Fabian Lustenberger

„Hertha reizt mich mehr als die Premier League“

Kapitän Fabian Lustenberger spricht im Interview über das wegweisende Spiel in Bremen, seine Zukunftspläne in Berlin und das Ziel EM

Konstante: Seit Herthas bislang letztem Spiel in Bremen vor einem Jahr hat Lustenberger nur ein einziges Pflichtspiel verpass

Konstante: Seit Herthas bislang letztem Spiel in Bremen vor einem Jahr hat Lustenberger nur ein einziges Pflichtspiel verpass

Foto: Sport Moments/Geisser / picture alliance / Sport Moments

Berlin.  Fabian Lustenberger (27) hat in seinen acht Jahren bei Hertha BSC schon viele Rollen gespielt. Mittelfeldstratege und Abwehrchef, verletzungsanfälliges Sorgendkind und Kapitän. Eines ist dabei immer geblieben: Das Gefühl, in Berlin am rechten Fleck zu sein. Vor dem Spiel bei Werder Bremen am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker auf immerhertha.de) spricht der Schweizer über gutes Timing, den richtigen Umgang im Konkurrenzkampf und seine Vertragsverlängerung.

Berliner Morgenpost: Herr Lustenberger, wie wichtig ist es im Profi-Fußball, ein gutes Timing zu haben?

Fabian Lustenberger: Ich persönlich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Ich habe mich im Schweizer Profifußball etabliert, als Trainer Lucien Favre den Sprung aus der Schweiz zu Hertha gewagt hat. Davon habe ich profitiert.

Obwohl Sie inzwischen häufiger im Mittelfeld spielen als in der Abwehr, gewinnen Sie über 60 Prozent ihrer Zweikämpfe. Auch eine Frage des Timings?

Ich versuche, das Spiel und den nächsten Pass zu lesen. Ich stürme nicht blind drauflos, sondern warte ein, zwei Sekunden länger, um zu beobachten, was der Gegner macht. Timing ist ein wichtiger Faktor in meinem Spiel.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um Ihren Vertrag bei Hertha zu verlängern?

Schwer zu sagen. Die Gespräche laufen, und ich gehe davon aus, dass sie auch zum Ziel führen.

Schon in den nächsten Wochen?

Das kann gut sein. Wenn es passt, dann passt es. Sobald die Übereinkunft da ist, wird nicht mehr groß rumgeiert oder nachgebessert.

Könnten Sie sich vorstellen, für immer bei Hertha zu bleiben?

Möglich, ja. Ich habe immer gesagt, dass ich mich wohlfühle, aber ich kann auch nichts versprechen. Es ist wichtig, das zu unterstreichen. Wir reden über Profi-Fußball. Wer weiß, was in drei Jahren ist? Spiele ich dann überhaupt noch eine Rolle? Kommen Spieler nach, die besser sind?

Reizt es Sie, einer der wenigen Spieler zu sein, der ewig bei einem Klub bleibt?

Ich will nicht deshalb herausstechen, weil ich so lange im Verein bin. Mich reizt, dass es einfach passt bei Hertha. Ich komme immer gerne nach Berlin zurück, egal ob nach dem Urlaub oder nach Länderspielen. Berlin ist meine zweite Heimat geworden. Hertha ist wichtig, aber noch wichtiger als beim Verein ein Foto zu haben, unter dem steht, dass ich schon soundso viele Jahre hier war, ist mir genau dieses Gefühl.

Die Premier League lockt mit großem Geld. Würden Sie ein Angebot ablehnen?

Für mich ist die Bundesliga reizvoller, in erster Linie natürlich Hertha. Ich kann nicht sagen, dass England für mich komplett uninteressant ist. Aber ich weiß auch nicht, was für ein Angebot kommen müsste, damit ich „Ja“ sage.

Gibt es eine Schmerzgrenze?

Die gibt es immer, das ist im Fußball nicht anders als in anderen Berufen. Wenn man an anderer Stelle das Drei- oder Vierfache verdienen kann, muss man abwägen. Willst du deinen Platz in der Mannschaft und das private Umfeld verlassen? Oder bleibst du lieber beim Altbewährten?

Gibt es Momente in einer Saison, in denen Siege wichtiger sind als zu anderen Zeitpunkten?

Ja. Das etwas glückliche 1:0 in Augsburg am 1. Spieltag, zuvor der Sieg im Pokal – nach diesen ersten beiden Partien ist die Überzeugung gewachsen, dass das, was wir uns in der Vorbereitung erarbeitet haben, auch im Wettkampf funktioniert. Das hat uns Selbstsicherheit gegeben. Gegen Mannschaften auf Augenhöhe haben wir danach kein Spiel mehr verloren. Das könnte man uns hoch anrechnen. Macht man aber nicht.

In Bremen geht es nun darum, Schwung für die Rückrunde aufzunehmen. Im Weserstadion hat Hertha allerdings seit zehn Jahren nicht gewonnen.

