Bundesliga

Wie gut ist Hertha wirklich?

Alles selbst erarbeitet: Wie Hertha, Fast-Absteiger im Mai, sich im Dezember zum Bundesliga-Dritten entwickelt hat.

Der dritte Streich: Vedad Ibisevic (M.) erzielt Herthas  3:0 beim SV Darmstadt

Der dritte Streich: Vedad Ibisevic (M.) erzielt Herthas 3:0 beim SV Darmstadt

Foto: Alexander Scheuber / Bongarts/Getty Images

Berlin.  Die Laune in der kleinen Sportsbar am Frankfurter Flughafen war bestens. Im Hintergrund hatte gerade Leverkusen das fünfte Tor gegen Mönchengladbach erzielt. Damit war klar, dass Hertha BSC in der Bundesliga-Tabelle auf Rang drei geklettert ist. „Super, dann gibt es nächstes Jahr wieder Europacup-Reisen“, freute sich ein Fan. „Mailand, Amsterdam, da waren wir ja schon.“ Er dreht sich zu einem Kumpel um: „Weißt du noch, als wir das Wohnmobil gemietet haben und direkt von Berlin zum Meazza-Stadion durchgefahren sind?“

Eine Stunde ­zuvor hatte Vedad Ibisevic in den Katakomben des Stadions am Böllenfalltor gestanden. Mit einem eindrucksvollen 4:0 hatte Hertha den aufmüpfigen Aufsteiger Darmstadt bezwungen. Doch Ibisevic sagte: „Wir sind gerade in einer ganz gefährlichen Phase. Wenn wir uns zurücklehnen, wird das nichts. Wir müssen jetzt ­unbedingt eine Schippe drauflegen.“

Am Anfang stand ein ganz schlechtes Gefühl

Die Fans träumen vom internationalen Fußball, die Beteiligten versuchen die Emotionen aus der Situation zu nehmen – zwischen diesen Polen pendelt Hertha. Für die Beobachter bleibt die Frage: Wie gut ist der blau-weiße ­Jahrgang 2015/16 wirklich? Hertha hat - mit Ausnahme von Mainz – gegen alle Gegner gespielt. Nach 16 Runden steht das Team von ­Trainer Pal Dardai auf Rang drei. Kann es sein, dass der Fast-Absteiger vom Mai im Dezember die drittbeste Mannschaft im Lande ist?

Die Zurückhaltung von Ibisevic resultiert aus seiner Vergangenheit. Der Torjäger war 2008/09 das Gesicht der TSG Hoffenheim, die als Aufsteiger sensationell Herbstmeister wurde – und nach einem Kreuzbandriss von Ibisevic ins Mittelfeld durchgereicht worden war. Auch Kapitän Fabian Lusten­berger will den Ball flach halten: „Wir hoffen, dass ­der Lauf anhält.“

Erst die Fitness, dann das Selbstbewusstsein

Einen Lauf haben, das kommt so beiläufig rüber. Und wird dem nicht gerecht, was sich seit ­Monaten entwickelt. Der Erfolg ist einer, den sich Hertha selbst erarbeitet hat. Am Anfang, sagt Abwehrchef Sebastian Langkamp, stand ein ganz schlechtes Gefühl. „Dieses Gefühl wollte keiner noch mal erleben“, erinnert Langkamp an die Stimmung nach dem letzten Spiel der Vorsaison. Dort war Hertha nach einem 1:2 in Hoffenheim wegen des besseren Torverhältnis der Relegation entgangen. Langkamp sagt: „Das hat das ­Bewusstsein ­geschärft, ­alles zu ändern.“ Die Grundlage für eine bärenstarke Fitness wurde in der harten Vorbereitung unter Athletiktrainer Henrik Kuchno gelegt. „Die ersten ­erfolg­reichen Spiele haben uns Selbstvertrauen gegeben“, erzählt Lustenberger mit Blick auf die Auftaktsiege im DFB-Pokal in Bielefeld (2:0) und in der Liga in Augsburg (1:0).

Das eigentlich erstaunliche indessen ist die Konstanz. Hertha hat fünf Saisonniederlagen kassiert. Gegen Dortmund, Wolfsburg, Schalke, Gladbach und den FC Bayern, ausnahmslos gegen Gegner, die mit sehr viel höheren Personaletats unterwegs sind. Hertha hat jedoch gegen keinen einzigen Gegner verloren, der in etwa auf ­Augenhöhe erwartet worden war.

Hertha profititert vom Torwartwechsel zu Jarstein

Zu dieser Konstanz kommt eine ­rasche Lernfähigkeit. Beim 2:1 gegen Leverkusen bewies die ­Mannschaft, dass sie sich mittlerweile sogar ­innerhalb eines Spiels aus einer ­Zwischenkrise befreien kann. In Darmstadt war eine neue Qualität zu beobachten. Hertha erzielte mit den ersten fünf Torschüssen vier Treffer – und konnte in den letzten 30 Minuten erstmals seit Jahren in Ruhe einen Vorsprung verwalten. „Das hat sehr viel Spaß gemacht“, sagt Lustenberger.

Grundlage dieser Entwicklung ist die defensive Stabilität. Seit Anfang Februar, dem Amtsantritt von Pal Dardai, hat nur der FC Bayern weniger Gegentore kassiert als Hertha. Und man hat den Eindruck, dass diese Grundlage sich durch den Torwartwechsel von ­Thomas Kraft (Schulterverletzung) zu Rune Jarstein mit dessen Stärken in der Strafraumbeherrschung noch mal ­verbessert hat.

Mittwoch geht’s im Pokal zum 1. FC Nürnberg

Zudem fällt die taktische Flexibilität auf. Hertha kann sich in harten, körperbetonten Partien ebenso behaupten wie gegen technisch versierte Gegner. Ob Hertha defensiv agiert oder viel Ballbesitz hat – „wir haben für jedesSpiel einen Matchplan. Der ist bisher meist aufgegangen“, sagt Lustenberger.

Ob Hertha aber tatsächlich das Format für internationalen Fußball hat? Trainer Dardai spielt auf Zeit. „Die Jungs haben Großartiges geleistet. Trotzdem: Das Pokalspiel in Nürnberg, das ist das wichtigste Spiel für uns und die Fans. Mittwoch ist der Schlüssel für den Weihnachtsgeschmack.“