Es ist derselbe Platz, auf den sich erst Mitchell Weiser setzt und wenig später Sinan Kurt. Ein schlichter Stuhl vor Journalisten im Teamhotel von Hertha BSC in der Türkei. Weiser kennt das schon, für Kurt ist dies das erste Mal seit seinem Wechsel vom FC Bayern nach Berlin vor einer Woche. Weiser fängt an, Kurt folgt ihm nach. So ist das jetzt, so war das immer, und so soll das weiterhin laufen.
Es ist ja eine bemerkenswerte Parallelität der Lebenswege dieser beiden Flügelspieler. Beide fielen in Köln (Weiser) und Mönchengladbach (Kurt) früh als außerordentliche Talente auf, beide wechselten mit 17 Jahren nach München und konnten sich dort nicht etablieren.
Zudem wurde beiden eine gewisse Schnöseligkeit nachgesagt, beide galten als Talente, die ihr Talent nicht richtig bergen. Bei Weiser war das nur früher als bei Kurt. Er ist zwei Jahre älter.
„Schon in München hat mich Sinan an mich selbst erinnert. Er macht die gleichen Sachen durch wie ich – das mit den Medien und sich als junger Spieler durchsetzen zu müssen“, sagt der 21-Jährige. Und dann klingt er fast ein wenig väterlich: „Sinan begreift, dass er jetzt eine riesige Chance hat. Es fängt immer bei einem selbst an.“
„Früher habe ich auch lustlos gewirkt“
Weiser hat mal gesagt, er habe sich zu lange auf sein Talent verlassen, bis er merkte, dass dies beim FC Bayern nicht reiche. Auch das machte ihm Kurt nach: „Klar habe ich Fehler gemacht“, sagt der 19-Jährige. Ob er zu früh zufrieden gewesen sei? „Ja. Früher war das so. Da habe ich manchmal vielleicht auch lustlos gewirkt“, sagt er.
Kurt ist ein schüchterner Junge. Aber man spürt, dass dies keine angeborene Schüchternheit ist, sondern eine erlernte. Der Fußball hat sich im Alter nach vorn verschoben. Die Spieler sind jünger, aber die Aufmerksamkeit ist größer. Da kann man sich verlaufen. Kurt sagt, er wolle nicht mehr nach hinten schauen. „Ich habe etwas Neues gewollt, eine neue Chance.“ Für die Bayern spielte er nur bei den Amateuren.
Viel von Robben und Ribéry gelernt
Bereut hat er den Wechsel nach München allerdings nie. „Ich würde das immer wieder so machen. Denn ich habe dort viel gelernt“, sagt er. Von Arjen Robben zum Beispiel, der habe ihn besonders imponiert. Oder Franck Ribéry.
Der Übergang vom Jugend- zum Herrenfußball sei der schwerste, und er habe sich dazu ja auch nicht unbedingt den leichtesten Klub ausgesucht. So wie Weiser vor ihm. Der sagt heute, die Erfahrung in München habe ihm beim Erwachsenwerden geholfen. „Ohne die Entscheidung wäre ich nicht, wo ich heute bin“, sagt Weiser.
Dorthin, wo Weiser ist, ein etablierter Stammspieler, der Fantasien nach oben weckt, will ihm auch Kurt nachfolgen. Die Position im Mittelfeld sei ihm egal. Er könne links, rechts oder zentral spielen. Und auch Einsätze in Herthas U23 seien zunächst ok, damit er Spielpraxis bekomme.
Hofft auf ähnlichen Weg wie Leroy Sané
Alles zuvor lief rasant, der Aufstieg und auch der Fall. Nun geht es darum, die Sache auf Normaltempo zu entschleunigen. Kurt ist heute ein bisschen weiser und würde in Zukunft gern ein bisschen wie Weiser sein.
Aber da gibt es ja noch andere, naheliegende Vorbilder: Mit Schalkes Leroy Sané, um den sich nun die europäischen Topklubs zanken sollen, und Gladbachs Mahmoud Dahoud ist er gut befreundet. Beide mischen die Liga auf, während Kurt darauf noch wartet. „Neidisch auf sie bin ich nicht“, sagt Sinan Kurt. „Ich hoffe, dass ich einen ähnlichen Weg gehen kann.“
Für eine andere Route hat sich unterdessen Marius Gersbeck (20) entschieden. Herthas Ersatztorwart verlängerte seinen Vertrag bis 2018, ehe er sich auf Leihbasis bis 2017 dem Drittligisten Chemnitzer FC anschloss.





