Transfer-Zoff

Wegen Brooks: Hertha ärgert sich über Schalke

Schalkes Werben um John Brooks bringt Hertha-Trainer Pal Dardai in Rage. Die Berliner schließen den Wechsel im Winter aus.

Foto: City-Press / City-Press GbR

Pal Dardai macht gerade ein paar neue Erfahrungen. Da ist zum Beispiel das Torwandschießen beim „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF, zu dem der Hertha-Trainer am Sonnabend eingeladen war. Seit Jahrzehnten heißt es dort: erst drei Versuche unten, dann drei oben. Dardai aber fing oben an und traf nix.

Der Ungar zeigte sich so einerseits solidarisch mit seiner Mannschaft. Die hatte zum Rückrundenstart gegen den FC Augsburg (0:0) ein paar Stunden zuvor ja ebenso nix getroffen. Andererseits gab es dafür auch gute Gründe: Er habe zu wenig geübt und das Torwandschießen noch nie gesehen, gestand Dardai am Sonntag. Zu jener späten Stunde schlafe er sonst.

Dardai nennt das Gebaren des Revierklubs „nicht fair“

Eine andere, neue Erfahrung, die der 39-Jährige gerade machen muss, nahm er nicht so gelassen hin: Wenn man in der Bundesliga oben mitmischt, beginnt die Konkurrenz mit der Ausweitung der Kampfzone über den Rasen hinaus. Auch das läuft seit Jahrzehnten so, hat Hertha aber meistens nicht betroffen.

Das von Schalkes Aufsichtsratschef Clemens Tönnies öffentlich vorgetragene Interesse des Revierklubs an Herthas Innenverteidiger John Anthony Brooks könnte man so lesen. Dardai zumindest las es so und ärgerte sich mächtig darüber, dass Tönnies sagte, Schalke befinde sich in intensiven Gesprächen mit dem 22-Jährigen.

„Ich finde das nicht ganz fair. Das ist eine Frage der Mentalität“, sagte Dardai am Sonntag und überlegte noch, wie drastisch das jetzt klingen soll. Es sollten noch ein bisschen mehr die Fetzen fliegen, und deshalb ergänzte er: „Wenn man so etwas macht, dann hinter verschlossenen Türen, und man sorgt mit solchen Aussagen nicht für Unruhe. Vielleicht wollten sie uns beeinflussen“, sagte der Ungar. Schalke liegt im Rennen um die Europapokalplätze nur knapp hinter Hertha.

Keine Anfrage wegen des 22-Jährigen

Aber die Sache hat auch noch eine andere Ebene. S04 ist kein normaler Klub für die Berliner. Das rührt her aus dem Jahr 1971 und dem Verhalten der Gelsenkirchener im Bundesligaskandal. Dardai ist gut darin, der Herthaner Seele Ausdruck zu verleihen, und sagte: „Jeder weiß, Schalke und Hertha ist nicht gesund. Schalke, das ist für uns der schlimmste...“, er überlegte. Kann man das jetzt so sagen? Besser nicht. „Schalke ist für uns nicht schön“, besonn sich Dardai deshalb und kam auf Brooks zu sprechen: „Jay ist ein geborener Herthaner. Jetzt muss man sehen, ob die Wurzeln stärker sind.“

Der Linksfuß habe sich enorm entwickelt, gegen Augsburg zwar ein, zwei Wackler drin gehabt. Aber das sei auch normal, wenn plötzlich alle an einem zerren. „Er ist noch jung und muss sich mental noch weiterentwickeln. Mit solchen Dingen umzugehen, ist auch nicht schön für ihn“, sagte Dardai.

Aber nicht nur Dardai ärgerte sich mächtig über Schalkes Gebaren, sondern auch Herthas Manager Michael Preetz. Erstens habe sich bei ihm keiner wegen Brooks gemeldet, sagte der 48-Jährige. Und zweitens könne sich das im Moment auch jeder sparen: „Ich kann einen Wechsel von John Brooks in diesem Winter definitiv ausschließen“, sagte Preetz der Morgenpost. Erst recht zu Schalke.

Ein Verkauf des Verteidigers im Sommer wird wahrscheinlicher

Brooks stand am Sonntag mit schwarzer Kapuze über dem kahlen Schädel am Trainingsplatz und schaute zu, wie eine Reservemannschaft der Berliner gegen den Zweitligisten Braunschweig 1:1 spielte. Zu all dem etwas sagen soll er nicht. Aber nicht nur Schalke ist ein Symbol für Hertha, sondern auch der Verteidiger selbst – nur eben ein positives.

Er ist der talentierteste Spieler seit Jahren, der aus der eigenen Jugend nach oben kam, und er befriedigt damit die Sehnsucht der Berliner Fans nach etwas von ihnen im Herzensklub. So einen will Preetz natürlich behalten – auch über das bisher ausgehandelte Vertragsende 2017 hinaus. Ein Angebot zur Verlängerung liegt Brooks’ Beratern vor. Aber genau dort könnte auch eine Erklärung für das jetzige Gezerre um ihn liegen.

Brooks’ Berater Kadir Özdogan arbeitet mit der Agentur Rogon von Roger Wittmann zusammen. Dem wiederum sagt man ziemlich gute Verbindungen zu Schalke nach. Denkbar ist, dass hier in einem Interessensgleichschritt Druck aufgebaut werden soll – auf Hertha. Preetz nennt das „Spielchen“, die noch bis Ende der Transferperiode am 1. Februar laufen.

Dardai sieht sein Team erst bei 70 Prozent

Aber wahrscheinlich auch darüber hinaus: Das Ganze zeigt nämlich auch, dass eine Verlängerung mit Brooks noch in ziemlich weiter Ferne liegt. Ein Verkauf im Sommer wird wahrscheinlicher. „Da müssen wir die Situation neu bewerten“, sagte Preetz. Verlängert Brooks nicht, muss er nach der Saison veräußert werden.

Dardai hat jenseits dieser Nebenschauplätze noch eine andere, neue Erfahrung gemacht: Beim Remis gegen Augsburg musste der Chefcoach erkennen, dass sein Team noch nicht wieder auf dem Niveau der Hinrunde ist. „Wir wissen jetzt, wo wir stehen. Ich glaube bei 70 Prozent“, sagte er. Es gilt für Hertha nun, schnell das Neue anzunehmen – auf und neben dem Platz.