Hertha BSC

Warum Dardai für Hertha eine neue Taktik austüftelt

Teams wie Bremen werden gegen Hertha defensiver auftreten. Deshalb setzt Berlins Trainer auf Gegenpressing. Aber das birgt auch Gefahren.

Stürmer Vedad Ibisevic (l.) ist bei Herthas Gegenpressing der erste Verteidiger der Berliner

Stürmer Vedad Ibisevic (l.) ist bei Herthas Gegenpressing der erste Verteidiger der Berliner

Foto: Matthias Kern / Bongarts/Getty Images

Bei dieser Sache mauerte Pal Dardai. „Das ist geheim“, sagte der Hertha-Trainer am Mittwoch, als er gefragt wurde, warum seine Mannschaft zum Training erst herauslief aus der Kabine und dann wieder geschlossen zurück. Einer der Profis hatte wohl das Übungsmaterial vergessen. So ist das im Fußball: Vergeigt einer etwas, muss das komplette Team die Suppe auslöffeln. Also eine Kollektivbewegung rückwärts und die Gerätschaft holen, bitte.

Am Sonnabend erwartet Dardai dagegen, dass andere mauern werden. Und der Ungar hat sich dafür ebenfalls eine Kollektivbewegung als Gegenmittel einfallen lassen – allerdings nach vorn. Werder Bremen, Tabellenplatz 16, steckt trotz des Coups gegen Schalke am Sonntag (3:1) immer noch in Abstiegsgefahr.

Solche Gegner, das erwarten sie bei den Berlinern, werden gegen Hertha besonders defensiv auftreten. Hinten reinstellen, vorn auf Konter lauern. Das ist auch eine Folge aus der erfolgreichen Hinrunde der Blau-Weißen: Auch Augsburg (0:0) am vergangenen Wochenende trat so destruktiv gegen Hertha auf. „Die Gegner haben immer mehr Respekt. Aber das ist nicht schlimm. Das müssen wir dann eben ausnutzen“, sagt Dardai.

Zur Exzellenz brachte das der BVB unter Klopp

Wie man das ausnutzen kann, daran arbeitet der 39-Jährige seit dem Trainingslager in Belek verstärkt. „Gegenpressing ist eine Möglichkeit, um nach Ballverlusten schnell den Ball zurückzuerobern und den kurzen Weg zum Tor zu haben“, sagt Kapitän Fabian Lustenberger. Gegenpressing bedeutet ein kollektives Jagen des Spielgeräts schon an des Gegners Strafraum.

Dabei müssen alle mitmachen, damit der ballführende Spieler unter Druck keine Anspielstationen mehr findet und den Ball verliert. Bei Hertha mutiert das grundlegende 4-3-3-System zeitweise zu einem 4-2-4 mit vier Angreifern auf Raubzug. Zur Exzellenz brachte jene Taktik einst der BVB unter Jürgen Klopp.

In den Tagen vor dem Bremen-Spiel hat Dardai den Schwerpunkt seiner Trainingsarbeit auf das Gegenpressing gelegt: Am Mittwoch ließ er auf kleinem Feld Sechs-gegen-Sechs üben. War der Ball weg, mussten immer vier der sechs Profis hinterherjagen, bis sie ihn hatten. „Für diese Spielweise braucht man Spritzigkeit und Aggressivität. Gegen Augsburg hatten wir auch schon diesen Plan, aber da hat uns beides gefehlt“, sagt Dardai. In Bremen, wo Hertha seit zehn Jahren nicht mehr gewonnen hat, soll das am Sonnabend anders werden.

Die Gefahr der Konter

Im Grunde wird Hertha in der Rückrunde öfter gegen sich selbst spielen: Vor einem Jahr nämlich, nachdem Dardai übernommen hatte, mauerten sich die Berliner zum Klassenerhalt. „Jetzt sind wir in der Situation, dass wir selbstbewusst genug sind, um nach vorn zu verteidigen – gerade gegen Mannschaften, die sehr defensiv auftreten“, sagt Lustenberger.

Aber im Gegenpressing lauert auch eine Gefahr: „Man muss immer darauf achten, was hinter einem passiert“, sagt der Schweizer. Führt Herthas Kollektivjagd nicht zum Ballgewinn, riskieren sie, anfällig für Konter zu sein. „Das ist ein Balanceakt“, sagt Dardai. „Mal sehen, wie wir das anstellen. Wir werden aber davon lernen. Und darum geht es ja: Wir wollen den nächsten Schritt machen“, so der Cheftrainer.

Wegen Rückenproblemen trainiert Brooks nur individuell

Der Mann, der bei Hertha die Dinge gut zusammenfassen kann, heißt Sebastian Langkamp. Der Innenverteidiger sagt: „Mit unserer bisherigen Spielweise haben wir ein gutes Gerüst, aber wir müssen jetzt den nächsten Entwicklungsschritt machen, weil sich die Gegner auf unser Spielsystem eingestellt haben.“

Den Balanceakt zwischen Balljagd und defensiver Ordnung schafft man im Übrigen mit schnellen Verteidigern. Die können im Falle eines Konters eingreifen. John Brooks ist so ein schneller Verteidiger. Am Mittwoch trainierte er nur individuell wegen Rückenproblemen Für Bremen soll es aber reichen. Und da wird er für die Jagd auch gebraucht.