Es war nicht klar, ob die Zeit ausreichen würde. Ob alles schon so gefestigt sein würde, dass man bestehen könnte, wenn Schalke 04 ins Olympiastadion kommt. Das war eine Frage des Wachstums. Am Ende aber erwiesen sich jene Bedenken als haltlos: Der erst ein paar Tage zuvor verlegte, neue Rasen in der Berliner Arena verrichtete seine Arbeit am Freitagabend zuverlässig.

Es war auch nicht klar, ob die Zeit schon reif war. Ob Hertha BSC bestehen könnte, wenn mit Schalke der Tabellenvierte zum Duell um den Champions-League-Platz drei anreist. Auch das war ja eine Frage des Wachstums: Ist der Vorjahresfastabsteiger aus Berlin tatsächlich schon so weit, um das internationale Geschäft mitzumischen und sogar direkte Konkurrenten aus finanziell anderen Gefilden wegzubeißen? Seit dem späten Freitagabend muss die klare Antwort lauten: ja. Hertha ist nach einem in dieser Deutlichkeit überraschenden 2:0 (1:0) gegen Schalke reif, um tatsächlich nach einem Europapokalplatz zu greifen.

„Hertha ist eine gute Mannschaft, wenn der Teppich da ist, der heilige Rasen“, machte Trainer Pal Dardai deutlich: „Das ist wichtig für unsere Spielweise.“ Eine Spielweise, die Hertha durch die Treffer von Vedad Ibisevic (42.) und Niklas Stark (65.) erstmals seit zehn Jahren – genau genommen seit 3462 Tagen und insgesamt 14 Partien – wieder einen Sieg gegen Königsblau bescherte. Damit festigen die Berliner acht Spieltage vor Schluss Rang drei. Als der Ball kurz vor der Pause nach toller Ballstafette zum ersten Mal im Schalker Netz lag, schlug sich Dardai mit der Faust in die flache Hand und brüllte: „Das ist Fußball.“

Eine traumhafte Ballstafette beschert die Führung

Und es hatte wirklich wieder nach Fußball ausgesehen, was Dardais Elf da anbot: Der Ungar hatte auf die schwache Vorstellung in Hamburg am Sonntag (0:2) mit zwei Personalentscheidungen reagiert: Der im Formtief befindliche Kapitän Fabian Lustenberger blieb ebenso draußen wie Rechtsverteidiger Peter Pekarik. Tolga Cigerci und Genki Haraguchi durften es stattdessen versuchen. Beide sollten einen gewichtigen Anteil am Sieg haben.

Dass sich auf dem neuen Rasen wieder geschmeidiger Fußball spielen lässt als auf dem alten Acker, zeigte Salomon Kalou gleich zu Beginn, als der Ivorer in seinem 50. Bundesligaspiel die erst Chance durch Vladimir Darida mit einem seiner katzengeschmeidigen Sololäufe einleitete, aber der Tscheche aus acht Metern am Schalker Schlussmann Ralf Fährmann scheiterte (9.). Lange wurden dann die beiden neu verlegten Strafräume geschont, bis Klaas-Jan Huntelaar Rune Jarstein im Berliner Tor mit einem Kopfball aus sechs Metern zur Parade zwang (21.).

Dardais Dampfhammer-Faust

Aber Hertha war in einer bis dahin noch ausgeglichenen Partie die etwas griffigere Mannschaft. „Kompliment an die Jungs. Ein Spiel gegen Schalke muss man erst einmal in diese Richtung lenken“, lobte Dardai. Cigerci setzte erst einen Freistoß knapp am Tor vorbei (27.) und verlangte dann Fährmann mit einem Seitfallzieher eine weitere Parade ab (37.). Dann kam Dardais Dampfhammer-Faust zum Einsatz: Kalou schob rüber auf Darida, der weiter in den Strafraum auf Haraguchi, und der Japaner ließ mit einer Berührung auf Ibisevic abtropfen. Dass der Bosnier vor dem Tor kalt wie eine Märznacht im Olympiastadion sein kann, hatte er schon bewiesen: Drin war der Ball – sein achter Saisontreffer. Ein Angriff wie auf einer alten Trainerkladde entworfen. Eine besondere Genugtuung für Ibisevic war es auch: Bei der 1:2-Hinspielniederlage war der Stürmer noch nach 18 Minuten wegen eines groben Foulspiels vom Platz geflogen. Diesmal tat er den Schalkern auf die deutlich klügere Art weh.

Aber die zuvor vier Mal ungeschlagenen Königsblauen kamen wütend aus der Pause: Glück hatte Hertha, als Dennis Aogo plötzlich allein vor Jarstein auftauchte, doch knapp das Tor verfehlte (55.). Es wurde nun das intensive Spiel, das man sich bei der Tabellenkonstellation erhofft hatte: Der wieder einmal gute Kalou musste im Gegenzug nach einem 60-Meter-Sprint von Roman Neustädter in höchster Not gebremst werden (56.). Nichts mehr zu retten war dann für die Gäste, als Vladimir Darida in seiner unverwechselbaren Art einen Eckball trat, das Spielgerät auf die Stirn von Innenverteidiger Stark hob und es von dort zum 2:0 ins lange Toreck sprang (65.). Der Großteil der 51.424 Zuschauer im Stadion lag sich in den Armen – darunter Stark und Plattenhardt. Es war das erste Bundesligator des 20-Jährigen überhaupt. „Wir haben ein Super-Spiel abgeliefert, in den richtigen Situationen dagegengehalten und verdient gewonnen“, sagte Stark.

Ibisevic und Cigerci hätten sogar noch erhöhen können

Und es hätte gut und gerne auch 3:0 stehen könne, wenn der bärenstarke Cigerci eine seiner vorzüglichen Gelegenheiten (69., 71.) genutzt hätte. Spätestens aber als Ibisevic die nächste hochprozentige Chance vergeben hatte (76.), und Cigerci auch noch die Unterkante der Latte traf (79.), war jedem im Rund klar, dass Schalke hier glimpflich davongekommen war.

Diese Partie werde ein Prüfstein, ob seine Elf schon ausreichend gereift sei, hat der Weinkenner Dardai unter der Woche noch gesagt. Nach dem Sieg gegen Schalke ist nun endgültig klar, dass der Berliner Jahrgang 2016 ein ganz hervorragender ist. „Jetzt haben wir eine realistische Chance, diese Saison als Dritter zu beenden“, ist sich Kalou sicher.