Kolumne Immer Hertha

Boxen mit den Großen

So überraschend und so stark die Bundesliga-Hinrunde war: Was erwartet die die Fans von Hertha in der Rückrunde? Hier kommt die Antwort

Hertha beim Trainingslager in Belek

Hertha beim Trainingslager in Belek

Foto: Alex Grimm / Bongarts/Getty Images

Der Aufschwung von Hertha BSC in der Bundesliga wird auch im Ausland registriert. So erklärte die Webseite des US-Sportsenders ESPN den rasanten Wandel vom Beinaheabsteiger im Mai 2015 zum Bundesliga-Dritten zu Weihnachten mit einem Bild aus der Boxersprache: „Punching above weightlimit.“ Hertha würde derzeit über der eigenen Gewichtsklasse boxen. In der Tat hat Hertha reihenweise schwergewichtige Gegner hinter sich gelassen. Die Champions-League-Starter Gladbach, Leverkusen und Wolfsburg, dazu Europa-League-Teilnehmer FC Schalke – alle haben Personalkosten die zwei- bis viermal so hoch sind wie die von Hertha. Vor dem Rückrunde-Start eint diese Großen der Liga alle das Schicksal ­hinter dem Hauptstadtklub zu liegen.

Ob im Blog „Immerhertha“ oder am Rande des Trainingslagers in der Türkei, die Fans bewegt die Frage: Kann Hertha die Form halten? Oder bricht die Mannschaft ein? So, wie 2011/12. Als Trainer Markus Babbel im letzten Spiel vor Weihnachten seine Entlassung provozierte, und das Team unter den Nachfolgern Michael Skibbe sowie Otto Rehhagel implodierte und nach einem skandalösen Relegationsspiel in Düsseldorf abstieg. So wie 2013/14: Als nach dem Wiederaufstieg Hertha unter Trainer Jos Luhukay eine forsche 28-Punkte-Hinserie hinlegte, in der zweiten Hälfte aber nur 13 Zähler zusammenstoppelte.

Kalou besser als Messi und Ronaldo

Bei „Spiegel online“ haben sie eine Datenanalyse betrieben, um das Unerklärliche zu erklären. Überschrift: „Die Glücksspieler.“ Es wird eine Theorie bemüht, die sich mit „expected goals“, erwarteten Toren, beschäftigen. Resultat, laut „Spiegel online“: Hertha sei die glücklichste Mannschaft der Liga. Kein Klub schießt so selten aufs Tor wie Hertha, hat dabei aber eine sensationelle Trefferquote. So verwertet Salomon Kalou 39,3 Prozent seiner Chance. Damit ist der Hertha-Torjäger effizienter als Lionel Messi und Cristiano Ronaldo. Fazit: Da Kalou nicht besser sein kann als die Superstars der Branche, kann die Hertha-Hinserie nur Glück gewesen sein. Subtext: Für die Rückrunde scheint der Einbruch von Hertha also programmiert.

Drehen wir die Frage mal um und beschäftigen uns nicht mit dem, was Hertha droht. Sondern schauen auf die Frage: Was bedeutet Glück für einen Hertha-Fan? Der ist empfindsam nach den Achterbahnfahrten, auf die Hertha den Anhang in den letzten fünf Jahren geschickt hat: Zwei Abstiege, zwei Aufstiege sowie der nur knapp geschafften Klassenerhalt im vergangenen Sommer haben tiefe Spuren hinterlassen.

30 Prozent vom Erfolg sind Glück

Die zweitbeste Hinserie der Hertha-Historie wurde mit einer Mischung aus Freude, ungläubigem Staunen und Stolz wahrgenommen. Verbunden mit der Frage: Wie lange bleibt es so?

Zumal Trainer Pal Dardai ganz unverhohlen den Faktor „Zufall“ ­benennt. Der Profifußball befindet sich ja seit Jahren auf dem Weg der Verwissenschaftlichung, egal, ob es um Laufwege, Passquoten, Kondition, Ernährung oder Erholung geht. Dennoch beziffert Dardai neben Aspekten wie einem gutem Kader, gesunden Spielern und harter Arbeit den Anteil von Glück am Erfolg „mit 30 Prozent“.

Die Schwergewichte müssen ins Olympiastadion

Es liegen spannende Spiele vor den Anhängern. Die Liga-Schwer­gewichte wie Borussia Dortmund (6. Februar), der VfL Wolfsburg (20. Februar), FC Schalke (im März) und der FC Bayern (im April) sprechen alle noch im Olympiastadion vor. Dazu lebt der Traum vom DFB-Pokalfinale im eigenen ­Wohnzimmer. Im Viertelfinale wartet am 10. Februar mit Zweitligist 1. FC Heidenheim eine unbequeme, aber lösbare Aufgabe.

So eine Situation hatte Hertha seit Jahren nicht: Die Blau-Weißen boxen mit den Großen. Mit den formidablen 32 Punkten aus der Hinrunde wurde eine Basis gelegt wie seit Jahren nicht mehr. Egal, wie viele Treffer im gegnerischen Ziel untergebracht werden, eines ist schon vor dem Start ins neue Jahr klar: Hertha kann nicht k. o. gehen. Ich stelle mir den Hertha-Fan am Sonnabend gegen ­Augsburg als einen glücklichen vor.