Champions League, scheint weiter möglich. Der Abstand auf Verfolger Gladbach ist sogar gewachsen. „Wir sind noch oben dabei“, sagte Dardai. Nicht mehr und nicht weniger.