Kolumne Immer Hertha

„Was sich bei Hertha entwickelt, überfordert mich“

Bundesliga-Platz drei und Viertelfinale im DFB-Pokal: Der Hauptstadt-Klub entwickelt sich so rasant, dass mancher Fan nicht mitkommt.

Höhenflug: Hertha BSC jubelt, hier die Führung in Nürnberg: Salomon Kalou (Nr. 8), Fabian Lustenberger (Nr. 28) und Vedad Ibisevic. Obenauf Sebastian Langkamp

Höhenflug: Hertha BSC jubelt, hier die Führung in Nürnberg: Salomon Kalou (Nr. 8), Fabian Lustenberger (Nr. 28) und Vedad Ibisevic. Obenauf Sebastian Langkamp

Foto: Merz, Matthias / dpa

Der Abend war lau, die Stimmung nach ein, zwei Runden Bier locker. Doch der Schatten der vorangegangenen Rumpelsaison war lang. Immerhertha, der Blog der Morgenpost, hatte geladen. Rund 30 Leser und Kommentarschreiber hatten sich im August im Biergarten in Kreuzberg eingefunden.

Einzige Bedingung war, einen Zettel auszufüllen mit Name und der Platzierung, auf der Hertha BSC die Saison 2015/16 beenden würde. Nach den Erfahrungen der vorangegangenen Jahre mit Achterbahnfahrten zwischen der ersten und zweiten Liga saß die Skepsis tief. Mehr als drei Viertel der Unterzeichner siedelten Hertha zwischen Rang 12 und 15 ein. Ein Synonym für: Bitte die Bundesliga halten. Zwei Unterzeichner wähnten Hertha auf einem Abstiegsplatz. Nur zwei Teilnehmer, darunter der Autor dieser ­Zeilen, erwarteten Hertha einstellig – bei mir war es Rang neun.

„Ist das einfach nur toll? Sensationell?“

Um diese Gemütslage muss man wissen, um die aktuelle Stimmung zu verstehen. In der Liga steht Hertha auf einem nicht für möglich gehaltenen Rang drei. Und überwintert im DFB-Pokal im Viertelfinale. Nach dem Sieg im Achtelfinale in Nürnberg schrieb die Nutzerin „Moogli“ im Blog Immerhertha: „Freu, freu, freu… sprachlos… Ist das einfach nur toll? Sensationell? Ich kann’s nicht ausdrücken. Außer, es macht Riesenspaß.“ Der User „eigentlich nur Leser“ kommentierte: „Was sich gerade bei unserer Hertha entwickelt, überfordert mich etwas.“ Der Nutzer „hurdiegerdie“ kommentierte: „Ich finde es unfassbar. Ich werde immer wieder von Leuten, die keine Ahnung haben, aber mein Faible für Hertha kennen, gefragt, was ist los? Ich kann es nicht beantworten.“

Der Nutzer „Coconut“ beklagt einen Verlust: „Wo ist meine Hertha hin, bei der man immer Fingernägel kauend und zitternd auf den Bildschirm starrend, vor lauter Aufregung permanent aufs Klo musste oder ständig nach einer Zigarette gierte?“ Der User „nrwler“ schrieb: „Ich bin baff… Was Hertha BSC diese Hinrunde geleistet hat, ist unglaublich! Einfach klasse! Ich reibe mir verwundert die Auge und denke immer, ich träume noch.“ Sogar Hertha-Manager Michael Preetz bekannte nach dem Kantersieg in Darmstadt: „So einen Moment würde man gern festhalten.“

Hertha kann bereits mit der Planung 2016/17 beginnen

Wo man hinschaut: Verwunderung, Erstaunen. Da es um den Klub aus der Hauptstadt geht, gern auch mal in der gehässigen Variante: „Wie schlecht muss eine Liga sein, in der die Hertha oben steht“, fragt „Zeit online“.

Hertha bestätigt wieder einmal eine Besonderheit im Hochleistungssport. So jäh der Absturz war – 2009 noch Fast-Meister, 2010 Absteiger – so katapultartig zeigt sich der Aufschwung in dieser Hinrunde. Seit 15 Jahren hat Hertha nicht mehr das Überraschungsteam der Bundesliga ­gestellt. In dieser Saison ist Hertha auf bestem Wege dahin. Die Fliehkräfte des Erfolges zerren an den Beteiligten. Werden sie öffentlich gefragt, zitieren Trainer Pal Dardai und die Mannschaft stets Sepp Herberger: Das nächste Spiel ist … Aber natürlich wissen alle, dass der Aufschwung, richtig genutzt, Hertha neue Perspektiven eröffnen kann. Dafür muss das Führungstrio um Präsident Werner Gegenbauer, Manager Preetz und Trainer Pal Dardai (ohne, dass es nach Großmannssucht aussieht,) mutig sein.

Gegen Mainz werden nur 40.000 Fans erwartet

Am schwersten tun sich die Fans mit dem Pendeln zwischen den Extremen. Zu oft hat dieser Verein ihre Zuneigung enttäuscht. Nach wie vor haben viele im Hinterkopf ein Aber: Wie lange hält der Aufschwung an? Ist der Keim zur nächsten Krise schon gelegt?

Die Fans stimmen mit den Füßen ab – und halten sich zurück. Obwohl ­Hertha eine der drei besten Halbserien seiner Klub-Historie spielt, kamen im vorletzten Heimspiel gegen Hoffenheim lediglich 37.000 Zuschauer, im letzten gegen Leverkusen 41.800. Sonntag im Topspiel der Liga gegen den Tabellen-Siebten Mainz werden im Olympiastadion erneut nur 40.000 Zuschauer erwartet. Die Schatten der Vergangenheit sind lang. Es braucht mehr als ein, zwei Bier, um sie zu vertreiben.