Bundesliga

Warum Hertha nach zehn Jahren wieder in Bremen gewinnt

In Bremen ist für Hertha in der Regel nichts zu holen. Nun könnte die Berliner Negativserie reißen. Schuld ist ein Rollentausch

Fabian Lustenberger (r.) und  John Brooks (l.), hier im Dreikampf mit Werders Fin Bartels, sind zwei von nur drei aktuellen Hertha-Stammspielern, die auch vor einem Jahr in der ersten Elf standen

Fabian Lustenberger (r.) und John Brooks (l.), hier im Dreikampf mit Werders Fin Bartels, sind zwei von nur drei aktuellen Hertha-Stammspielern, die auch vor einem Jahr in der ersten Elf standen

Foto: firo/El-Saqqa / picture alliance / augenklick/fi

Berlin.  Dass Fußball ein schnell­lebiges Geschäft ist, zeigt sich fast jedes Wochenende, aber manchmal kommt selbst ein gestandener Profi wie Sebastian Langkamp nicht mehr hinterher. Angesprochen auf Herthas bislang letztes Spiel bei Werder Bremen kratzt sich der Verteidiger ungläubig am Kopf. „Ein Jahr ist das schon her? Krass, dann ist in der Zwischenzeit wirklich eine ­Menge passiert.“

Tatsächlich liegt der letzte Ausflug an die Weser fast auf den Tag genau ein Jahr zurück. Am 1. Februar 2015 verloren die Berliner, damals Tabellen-13., zum Rückrundenstart 0:2. Für beide Teams sollte es ein richtungsweisendes Ergebnis sein.

Hertha trennte sich eine Niederlage später von Trainer Jos Luhukay und kämpfte unter Nachfolger Pal Dardai bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt. Werder indes nutzte den Schwung des erfolgreichen Jahresauftakts und katapultierte sich mit einer Siegesserie aus dem Tabellenkeller. Enthusiasten träumten zwischenzeitlich gar vom Europapokal. Nach Jahren des Niedergangs schien Coach Viktor Skripnik, Ex-Spieler und bis ­dahin Jugendtrainer des Klubs, Werder neues Leben einzuhauchen.

Langkamp, Lustenberger und Brooks als Konstanten

Zwölf Monate später hat sich der Wind um 180 Grad gedreht. Während Werder wieder in den Tabellenkeller gepustet wurde, wehte der Traum von Europa nach Berlin. Dort ist Hertha kaum wiederzuerkennen – fußballerisch, aber auch personell.

Von den elf Spielern, die vor einem Jahr ins Weserstadion einliefen, werden am Sonnabend (15.30 Uhr) vermutlich nur noch drei in der Startelf stehen: Langkamp, Kapitän Fabian Lustenberger und John Brooks, der seine Rückenbeschwerden auskuriert hat und sich am Donnerstag fit meldete.

„Letztes Jahr haben wir mit unseren Mitteln so gespielt, wie es in der Situation am besten war“, sagt Langkamp. Gegentore verhindern, unbequem sein, und im Angriff auf einen lichten Moment hoffen. Ein Gegenentwurf zur kombinationssicheren Hertha der Saison 2015/16. Spielerisch habe die Mannschaft eine sehr gute Entwicklung gemacht, sagt Langkamp, „abends vor dem Spiegel fragt man sich manchmal, wie das so schnell passieren konnte.“

Kein Team ist zuhause schwächer als Werder

Ähnlich wundersam gestaltet sich der Einbruch des SV Werder. Dessen Fußball weckt Erinnerungen an das sportlich prekäre Ende der Schaaf-Ära und die tristen 14 Folgemonate unter Trainer Robin Dutt. Nach Stuttgart kassiert Werder die zweitmeisten Gegentore (33) der Liga. Nur Darmstadt verzeichnet noch weniger Ballbesitz als Werder (44,6 Prozent). Nur zwei Teams weisen eine schlechtere Passquote (68,8 Prozent) auf. Rumpelfußball in Zahlen.

Desolater liest sich nur noch die Bremer Heimbilanz. Vier Punkte aus acht Spielen – kein Team holte im eigenen Stadion weniger Zähler. Skripnik, den die Fans anfangs von Viktor in „Victory“ umtauften, ist nicht mehr unumstritten. Im Dezember wurde bereits der Name eines früheren Hertha-Trainers mit Werder in Verbindung gebracht: Jos Luhukay.

Wer weiß, vielleicht ist der Aufstieg und (Rück-)Fall von Werder und Skripnik für Pal Dardai ein mahnendes Beispiel. „Jedes Spiel ist wieder neu“, sagt der Ungar jedenfalls, „ich weiß, wie schnell alles kommt und geht.“

Ben-Hatira und Beerens kämpfen um Stockers Platz

Unterschätzen wird er Werder nicht. Das jüngste 3:1 der Bremer in Gelsenkirchen dient als mahnendes Beispiel. „Sie haben gerade gewonnen und werden jetzt richtig fighten“, ist sich Dardai sicher. Mit Philipp Bargfrede (Meniskusriss) hat Werder auf Schalke allerdings einen seiner größten Kämpfer eingebüßt. Auch Hertha wird wohl einen Ausfall kompensieren müssen. Valentin Stocker hat mit Fieber zu kämpfen, für ihn könnten Änis Ben-Hatira oder Roy Beerens in den Kader rücken.

Hertha hat seit zehn Jahren nicht mehr im Weserstadion gewonnen. Noch so ein Zeitintervall, bei dem man sich nachdenklich am Kopf kratzt. Bei allem Lob, das Dardai für Werder übrig hat („Sie verdienen Respekt“), wird ihm nicht entgangen sein, dass die Bremer auf Schalke auch jede Menge Glück hatten. Er weiß: Selten war die Chance auf drei Punkte in Bremen größer als jetzt.