Solche Statistiken sind wenig wert. Unser Trainer hat uns mal gesagt: Je länger du etwas nicht schaffst, desto mehr steigt die Chance, dass es demnächst doch mal gelingt.

Auch am Sprung zur Stammkraft im Nationalteam arbeiten Sie schon länger. In Schweizer Medien haben Sie selbstbewusst Ihre EM-Ansprüche erklärt. Ungewohnt laute Töne.

Das stimmt. Das hat sich aber über längere Zeit angebahnt. Ich fand den Zeitpunkt passend. Ein halbes Jahr vor der Europameisterschaft, nach einer guten Hinrunde, nach Platz drei in der Bundesliga – besser geht es eigentlich nicht. Jetzt habe ich gute Argumente und kann sagen: Ich möchte, ja ich muss zur EM. Mal schauen, ob es etwas gebracht hat.

Welche Reaktionen gab es auf Ihr Interview?

Mein Bruder hat das etwas verfolgt. Er hat mir erzählt, dass viele Leserkommentare sehr positiv ausgefallen sind. Nach dem Motto: Endlich sagt mal einer was.

Bei Hertha herrscht ebenfalls Konkurrenzdruck. Wann darf sich ein unzufriedener Reservist öffentlich zu Wort melden?

(Überlegt) Grundsätzlich kann jeder in der Presse sagen, dass er enttäuscht ist und spielen möchte. Wenn er aber den Trainer, Manager oder Mitspieler angreift, ist das etwas anderes.

Spüren Sie aktuell eine größere Unruhe im Team als vor der Winterpause?

Ich glaube nicht, dass es momentan Spieler bei uns gibt, die sagen, sie müssten unbedingt in der ersten Elf stehen. Das hat Gründe. Die Mannschaft hat im Kern immer gleich gespielt und so 32 Punkte geholt, deswegen genießen wir ein gewisses Vertrauen. Das müssen wir aber Woche für Woche bestätigen und Punkte holen, sonst geht es ganz schnell in die andere Richtung.

Wann muss ein Kapitän eingreifen? Ist das auch eine Frage des richtigen Timings? Oder eher des richtigen Tonfalls?

Wenn der Zeitpunkt gekommen sein sollte, werde ich schon eingreifen. Aber ich haue nicht auf den Tisch, das bin ich einfach nicht. Ich argumentiere, um zu überzeugen, anstatt zu brüllen.

Braucht es manchmal klare Ansagen?

Schlussendlich ist jeder für sich verantwortlich. Es bringt doch nichts, den Miesepeter zu spielen. Das sieht nicht nur der Trainer, das sehen auch die Mitspieler. Und wenn du dann gebraucht wirst, fehlt dir die nötige Spannung, um deine Chance zu nutzen.

Ob Sie zur Stammformation zählen, wurde im Sommer genauso diskutiert wie Ihr Kapitänsamt. Inzwischen sind Sie unumstritten. Hat man Sie unterschätzt?

Es gibt in der Bundesliga viele Trainer, die ihren Kapitän gleich zu Beginn der Vorbereitung festlegen, deswegen habe ich die viele Fragerei im Sommer nicht verstanden. Ich finde das übertrieben. Fakt ist: Ich habe seit einem gefühlten Jahr keine Trainingseinheit verpasst und in jeder Partie gespielt, es sei denn, ich war gesperrt. Meine Arbeit hat sich ausgezahlt. Wenn Trainer und Mitspieler einen dann noch zum Kapitän ernennen, ist das eine Bestätigung.

Wie dringend braucht Hertha BSC einen Sieg in Bremen? Ist die Erfolgswelle sonst erst einmal abgeritten?

Es wäre gut, zu gewinnen – dann hätten wir vier Punkte aus zwei Spielen, so wie in der Hinrunde. Wichtiger ist: Wenn wir unsere Serie gegen die vermeintlich gleichwertigen Gegner lange aufrechterhalten können, werden wir regelmäßig punkten. Dann kann man sich in der Tabelle auch oben festkrallen.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Hertha, um neue Ziele zu formulieren?

Wenn wir eine Punktzahl haben, die es zulässt. Jedenfalls nicht mit 33 Punkten, das reicht maximal zum Klassenerhalt. Vielleicht können wir ab einer Marke von 50 plus X darüber reden. Vorher macht das keinen Sinn, das baut nur unnötigen Druck auf, und den können wir nicht gebrauchen. Bis es soweit ist, müssen wir weiter Spiele gewinnen. Gegen Werder Bremen wollen wir damit anfangen.

Herr Lustenberger, Sie und Ihre Frau engagieren sich für Flüchtlinge. Ist jetzt die Zeit, zu helfen?

Endstanden ist das über Nachbarn, die sich für Flüchtlinge stark gemacht haben. Wir haben dann 80 Karten für das Spiel gegen Mönchengladbach organisiert, meine Frau hat außerdem im Horst-Korber-Sportzentrum mitgearbeitet. Warenausgabe, Essensausgabe, sie hat versucht zu helfen, wo es geht. Uns geht es zum Glück gut, wir wollen gerne etwas zurückgeben.