Das Mikrofon vor ihm rückt Michael Preetz immer erst zurecht, bevor er spricht. Dabei ist es bereits auf seine Höhe eingestellt, wenn Herthas Manager auf Pressekonferenzen Journalistenfragen beantwortet.

Pal Dardai sitzt dann rechts neben ihm. Das Mikrofon beachtet der Trainer nicht, wenn er redet. Und damit hätten wir bereits einen fundamentalen Unterschied zwischen den beiden Personen, die am aktuellen Aufblühen ihres Klubs einen maßgeblichen Anteil haben.

Spricht Preetz in der Öffentlichkeit, rückt er sich seine Worte zurecht. Er überlegt sie sich gut, wiegt sie ab, bis sie manchmal nicht mehr so gewichtig erscheinen. Spricht Dardai, sprudeln seine Gedanken ebenso schnell aus ihm heraus, wie sie reinkommen. Er ist ein Drauflosplauderer, ein Charismatiker, ein Überall-gut-Ankommer.

Heute auswärts im Achtelfinale gegen den 1. FC Nürnberg

Vor dem DFB-Pokal-Achtelfinale gegen den Zweitligadritten Nürnberg am Mittwoch (19 Uhr/Sky) spricht Dardai von seinen Gefühlen. Er hat diesen Wettbewerb so sehr mit seiner Person aufgeladen, ihn ichisiert, als er vor der Saison davon erzählte, wie er in all den Jahren von zu Hause ins Olympiastadion spazierte, um anderen Teams zuzuschauen, die dort das Pokalfinale unter sich ausmachten. Nun wolle er auch mal Finalist sein.

Sein Traum sei das, sagt Dardai. Und wenn er nicht in Erfüllung gehe, „dann habe ich mein Gesicht auch nicht verloren“. Über seine Träume zu sprechen, selbst wenn sie zunächst vermessen erscheinen und ihm daher im Falle des Scheiterns irgendwann auf die Füße fallen könnten – so sei er nun einmal. Der Pokal ist in Berlin zum Dardai-Pokal geworden.

Preetz spricht öffentlich nicht über seine Träume. Er wird auch nicht danach gefragt. Der 48-Jährige muss über Prämien sprechen. Ob es eine besondere Zuwendung für die Profis gebe, falls man es erstmals seit 2012 wieder in ein Pokalviertelfinale schaffe. Er sagt: „Hertha BSC würde sehr gern Prämien für etwas Besonderes im Pokal ausschütten. Aber davor steht, dass man etwas Besonderes erreicht.“ Dardai ist Dardai. Preetz ist Preetz.

Misserfolg ist seiner, Erfolg der, der anderen

Dabei muss es sich im Moment für Preetz wie in einem Traum anfühlen. Nie unter seiner Verantwortung als Manager seit 2009 spielte Hertha so erfolgreich und ansehnlich wie jetzt. Nie bekam die in der Restrepublik oft als graue Maus wahrgenommene Alte Dame so viel Anerkennung. „Hipster Hertha“, schrieb die Deutsche Welle über den Tabellendritten in diesen Tagen.

Misserfolg wurde immer Preetz angeheftet. Erfolg dagegen war stets der Erfolg der anderen. So war es bei Jos Luhukay, als Hertha unter dem Niederländer 2013 in der Hinrunde 28 Punkte holte. Und so ist es auch jetzt wieder: Den großen Applaus bekommt Dardai. Für ihn standen die Leute bei der Mitgliederversammlung im November auf. Bei Preetz’ Rede klatschten sie höflich.

Beim letzten Sieg gegen die Franken erzielte er das 1:0

Dabei liegt eine der vielen Erklärungen für Herthas momentanen Aufschwung in Preetz’ jüngerer Personalpolitik. Er hat Dardai vom Jugendtrainer zum Cheftrainer gemacht und dessen Inthronisierung schon lange vor dem 5. Februar vorbereitet. In den Vertrag mit dem ungarischen Verband ließ er eine Klausel einsetzen, die es Hertha ermöglichte, den damaligen Nationaltrainer Dardai auszulösen, falls dieser dauerhaft Cheftrainer in Berlin würde.

Und dann sind da die Sommertransfers: Drei der vier Neuen – Vladimir Darida, Vedad Ibisevic und Mitchell Weiser – haben die Berliner in eine neue Leistungsetage gehoben. Das ist die Basisarbeit, und Preetz verrichtete sie aufgrund des späten Klassenerhalts unter erschwerten Bedingungen. Aber sie liegt außerhalb des Rampenlichts.

Das Applaus-Verhältnis hat sich umgekehrt

Früher war es anders. Preetz und Dardai haben lange bei Hertha zusammengespielt. 2003, beim bisher letzten Sieg der Blau-Weißen in Nürnberg (3:0), standen beide auf dem Feld. Preetz schoss das 1:0. Das Rampenlicht fiel wie so oft in diesen Jahren auf den Torjäger, den sie ob seiner 1,92 Meter „Langer“ nannten.

Auf Dardai fiel es nicht, obwohl er die wichtige Basisarbeit im Mittelfeld verrichtete. Heute hat sich jenes Applaus-Verhältnis zwischen Preetz und Dardai umgekehrt.

Im Sommer wird Preetz 20 Jahre bei Hertha sein. Auch wenn er als Spieler nie Publikumsliebling war wie Dardai, ist dieser Abschnitt seiner Berliner Zeit auf ewig positiv besetzt. Rekordtorschütze des Vereins bleibt er noch lange.

Seine Zeit als Manager dagegen hat durch zwei Abstiege und Trainerentlassungen eine negative Note. Die schwierige, finanzielle Nachlassverwaltung von Vorgänger Dieter Hoeneß wurde selten als Argument akzeptiert.

Hertha mutiert vom hässlichen Entlein zum Schwan

In dieser Saison aber steckt womöglich das Potenzial, dies zu ändern. Sie könnte Preetz endlich Anerkennung verschaffen, weil er dabei ist, ein hässliches Entlein zum Schwan mutieren zu lassen, und weil man es ihm nicht zugetraut hat.

Dazu braucht es nicht einmal Märchenhaftes wie das Verweilen auf einem Champions-League-Platz bis Saisonende. Es würde schon die Erfüllung des Pokaltraums reichen: das Finale im eigenen Stadion, geschweige denn der Titel. Das Preetz-Bild würde sich mit einem Mal wandeln. Der Pokal ist der kürzeste Weg zum Ruhm.

Für Hertha sind es nun nur noch drei Siege bis zum Endspiel. Ein „riesiger Traum“, sei das, sagt Pal Dardai. „Der Pokal ist ganz zentral für uns“, sagt Michael Preetz.