Wenn man es nicht besser wüsste, könnten sie beinahe als Zwillingsbrüder durchgehen. Gleichalt sind sie fast, und hochgewachsen dazu – Herthas John Brooks (23), 1,93 Meter, genauso wie Joel Matip (24) vom FC Schalke 04, der noch zwei Zentimeter mehr misst. Längst nicht die einzige Parallele.
Beide bekleiden einen Stammplatz im Abwehrzentrum ihrer Teams. Beide entstammen dem eigenen Nachwuchs. Bei beiden gibt es einen Migrationshintergrund – beide spielten bei Weltmeisterschaften für Nationalteams, die sich fernab ihrer Heimatstädte befinden. Und: Beide werden heute beim direkten Duell im Olympiastadion (20.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) eine zentrale Rolle einnehmen.
So gleich Brooks und Matip sein mögen, so unterschiedlich sind sie aber auch. Während sich der Schalker nach insgesamt 16 Jahren in Gelsenkirchen für einen Wechsel entschied, bekannte sich Brooks Ende Januar zu Hertha, verlängerte seinen Vertrag um zwei Jahre bis 2019 und verzichtete nach zähen Verhandlungen auch auf eine Ausstiegsklausel.
Herthas Eigengewächs bleibt, Schalkes nicht
Fast zwei Jahre hatte Manager Michael Preetz um das Eigengewächs gekämpft. Sein Fernziel, den Wechsel nach England, schob Brooks vorerst beiseite. Die Vertragsverlängerung in Berlin, sagte er dem US-Magazin „Sports Illustrated“, habe ihm geholfen, sich wieder auf das Wesentliche zu
konzentrieren.
Preetz’ Kollege Horst Heldt hatte bei seinen Verhandlungen weniger Glück. Finanziell streckten sich die Schalker zwar bis zum Äußersten, für Matip aber war die Versuchung zu verlockend. Der FC Liverpool hatte angeklopft, einer der größten Namen, den das Mutterland des Fußballs zu bieten hat. Und weil dort mit Jürgen Klopp ein Landsmann das Sagen hat, schien die Konstellation perfekt. „Es ist keine Entscheidung gegen Schalke“, sagte Matip, „sondern eine dafür, etwas Neues kennenzulernen.“ Abwanderer-Rhetorik. Bitter für Schalke: Matip geht ablösefrei.
Beim königsblauen Anhang hielt sich der Unmut über seinen Abgang in Grenzen. Eigengewächs hin, Schalker Jung’ her, von den Fans wurde Matip immer auch mit Skepsis betrachtet. Zum massentauglichen Malocher-Typen taugte er nie, dafür ist er nicht nur zu talentiert, sondern auch zu introvertiert.
Auf einen Fehler folgt nicht selten der zweite
Stattdessen haftet ihm das Etikett „sensibel“ an. Auf einen Patzer folgt bei Matip, 185 Bundesligaspiele, 26 für Kamerun, nicht selten der zweite. Ein Phänomen, das zuletzt beim Europa-League-Aus gegen Schachtjor Donezk zu beobachten war. An zwei Gegentoren war Matip beteiligt. Ein „schwarzer Tag“ sei das gewesen, gefolgt von einer schlaflosen Nacht.
Auch bei Brooks, 90 Einsätze für Herthas Profis, 18 Länderspiele für die USA, ist die Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Sein Phlegma hat ihm Trainer Pal Dardai im vergangenen Jahr zwar ausgetrieben. „John hält inzwischen die Spannung“, lobt der Ungar. Die Stabilität von Herthas derzeit verletztem Abwehrchef Sebastian Langkamp (28) hat Brooks jedoch noch nicht erreicht.
Dennoch zählte er bis zu seiner Vertragsverlängerung zu den begehrtesten Spielern des Landes. Ausgerechnet Schalke-Boss Clemens Tönnies gab zum Rückrundenstart vor, um Brooks zu werben. Ein Statement, das sich als Nebelkerze erwies. Das Ziel: Unruhe beim Konkurrenten stiften.
Trainer Dardai will den Schalke-Fluch beenden
Platz drei, sagte Brooks zu „Sports Illustrated“, traue er Hertha inzwischen durchaus zu. Um dieses Ziel zu erreichen, muss er heute erneut Qualität und Reife beweisen. Schalkes Angreifer Klaas-Jan Huntelaar und Leroy Sané werden ihm alles abverlangen. Matip bekommt es derweil mit Salomon Kalou und Vedad Ibisevic zu tun.
Was für Brooks und Matip gilt, trifft in gewisser Hinsicht übrigens auch auf ihre Klubs zu. Hertha firmiert nach 25 gespielten Runden mit 42 Punkten auf Platz drei, Schalke mit 41 auf Rang vier. So gleich. Die Berliner, im Vorjahr noch Fast-Absteiger, gelten als größte Überraschung der Liga. Für Schalke indes ist das Erreichen der Champions League fast Pflicht. So unterschiedlich.
„In Sachen Budget und Erfahrung“, sagt Dardai, „ist Schalke viel weiter als wir.“ An seiner Entschlossenheit ändert das nichts. 3462 Tage liegt der letzte Hertha-Sieg zurück. „Wir haben lange nicht mehr gegen Schalke gewonnen“, so der Coach, „das wollen wir ändern.“ Brooks und Matip werden dabei ein Wörtchen mitreden.





