Hertha BSC

Europapokal – Das unausgesprochene Ziel

Intern galt Europa bei Hertha schon vor der Saison als möglich. Nun winkt sogar die Champions League, aber keiner nimmt es in den Mund.

Blau-weiße Partywand: Nach dem 2:0 gegen Schalke, dem ersten Sieg über die Gelsenkirchner seit zehn Jahren, feiern die Spieler von Hertha BSC mit den Fans in der Ostkurve

Blau-weiße Partywand: Nach dem 2:0 gegen Schalke, dem ersten Sieg über die Gelsenkirchner seit zehn Jahren, feiern die Spieler von Hertha BSC mit den Fans in der Ostkurve

Foto: imago/Camera 4

Im vergangenen August saß Pal Dardai zusammen mit Vedad Ibisevic und schaute in die Zukunft. Ibisevic war damals noch ein Stürmer des VfB Stuttgart und wollte vom Projekt Hertha BSC überzeugt werden. Dardai, sein potenziell neuer Trainer und zweieinhalb Monate zuvor mit den Berlinern dem Abstieg nur knapp entkommen, sagte: „Wenn hier alle gesund bleiben, dann ist in dieser Saison für uns Platz sieben drin.“

Am Sonnabend saß Dardai im Amateurstadion und schaute in die Zukunft. Herthas U19 empfing RB Leipzig in der A-Jugendbundesliga (0:0). Auch eine Halbzeit der U17-Partie gegen Hannover sah er sich an (4:1). Das Projekt Hertha ist für den Ungarn ein langfristiges. Nicht nur heute, sondern auch morgen und übermorgen zählen.

Ab 52 Punkten würde Dardai die Königsklasse anvisieren

Im Moment allerdings überstrahlt das Heute derart alles andere, dass man leicht die Bodenhaftung verlieren könnte. Denn Dardais Prophezeiung vom August ist dabei, übererfüllt zu werden. In der echten Bundesliga haben sich die Blau-Weißen mit dem souveränen 2:0 gegen Schalke am Freitag einen direkten Konkurrenten um die Champions-League-Teilnahme vom Hals gehalten. Ibisevic hatte sich damals von Dardai überzeugen lassen und gegen Schalke sein achtes Saisontor erzielt.

Mit 45 Punkten steht Hertha acht Partien vor Schluss auf Platz drei. Bei einem Sieg über S04 könne man sich neue Ziele stecken, hatte Dardai vor dem 2:0 gegen Königsblau gesagt und sich danach eine Nacht Bedenkschlaf erbeten, ob man nun wirklich auch offiziell vom Europapokal sprechen soll. Am Sonnabend sagte er der Morgenpost: „Warum soll ich 120 Mal das Saisonziel ändern? Nun über Europa zu reden, ist nur ein unnötiger Energieverlust.“

Allerdings gebe es einen Zeitpunkt, an dem auch er sich nicht mehr wehren würde: „Wenn wir 52 Punkte haben, könne wir reden. Schaffen wir das schnell, bin ich der Erste, der sagt: Attacke auf die Champions League.“ Vorher wird die Frage nach neuen Zielen von ihm beantwortet wie am Freitag: „Ich weiß, was jetzt mein Ziel ist: Mein Vater hat ein halbes Schwein mitgebracht. Dazu gibt es einen schönen Rotwein.“ Ein Ablenkungsmanöver der dardaischen Art.

Haraguchi verplappert sich

Der Fußball funktioniert nämlich manchmal nicht anderes als ein Kasperletheater: Der Zuschauer erfreut sich an dem, was oben vorgespielt wird. Dass darunter Leute sitzen und nebenbei schon den nächsten Akt vorbereiten, sieht er nicht.

Auf der Bühne sagt Herthas Manager Michael Preetz auf die Frage, ob ihn diese Saison nicht an 1999 erinnere, als sich Hertha auch völlig überraschend für die Königsklasse qualifizierte: „Ich habe so viele Kopfbälle gemacht, das ist alles weg.“ Damals standen die Berliner mit Preetz und Dardai im Kader am 26. Spieltag auf Platz vier und hatten 44 Punkte. 17 Jahre später sagt Preetz über neue Ziele: „Das nächste Spiel gewinnen.“

Hinter den Kulissen aber hat Hertha nicht nur bei der Stadiongesellschaft alle Europapokaltermine blocken lassen – was kein Hochmut ist, sondern bei der aktuellen Konstellation schlichtweg fahrlässig wäre, wenn man das versäumte. Zudem wird intern sehr wohl von der Champions League gesprochen.

Das verriet einer, der von der offiziellen Sprachreglung vielleicht nichts mitbekommen hatte: „Co-Trainer Rainer Widmayer hat vor dem Spiel gesagt: Wenn wir das gewinnen, dann können wir die Champions League erreichen. Das hat uns sehr motiviert“, erzählte der Japaner Genki Haraguchi nach dem 2:0 gegen Schalke.

Die Statistik spricht für eine Europapokalteilnahme

Und dann ist da ja auch noch das Gespräch zwischen Dardai und Ibisevic vor der Saison: Als alle nur vom Ziel Klassenerhalt sprachen, sprach Dardai heimlich von der Region um die Europapokalränge. „46 Punkte habe ich meiner Mannschaft zugetraut. Aber sie hat es schneller geschafft, als ich dachte“, sagt der 39-Jährige heute. Europa bleibt bei ihm und Preetz unausgesprochen, aber es ist das neue Saisonziel.

Und das ist realistisch: Seit der Einführung der Drei-Punkte-Regel vor 20 Jahren hat es fast immer das Team in den Europacup geschafft, das am 26. Spieltag 45 Punkte oder mehr hatte. Nur Kaiserslautern verbockte es 2001 und 2002 noch. 40 Prozent aller Drittplatzierten am 26. Spieltag schafften es auch auf den Champions-League-Platz.

Das Projekt Hertha ist für Dardai nicht nur diese Saison: Die Reisen in Europa würden dem Verein und seiner Elf neue Entwicklungschancen bieten. Mit 44 Partien im Europapokal für Hertha (sieben in der Königsklasse, 35 im Uefa- und zwei im UI-Cup) sowie 61 Länderspielen für Ungarn ist er international erfahren genug. Aber all das bleibt unausgesprochen. Dardai sagt über die Zukunft öffentlich nur das: „Gewinnen wir vier der letzten acht Spiele, dann ist etwas möglich.“