Kalou und Ibisevic

„Letztes Jahr war Jazz. Dieses Jahr machen wir Hip Hop “

Herthas Sturmduo Salomon Kalou und Vedad Ibisevic sprechen im Interview über Fußball als Musik, schwere Anfänge und große Ziele in der Rückrunde.

Foto: City-Press / City-Press GbR

Zwei Gründe, warum Hertha BSC am Sonnabend mit Zuversicht in die Bundesliga-Rückrunde zu Hause gegen Augsburg (15.30 Uhr/im Liveticker auf immerhertha.de) startet, sitzen auf einer Couch und gucken sich bei diesem Gesprächs oft zustimmend an. Salomon Kalou (30) und Vedad Ibisevic (31) haben viel gemeinsam. Beide kamen aus tiefen Leistungslöchern, haben Hertha nun aber mit neun (Kalou) und sechs (Ibisevic) Treffern auf Platz drei geschossen. Vor dem Auftakt der zweiten Saisonhälfte sprechen der Ivorer und der Bosnier über ihre schwierige Kindheit und warum sie zusammen der perfekte Stürmer wären.

Berliner Morgenpost: Herr Kalou, Herr Ibisevic, können Sie sich daran erinnern, was Sie sich von ihrem allerersten Profigehalt gekauft haben?

Vedad Ibisevic: Gar nichts. Ich habe das Geld meinen Eltern geschickt.
Salomon Kalou: Das war bei mir genauso. In meiner Familie konnte ich nicht einmal daran denken, ein Weihnachts- oder ein Geburtstagsgeschenk zu bekommen. Und als ich Profi wurde und mir alles kaufen konnte, was ich wollte, war die Zeit gekommen, meinen Eltern, die für mich auf viel verzichtet haben, zu helfen.
Ibisevic: Genauso ist es. Als ich mein erstes Profigehalt bekam, war ich zwar stolz, aber ich wollte meinen Eltern etwas zurückgeben, weil ich wusste, wie schwierig es für sie finanziell war.

Herr Ibisevic, Sie waren sieben Jahre alt, als der Jugoslawien-Krieg ausbrach. Wie hat Sie das geprägt?

Ibisevic: Sehr. Ich musste durch schwere Zeiten gehen. Ich habe erlebt, wie die Bomben fielen. Auch wenn ich noch ein Kind war und es damals nicht alles verstand habe, vergisst man so etwas nie wieder. Wenn es heute mal im Fußball nicht gut läuft – oder ich irgendwelche andere Probleme habe – kann ich immer zurückschauen und mir sagen: Junge, es war alles schon viel schlimmer.
Kalou: Auch bei uns in der Elfenbeinküste gab es Krieg. Und es gab nicht viel für uns Kinder. Ich war glücklich, wenn ich einmal am Tag Essen bekam. Wenn ich heute Probleme habe, empfinde ich das nie als wirklich schwierig. Es gibt Schlimmeres im Leben, als daneben zu schießen.

Verbinden Sie diese ähnlichen Erfahrungen besonders miteinander?

Kalou: Wir sprechen darüber. Auch heute ist es noch so, dass die Kinder in Afrika und Bosnien ähnliche Probleme haben. Vielleicht können wir ein Vorbild für sie sein: Wenn wir es geschafft haben, können auch sie es schaffen. Unsere Botschaft ist: Ein Mangel an Möglichkeiten darf dich nie davon abhalten, deinen Träumen nachzugehen.

Singen Sie eigentlich heute noch so gern in der Kabine wie früher in Hoffenheim (2007/08), Herr Ibisevic?

Ibisevic: (lacht) Nein. Wir hatten damals eine ziemlich gute Saison. Aber ich lasse das jetzt lieber. Ich habe eine schreckliche Stimme.

Dabei haben Sie auch jetzt in Berlin bisher wieder eine gute Saison.

Kalou: In unserer Kabine haben wir jetzt aber ein DJ-Pult. Mitchell Weiser legt da richtig gute Musik auf. Wir brauchen also zum Glück nicht zu singen. (lacht)

Es gibt Leute, die Fußball mit Musik vergleichen. Ihr Trainer Pal Dardai zum Beispiel hat mal gesagt: Fußball ist Rhythmus. Sehen Sie das auch so?

Kalou: Eigentlich dreht sich alles im Leben um den richtigen Rhythmus. Wenn wir auf dem Rasen stehen, geht es darum, alle im selben Takt zu bleiben. Gelingt uns das, ist das wie gute Musik.

Welche Musik hat Hertha in der letzten Saison gespielt, und welche ist das heute?

Kalou: Letztes Jahr war Jazz. Dieses Jahr machen wir Hip Hop (lacht). Im Jazz ist alles so kompliziert und klingt meistens schief. Hip Hop dagegen klingt immer gut, ist immer Spaß. Es gibt keine schiefen Töne – und man fühlt sich wunderbar.
Ibisevic: Ich kann ja nur von dieser Saison sprechen und die sehe ich eher wie ein Spiel mit zwei Halbzeiten: Zur Pause führen wir 1:0. Wir müssen aber noch einmal raus und die zweite Halbzeit spielen. Ich habe das schon erlebt: In Hoffenheim 2007 waren wir im Winter auf Platz eins, am Ende aber wurden wir nur Zehnter. Wir haben mit Hertha in der Hinrunde etwas über unseren Möglichkeiten gespielt. In der Rückrunde kann vieles schiefgehen. Da müssen wir aufpassen.

