Hertha BSC

Dardai kritisiert: „Das war ein Spiel ohne Leidenschaft“

Fehlende Einstellung oder mieser Tag? Herthas Trainer wundert sich über das 0:2 in Hamburg. Zwei Leistungsträger stecken im Tief.

Vedad Ibisevic (r.) hatte sich nach dem 0:2 gegen den HSV über die fehlende Einstellung bei Hertha beschwert. Ebenso wie

Vedad Ibisevic (r.) hatte sich nach dem 0:2 gegen den HSV über die fehlende Einstellung bei Hertha beschwert. Ebenso wie

Foto: Matthias Koch

Es war ungewöhnlich still im Bus auf der A24. Normalerweise ist es laut im Gefährt von Hertha BSC bei solchen Heimfahrten nach Bundesligaspielen in dieser Saison. Hinten hört man junge Männer über Junge-Männer-Witze lachen, und vorn freut sich Pal Dardai über den jüngsten Coup seiner Elf. Nach dem 0:2 in Hamburg aber fuhr am Sonntag ein Geisterbus durch die Nacht nach Berlin.

Zur selben Zeit irgendwo auf Höhe Wittenberge sang ein ganzes Großraumabteil gut gelaunte Lieder von Howard Carpendale. „Ti amo“ zum Beispiel, da lagen sich die heimreisenden Hertha-Fans in den Armen und schauten sich wie verliebt in bierbeseelte Gesichter. Oder „Hello again“. Nach dem 0:2 in Hamburg rollte ein Partyzug durch die Nacht nach Berlin.

Herthas Reise durch diese Saison war bisher eine im Schlager-Abteil: gute Laune und heile Welt, wohin man schaute. Und wie die aktuelle Rückkehr dieses Genres in die Musikcharts der Republik erlebte auch der Hauptstadtklub eine kaum für möglich gehaltene Renaissance. Dann kam Hamburg, dann hatte Hertha nicht den Hauch einer Chance gegen einen ziemlich mittelmäßigen HSV, und Manager Michael Preetz sagte: „Zum ersten Mal haben wir einen Tag erwischt, an dem wir besser im Bett geblieben wären.“

Trainer Dardai nimmt seine Mannschaft in Schutz

Natürlich darf auch Hertha mal ein Spiel verlieren. Und dass dieser Satz vor nicht allzu langer Zeit noch als Hohn verstanden worden wäre, zeigt, wie fantastisch diese Spielzeit bisher läuft. Das hat auch Dardai nicht vergessen: „Eigentlich hat sich meine Mannschaft verdient, einmal so richtig schlecht spielen zu dürfen“, sagt Herthas Cheftrainer der Morgenpost.

In Hamburg kam allgemein gut an, dass der Ungar nicht versuchte, die verdiente Niederlage beim bis dahin Tabellenelften schön zu reden. „Es ist wie in der Schule: Wenn dein Kind das ganze Jahr über mit Einsen nach Hause kommt und dann einmal eine Fünf kriegt, kannst du doch nicht böse sein“, sagt Dardai.

Hello again, Verlierergefühl von vor einem Jahr. Aber die Blau-Weißen stehen mit 42 Punkten immer noch auf Tabellenplatz drei.

Ibisevic bemängelt fehlende Einstellung

Dennoch gab es in Hamburg auch ein paar Misstöne im Partyzug: Da war der Zorn von Stürmer Vedad Ibisevic, der fand, dass seiner Elf die richtige Einstellung gefehlt habe. Dardai sah das ähnlich: „Es war ein Spiel ohne Leidenschaft. Und das ist komisch, denn meine Spieler sind sonst immer leidenschaftlich – im Training und außerhalb“, sagt der 39-Jährige. „Ich würde es zwar nicht Einstellung nennen, sondern Tagesform, aber alle, wir Trainer und die Spieler, müssen sich Gedanken machen, warum da etwas nicht gestimmt hat.“

Ein Grund für die schlaffe Vorstellung in Hamburg war wohl die schiere Anzahl der Spiele in schneller Abfolge: So chancenlos und müde trat Hertha bisher immer nur am Ende einer englischen Woche auf, wenn drei Partien absolviert werden mussten: gegen Gladbach im Oktober (1:4) und zuletzt in Stuttgart (0:2). „Wir waren in ganz vielen Situationen einen Schritt hinten dran. Das bricht dir dann das Genick“, sagt Innenverteidiger Niklas Stark.

Dardai überlegt: „Vielleicht ist das dritte Spiel noch zu viel für uns. Vielleicht hätte ich auch fünf Spieler aus der Startelf wechseln sollen wie Bruno Labbadia beim HSV. Aber hinterher ist es immer einfach, clever zu sein.“

Lustenberger und Darida suchen ihre gute Hinrundenform

Doch darin steckt sicher auch ein weiterer Grund für die Niederlage in Hamburg: Herthas Problem in der Rückrunde ist, dass manche Leistungsträger der Hinrunde in einem Formtief stecken und trotzdem weiterspielen müssen.

Kapitän Fabian Lustenberger sucht nach seiner Präsenz aus der ersten Saisonhälfte. Gegen den HSV holte ihn Dardai erstmals vom Feld, ohne dass er selbst darum gebeten hatte. Ähnliches ist über Vladimir Darida zu berichten: Der zuvor so überzeugende Tscheche trifft im Moment sein Niveau aus der Hinrunde nicht.

„Vladi und Lusti müssen sich Gedanken machen, wo auf der Strecke sie ein bisschen ihre Linie verloren haben“, sagt Dardai. Zusammen mit Per Skjelbred bildeten beide im zentralen Mittelfeld den Antrieb des Berliner Spiels. Aber weil das eine kraftzehrende Angelegenheit ist, wirken beide nun überspielt. Gefühlt sitzt man da im Geisterbus auf der Autobahn, weiß aber doch, dass nebenan der Partyzug weiterrollt.

Eine einmalige Chance auf die Europapokalteilnahme

Aber Fußball lebt auch von Gelegenheiten, und das macht die Sache so ungerecht: Obwohl das eigentliche Saisonziel Klassenerhalt längst erreicht ist, könnte man am Ende der noch ausstehenden neun Partien vielleicht doch etwas enttäuscht sein: Hertha hat sich in dieser Saison selbst in die Lage gebracht, eine wohl einmalige Chance aufs internationale Geschäft zu besitzen, weil die Restliga jenseits vom FC Bayern und dem BVB eigene Probleme hat.

Nun will sie aber auch genutzt werden. Schon am Freitag kommt der Tabellenvierte Schalke ins Olympiastadion. Ein echter Schlager um Europa.