Vedad Ibisevic war ganz begeistert: „Schon der Name“, sagte Herthas Angreifer am Sonntagmorgen zu Alexander Baumjohann, als beide zum Beinelockern nach dem 0:2 gegen den FC Bayern am Vortag auf den Trainingsrasen marschierte. „Ein geiler Name: Tyson Fury. Tyson Fury“, wiederholte Ibisevic fasziniert.
Iron Mike Tyson noch einmal ergänzt mit Wut (englisch: Fury). Das klingt, als könne der, der ihn trägt, auch den allergrößten Dominator besiegen. Selbst Wladimir Klitschko.
Nun ist Vedad Ibisevic kein Boxexperte, sondern einer auf dem Gebiet der Torchancenverwertung im Fußball, aber der Überraschungserfolg des Außenseiters Tyson Fury gegen den Platzhirsch Wladimir Klitschko vom Sonnabend war dennoch ein Thema beim Berliner Stürmer.
Trainer Pal Dardai ist nicht unzufrieden
Im Grunde hatte er bei jenem Kampf erlebt, was es in seinem Sport nicht mehr zu geben scheint: Ein Außenseiter gewinnt gegen den alles überstrahlenden Champion, der elf Jahre lang nicht verloren hatte, weil er nicht vor Ehrfurcht erstarrte.
In der Bundesliga kann Ibisevic das im Moment nicht beobachten. Der FC Bayern haut jeden Gegner weg und die Geschlagenen nehmen es mit Gleichmut hin. Auch Hertha-Trainer Pal Dardai sagte zum 0:2 gegen die Münchner: „Es war okay. Sie haben uns nicht kaputt gespielt, und das spricht für uns.“
Nun kann man Dardai oder Hertha deshalb gar keinen Vorwurf machen. Der Ungar hatte ja recht, als er sagte, seine Elf habe sich ordentlich verkauft. Und wer weiß, ob sein Team nicht vier oder fünf Tore kassiert hätte, hätte es versucht mitzuspielen. Auf die passive Spielweise angesprochen, hatte Dardai schon am Sonnabend in der Pressekonferenz nach dem 0:2 zynisch reagiert: „Ich bin immer offen für neue Ideen, wie wir gegen Bayern spielen können.“
Rummenigges TV-Geld-Wünsche
Aber was sagt es über eine Liga aus, wenn nicht einmal der Tabellenvierte ansatzweise mit dem Spitzenreiter mithalten kann, selbst wenn der nicht sein bestes Personal aufstellt und nur Dienst nach Vorschrift abliefert? Die Bayern sind der Bundesliga längst entwachsen.
Kommt es so, wie deren Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge es gern hätte, und die Münchner dürfen irgendwann ihre TV-Rechte eigenständig vermarkten und damit in etwa das Vierfache einnehmen, wird erst recht niemand mehr an ihrer Dominanz rütteln können. Die große Langeweile an der Tabellenspitze hat ja jetzt schon eingesetzt.
„Wir haben es gegen die Bayern für unsere Möglichkeiten gut gemacht – und waren chancenlos“, sagt Herthas Manager Michael Preetz. Das trifft es gut. Früher, als Preetz und Dardai Profis waren, konnte man die Bayern bisweilen noch überrumpeln, wenn die sich mal nicht bis in die Zehenspitzen hinein motiviert hatten. „Heute ist es so ein riesiger Unterschied geworden“, sagte Dardai.
Hertha kassiere schon fünf Gegentore nach Standards
Man kann darüber lamentieren. Aber Dardai hat Besseres vor. Der Zahnarztbesuch in München („Muss jeder mal hin. Kann schmerzhaft werden. Kann aber auch glimpflich ausgehen.“), wie der früherer Bremer Sebastian Prödl die Partien bei den Bayern einst nannte, war für ihn auch eine Lehrstunde: „Jetzt wissen wir, wo wir stehen und was wir besser machen müssen“, sagte der 39-Jährige.
Da wäre zum einen die mittlerweile chronische Schwäche bei gegnerischen Standards. Das 0:1 durch Thomas Müller war bereits das fünfte Gegentor nach einem ruhenden Ball für Hertha in dieser Saison (ohne die drei Elfmeter gegen die Berliner). Dardai nannte es „unsere Krankheit“. Das Gegenmittel Raum- statt Manndeckung half diesmal jedenfalls nicht.
Zum anderen hat Dardai gelernt, dass sein Team die neuerliche Ballsicherheit gegen einen solch pressingstarken Gegner noch nicht durchhalten kann: „Beim eigenen Spielaufbau hat uns die innere Ruhe gefehlt“, sagte der Ungar. Nur 30 Prozent Ballbesitz hatten die Blau-Weißen – so wenig wie noch nie in dieser Saison. „Aber das ist nicht schlimm, denn das war gegen die Bayern. Nächste Woche muss das wieder besser sein“, sagte Dardai.
Dardai konnte jede Niederlage mit einem Sieg wettmachen
Der nächste Gegner der Berliner wird am Sonnabend Leverkusen zu Hause sein, und Dardai glaubt, dass seine Mannschaft dann anders auftreten wird, weil das bisher stets so war: „Bis jetzt haben wir nach Niederlagen immer gleich die Antwort gegeben. Das ist jetzt auch unsere Aufgabe“, sagte er.
Es ist in der Tat eine recht erstaunliche Serie, die Hertha vorzuweisen hat: Nach jeder der bisher vier Saisonniederlagen gewannen die Berliner das Spiel darauf. Nach der Pleite gegen Dortmund (1:3) wurde Stuttgart besiegt (2:1), nach Wolfsburg (0:2) Köln (2:0), nach Schalke (1:2) Ingolstadt (1:0) und nach Gladbach (1:4) Hannover (3:1). Gelingt das auch gegen Leverkusen, hätte Dardais Team schon mehr als die Hälfte der Punkte eingesammelt, die es nach Angaben des Trainers bis Weihnachten noch holen soll: „Unser Ziel ist es, in den letzten drei Spielen noch vier bis fünf Punkte zu holen.“
Der Einzige bei Hertha, der neben dem verletzten Thomas Kraft ansatzweise einen geeigneten Kampfnamen á la Tyson Fury besitzt, ist Marvin Plattenhardt. Und der sagte: „Die Niederlage gegen die Bayern wird uns von unserem Weg nicht abbringen.“





