Apfelsinen schimmern zwischen den Blättern am Baum durch, der Baum gegenüber trägt Zitronen. Vor mir auf dem Tisch ein Café, Kurzurlaub in Andalusien. Habe „Marca“, eine der täglichen Sportzeitungen in Spanien, ziemlich lange durchgeblättert.

Allein 20 Seiten Vorankündigung zum Derby von Real Madrid gegen Atletico. Favorit Real sollte das Heimspiel 0:1 verlieren. Cristiano Ronaldo würde im Anschluss an die Partie sein Verständnis von Teamgeist zeigen: Wenn alle im Team so gut wären wie er, wäre Real Erster.

Auf der allerletzten Seite von „Marca“ werde ich fündig – Bundesliga. O.K., genau genommen ist es nur die Tabelle samt Ansetzungen: Hertha in Köln. Was zu der Frage führt: Wie wird ­Hertha im Ausland wahr­genommen?

Wie Hertha BSC im Ausland präsentiert wird

Welche Auswirkungen hat der Erfolg? Immerhin tummeln sich die Dardai-Schützlinge, Beinahe-Relegationsstarter des vergangenen Sommers, seit Monaten in der Top Fünf der Bundesliga. Im Spitzenspiel am heutigen Freitag empfängt Hertha als Dritter den Vierten Schalke.

Ich habe dafür mit Menschen gesprochen, die im Ausland über Bundesliga-Fußball berichten. Stephan Uersfeld schreibt für den US-Sender ESPN. Er erzählt, dass der sportliche Erfolg durchaus Auswirkungen habe. In der bleiernen Vorsaison konnte er das Thema Hertha innerhalb eines Jahres vielleicht dreimal unterbringen. Das hat sich geändert.

Derzeit publiziere er drei, vier Geschichten pro Monat über die Blau-Weißen. Die meisten haben mit John Brooks, US-Nationalspieler aus Berlin, und mit Nationaltrainer Jürgen Klinsmann zu tun. Grundsätzlich, so Uersfeld, wird Hertha aber als Underachiever wahrgenommen, als Team aus der deutschen Hauptstadt, das sein Potenzial bei ­Weitem nicht ausschöpfe.

Ähnlich sieht es für Archie Rhind-Tutt aus. Der Engländer lebt in Köln und fliegt ­wöchentlich nach London. Er ist beim Bezahlfernsehsender „BT Sport“ am ­Sonntagabend Bundesliga-Experte in der „European Football Show“. Rhind-Tutt sagt, dass der britische Fußballfan 95 Prozent seiner Aufmerksamkeit auf die Premier League konzentriere. Aus der Bundesliga seien vor allem der FC Bayern und Borussia Dortmund interessant.

Rhind-Tutt habe jedoch ein Faible für die vielen Vereine in der Bundesliga, die sich entwickeln. Wie Hertha BSC. Er hat ein 30-Minuten-Interview mit Salomon Kalou geführt, dessen Vita wegen seiner Zeit beim FC Chelsea auch in England interessiert. Mit Per Skjelbred habe er ebenfalls gesprochen. Nicht weil der auf der Insel ein Name ist, aber der Norweger spricht exzellent Englisch.

Wie eine Parabel von der Raupe Nimmersatt

Von Pal Dardai war der englische Reporter begeistert. Der Hertha-Trainer hat nicht nur grundsätzlich gesprochen, sondern auch konkret: Wie viel Strafe ein Spieler zahlen muss, wenn in der Kabine sein Handy klingelt.

Oder wie der Trainer das Team habe abstimmen lassen, nach der nächtlichen Rückkehr vom Auswärtssieg in Hannover: Wenn wir jetzt um 2 Uhr früh auslaufen, habt ihr zwei Tage am Stück frei. Rhind-Tutt: Dardais Erzählungen seien „Nuggets“. Da habe er einen Bericht produziert über ein junges, frisches Trainergesicht – allerdings wird noch ein Sendetermin gesucht.

Jonathan Harding, Brite, der für den englischsprachigen Dienst der Deutschen Welle und das Fachmagazin FourFourTwo schreibt, benennt die Hilfsmittel, mit denen Hertha international präsentiert wird: Dass der ehemalige Bayern-Spieler Mitchell Weiser in Berlin so stark spiele, dass er entweder mit zur EM nach Frankreich oder zu Olympia nach Rio fahren werde.

Der Blick auf die internationale Wahrnehmung ist wie eine Parabel von der Raupe Nimmersatt: So erfolgreich Hertha die bisherige Saison 2015/16 absolviert – damit künftig international Geschichten über den deutschen Hauptstadt-Klub nicht länger Krücken benötigen wie „hat die Champions League mit Chelsea gewonnen“ oder „hat bei den Bayern mit Franck Ribery und Arjen Robben gekickt“, braucht die Mannschaft 2016/17 mehr Erfolg. Als Teilnehmer der Europa League, besser noch der ­Champions League.