Es ist nun die Zeit der Weihnachtsfeiern angebrochen. Auch bei Hertha BSC. Am Sonnabend, nachdem sich das Olympiastadion schon längst geleert hatte, verteilten sich die Profis der Berliner quer über die Stadt, um ihren Fanclubs einen Besuch abzustatten. Derartige Stippvisiten sind gerade bei den Großen der Branche in Mode – wie beim FC Bayern, wo Pep Guardiola kürzlich Maßkrüge stemmen musste.

Hertha macht nun also auch hier, was die Großen tun. Und das ist insofern stimmig, weil die Blau-Weißen jetzt endgültig auch sportlich in diesem Kreis angekommen sind. Große schlagen Große. Durch die Treffer von Vladimir Darida (7. Minute) und John Anthony Brooks (60.) gewann Hertha mit 2:1 (1:1) gegen den Champions-League-Teilnehmer Bayer 04 Leverkusen.

Völler tobt nach unberechtigtem Platzverweis für Boenisch

Endlich, im sechsten Versuch in dieser Spielzeit, gelang es dem Team von Trainer Pal Dardai, eine Topmannschaft zu bezwingen. Mit dem 400. Sieg in ihrer Bundesligageschichte und nun 26 Punkten setzt sich Hertha auf den Europapokalplätzen fest. „Das ist unglaublich. Wer hätte das gedacht“, sagte Stürmer Vedad Ibisevic ungläubig nach dem Spiel.

Zwar profitierte Dardais Elf gegen Bayer auch von einer Fehlentscheidung des Schiedsrichters Robert Hartmann, der Bayers Sebastian Boenisch nach 17 Minuten für ein gelbwürdiges Foul vom Platz stellte. Aber die Hauptstädter traten auch so leidenschaftlich auf, dass sie sich den fünften Heimsieg in dieser Spielzeit verdienten. Das fand auch Leverkusen-Trainer Roger Schmidt. Aber sein Manager Rudi Völler war sauer: „Das war ein Pipifaxfoul. Nie und nimmer eine Rote Karte.“

Dardai war es egal. „Das war heute ein sehr schöner Tag für uns alle. Wir wollten die Leverkusener überraschen. Und das hat geklappt“, sagte der Ungar. Seine Elf habe den nächsten Schritt in der erstaunlichen Entwicklung seit dem Sommer gemacht.

Hertha begann diese Partie, wie man sonst ein anständiges Rockkonzert beginnt: mit Vollgas. Der agile Mitchell Weiser, nach seiner Sprunggelenksverletzung wieder fit, hatte die erste Gelegenheit. Die wurde noch vereitelt, aber als kurz darauf Ibisevic im Strafraum Darida fand, stand es 1:0 für Hertha. Der Tscheche schob den Ball flach an Bayers Schlussmann Bernd ­Leno ins Netz (7.). Es war sein zweiter Saisontreffer.

In dieser Phase fühlte sich Hertha derart stark, dass man es auf den enttäuschend sparsam besuchten Rängen spüren konnte (41.819 Zuschauer). Weiter rollten die Angriffe. Ibisevic lag quer in der Luft, aber sein Fallrückzieher ging drüber (9.). Es machte Spaß, hier zuzusehen. Weniger Spaß hatte Herthas Youngster Yanni Regäsel, als ihm Boenisch in die Gliedmaßen sprang. Schiedsrichter Hartmann machte seinem Namen Ehre und zückte Rot – eine zu harte Entscheidung.

„Wir waren selbst überrascht, wie überlegen wir waren"

Nun war Hertha in Überzahl, aber das erwies sich zunächst nicht als Vorteil. „Da waren wir viel zu passiv“, gab Darida zu. Von diesem Augenblick an übernahmen die Gäste die Spielkontrolle und kamen zum Ausgleich. Admir Mehmedi bediente Javier Hernandez, genannt Chicharito (kleine Erbse), der schob zum 1:1 ins Netz (29.). Erbsenzählerstand: siebtes ­Saisontor des Mexikaners.

Hertha war nun verunsichert. Eben noch spielte man erfrischend mutig. Nun, in Überzahl, fühlte es sich an, als hätte man sehr wohl eine Menge zu verlieren. „Wir waren selbst überrascht, wie überlegen wir waren. Aber nach der Roten Karte kamen wir plötzlich ins Nachdenken“, sagte ­Ibisevic. Dardais Ansage in der Halbzeitpause: „Nerven bewahren, Jungs!“

Nach dem Seitenwechsel sahen die 41.819 Zuschauern im Olympiastadion eine Szene, die ziemlich gut beschreibt, wie dicht Genie und Wahnsinn bei Brooks liegen. Eben noch verstolperte der Berliner Innenverteidiger einen Pass, der mächtig gefährlich hätte werden könne, wäre nicht Fabian Lustenberger aufmerksam gewesen. Dardai schüttelte an der Seitenlinie den Kopf. Aber dann, gute 50 Meter auf der anderen Seite, stieg Brooks nach einem Eckball von Marvin Plattenhardt so hoch wie sonst kein anderer und köpfte zum 2:1 ein (60.). Es war das erste Saisontor des US-Nationalspielers. Dardai schüttelte auch hier den Kopf – aber er lächelte dabei.

Dank Brooks bleibt die Serie der Berliner bestehen

Brooks hätte fast noch seinen zweiten Treffer an diesem Abend erzielt, wäre sein Schuss nach einer weiteren Ecke nicht noch auf der Linie gestoppt worden (82.). Aber das war nachher ebenso egal wie der Umstand, dass Hertha einen Elfmeter hätte bekommen müssen, als Jonathan Tah Ibisevic im Strafraum foulte. Weil Chicharitos letzter Versuch in der Nachspielzeit knapp vorbeiflog, blieb es beim verdienten 2:1 für Hertha.

Wieder ist es den Berlinern gelungen, nach einer Niederlage in der Vorwoche (0:2 gegen Bayern) mit einem Sieg zu antworten, wie bisher immer in der Saison. Angenehmer lässt sich eine Weihnachtsfeier nicht begehen.