Pal Dardai hatte darauf gewartet. Jede Woche seit Beginn der Rückrunde dachte Herthas Cheftrainer: Wann kommt der endlich? Sehnsüchtig erwartet wurde ein Torjäger. Dardai kannte ihn von Videos aus Japan. Da hatte er „unglaubliche Tore geschossen und Vorlagen geliefert“, sagt der Ungar. Aber hier, bei ihm in Berlin, war der Knipser Genki Haraguchi noch nicht aufgetaucht. Nur das Fleißbienchen Genki Haraguchi schwirrte herum – bis zum Sonnabend.
Da erzielte der 24-Jährige beim 2:1 gegen Ingolstadt einen Treffer und bereitete auch den zweiten von Salomon Kalou vor. „Genki hat jetzt endlich diesen Schritt gemacht“, sagt Dardai.
„Das ist wie in der Schule: Erst kommt die 1. Klasse, dann die 2. und 3., und irgendwann hat man dann das Abitur“, so der 40-Jährige. Haraguchis Reifeprüfung sei erst jetzt abgelegt, da er auch Zählbares verzeichnen konnte. „Ein Angreifer braucht Tore und Vorlagen. Diesmal hat er das überragend gemacht“, so Dardai.
Nur einmal in 27 Spielen verzichtete Dardai auf den 24-Jährigen
Haraguchi kam vor anderthalb Jahren für eine halbe Million Euro von den Urawa Red Diamonds, galt aber nicht als Sofortmaßnahme, sondern als Wertanlage für die Zukunft. In der ersten Saison war er meist noch Einwechselspieler und kaufte sich die Labradorhündin Ena gegen die Einsamkeit.
Spielte er, lief es so: Wie ein Welpe pirschte er zwar über den Rasen, schnüffelte mal hier, mal dort, ob was geht, aber das Tor traf er nur ein einziges Mal in 21 Spielen (eine Vorlage). Heute ist Hündin Ena ein ausgewachsenes Prachtexemplar und ihr Herrchen auf dem besten Weg, in die Bundesliga hereinzuwachsen.
Nur einmal verzichtete Dardai in 27 Partien auf Haraguchi, 24 Mal stand er in der Startelf und hat die Konkurrenten Roy Beerens und Valentin Stocker hinter sich gelassen. Das liegt zum einen an der Geschwindigkeit, die Dardai sonst nicht im Übermaß in seinem Kader findet (Topwert: 34,4 Km/h).
Haraguchi hat das Tempo, das Hertha sonst fehlt
Zum anderen hat das mit seinem Einsatzwillen zutun: „Genki ist schnell und fleißig“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. „Seine Geschwindigkeit kann für uns den Unterschied ausmachen, und er ist unangenehm für jeden Gegenspieler“, sagt Dardai. „Nur der letzte Pass, die letzte, richtige Entscheidung vor dem Tor, hatten noch gefehlt.“ Gegen Ingolstadt war das anders: Es war die Ankunft des Torjägers aus dem Video.
„Solche Treffer erzielen bei uns sonst eher Salomon Kalou oder Vedad Ibisevic“, sagt Haraguchi und meint: Flanke, Direktabnahme, drin. Eine echte Stürmerbude – schnörkellos und effektiv. Haraguchi aber war bis dahin eher der Schnörkeltyp, spielte Gegenspieler schwindlig und schoss dann meist vorbei. Diesmal nicht. Es war sein zweites Saisontor – bei insgesamt 30 Torschüssen. Zählt man den Treffer vom Pokalviertelfinale gegen Heidenheim mit, einer aus der Schnörkelkategorie, sind es drei Treffer. Und Haraguchi sagt: „Das ist viel zu wenig. Ich möchte mehr Tore machen.“
Nun geht es für ihn nach Japan. Die bisher letzte Länderspielpause im Herbst nutzte Haraguchi, um seine Freundin Ruriko, eine Baseball-Moderatorin, zu heiraten. Diesmal wird er weniger Zeit für Privates haben: Spiele mit der Nationalelf gegen Afghanistan und Syrien warten in der WM-Qualifikation. Da, wo sie ihn als Torjäger kannten, können sie ihn jetzt auch als Torjäger mit Bundesliga-Abitur gebrauchen.