Herr Kalou, Sie sind gläubiger Christ. Herr Ibisevic, Sie sind Moslem. Spielt Religion eine Rolle zwischen Ihnen?

Kalou: Nein. Wir sprechen über vieles, aber nicht darüber. Religion ist etwas sehr Privates.
Ibisevic: Ich mag religiöse Menschen, aber ich möchte nicht so viel darüber sprechen. Heute besonders wird das so oft missverstanden.

Sie beide beherrschen viele Sprachen. Warum sprechen Sie Französisch miteinander und nicht Englisch?

Ibisevic: Ich habe Französisch in Paris gelernt. Für Salomon ist es die Muttersprache. Einerseits möchte ich die Sprache nicht verlernen. Andererseits glaube ich auch, dass ich ihn so viel besser verstehe – seine Persönlichkeit, seinen Hintergrund. Das hilft.
Kalou: Es gibt zwei Arten von Verstehen: Was jemand sagt, und wie er als Mensch denkt und fühlt. Wir beide lernen immer noch sehr viel übereinander. Aber wir verstehen uns bereits jetzt schon sehr gut auf dem Fußballplatz.
Ibisevic: Für mich hat das eigentlich auch nicht so viel mit der gesprochenen Sprache zu tun, sondern mit der Fußballsprache: Wie wir uns bewegen, welche Wege wir auf dem Rasen gehen. Das ist universell.

Sie beide haben in vielen unterschiedlichen Ländern gelebt. Was ist für Sie zu Hause?

Kalou: (überlegt) Überall, würde ich sagen. Wenn ich in meiner Wohnung in Berlin bin, fühle ich mich daheim. Bin ich in Afrika, fühle ich mich dort auch zu Hause. Zu Hause ist im Kopf und hängt davon ab, ob du Liebe bekommst, wo du gerade bist.
Ibisevic: Für mich ist Familie mein Zuhause. Und die kann überall sein.

Kann Fußball ein Zuhause sein?

Ibisevic: Fußball kann einem ein Zuhause sein. Zumindest, solange wir noch spielen dürfen. Irgendwann werden wir aber von Zuhause rausgeworfen (lacht).

Sie werden in Berlin mit einem anderen Sturm-Duo über 30 verglichen, das viel traf und Hertha unter die Spitzenteams schoss. Marko Pantelic und Andrej Woronin 2009. Passt der Vergleich?

Kalou: Ich finde, der Vergleich passt nicht. Wir sind ganz andere Stürmertypen. Das Einzige, was stimmt, ist, dass wir zwei Stürmer bei Hertha sind, die gut zusammenpassen.

Sie sind ganz unterschiedliche Stürmertypen. Herr Ibisevic, was hätte Sie gern von Ihrem Sturmpartner Salomon Kalou?

Ibisevic: Ich hätte gern seine Ballkon­trolle, seine Technik. Er hat eine großartige Körperbeherrschung und ist sehr beweglich. Seine Qualitäten mit meinen kombiniert, das wäre der perfekte Stürmer.

War es klug vom VfB Stuttgart, Vedad Ibisevic gehen zu lassen, Herr Kalou?

Kalou: Sie haben nicht gemerkt, was er für ein Klassestürmer ist. Egal, ob er mal eine gute oder schlechte Phase hat. Er ist in jeder Saison gut für mindestens zehn Tore. Also, nein. Keine kluge Entscheidung.

Sie beide haben bereits viel erlebt in Ihren Karrieren. Welche Ziele haben Sie noch?

Kalou: Ich habe immer neue Ziele. Unser Ziel bei Hertha ist jetzt, mit diesem Klub, der lange nichts gewonnen hat, etwas zu gewinnen. Ich denke sehr, sehr oft an den Pokal. Ich will ins Finale, Vedad schießt dann ein Tor und ich eins. Das ist unser Ziel.
Ibisevic: Spieler wie wir, die von ganz unten kamen, werden immer Ziele haben. Man muss sich im Fußball auch große Ziele setzen wie das Pokalfinale. Nur so macht das Sinn.

Herr Ibisevic, Sie waren dicht dran, den Pokal zu gewinnen. 2013 verloren Sie im Finale mit Stuttgart gegen Bayern (2:3).

Ibisevic: Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich das unbedingt noch mal erreichen will. Viele Leute haben mir vorher gesagt, wie wunderbar die Atmosphäre im Finale ist, aber ich konnte es nie verstehen. Bis ich selbst dort im Olympiastadion stand. Da will ich noch einmal hin. Und mit Hertha wäre es im eigenen Stadion etwas Unbeschreibliches.

Welche Ziele haben Sie beide in der nun beginnenden Rückrunde?

Kalou: Wir haben unsere Ziele. Aber wir werden nicht darüber sprechen. Das Schöne an der Bundesliga ist ja, dass außer Platz eins alles möglich ist. Aber eines steht fest, und das gilt für die Rückrunde wie für das Leben: Schwerer, als nach oben zu kommen, ist es, oben zu bleiben.