Es ist leicht, sich lustig zu machen. Über die regelmäßig geäußerte Beschwerde, warum die Annahmestelle für Motorradhelme am Olympiastadion im Winter geschlossen ist. Oder die Frage, warum die BVG seit Jahren die frühere Buslinie von Spandau zum Olympiastadion nicht mehr anbietet. Ein Evergreen sind Toiletten-Fragen: Warum bei Hertha-Spielen mit wenigen Besuchern die stillen Örtchen am Block P geschlossen sind. Warum Hertha-Fans bei Spielen gegen Schalke nicht auf die gewohnten Toiletten wie sonst gehen dürfen.

Es gibt eine Reihe von Kollegen, die beim Stichwort Mitgliederversammlung die Augen verdrehen und lamentieren über Würstchen mit Kartoffelsalat, ­„blau-weiße Hertha“-Marschmusik vom Band und über Abende in riesigen ­Messehallen, die sich wie Kaugummi ziehen.

Ich mag diese Veranstaltungen wie „Hertha im Dialog“ am Mittwoch dieser Woche. Schon klar, das eine oder andere kann man unter der Rubrik Vereinsfolklore verbuchen. Wie die regelmäßig gestellte Frage, was die Klubverantwortlichen eigentlich unternehmen, damit die Schiedsrichter nicht immer gegen Hertha pfeifen.

Ich mag das Aufeinandertreffen der verschiedenen Welten. Dort auf dem Podium sitzen Hauptamtliche, die einen Bundesliga-Klub mit einem Etat von über 100 Millionen Euro führen. Im Saal sitzen Menschen, die sieben Euro im Monat für eine Mitgliedschaft bei Hertha ausgeben, die der Nachwuchsarbeit zu­gutekommt. So bunt der Querschnitt unter den Mitgliedern ist, so unterschiedlich sind deren Zugänge zum Fußball.

Dieses Aufeinandertreffen führt mal zu Heiterkeit, mal zur Reibung. Manchmal schlägt die Begegnung verschiedener Welten Funken. Und die sprühen so, dass aus einer beiläufigen Frage und einer robusten Antwort der Zustand und die Zerrissenheit im Profifußball 2015 deutlich wird, gebündelt wie unter einem Brennglas. Die Frage lautete, ob Hertha klar Stellung bezieht gegen TV-Pläne, dass ab 2017 die Bundesliga nicht nur am Wochenende gespielt wird, sondern dass es erstmals pro Saison fünf Partien am Montagabend geben soll. Die blitzschnelle Antwort von Präsident Werner Gegenbauer: Dass Hertha für den TV-Vertrag stimmen wird, der am besten für den Verein ist. Übersetzt: der Hertha am meisten Geld einbringen wird.

Der gedankliche Hintergrund seines Standpunktes: Alle erwarten, dass Hertha als Hauptstadt-Klub sich in der Bundesliga nach oben, Richtung Europa, orientiert. Das kostet Geld. Also tut der Verein alles, um seine Einnahmesituation zu verbessern. So auch, wenn es um die anstehenden ­Fernsehverträge geht.

Das verstand das fragende Mitglied sofort – und war erzürnt: Wie sollen die Fans montagabends Hertha auswärts begleiten? Wie sollen die Anhänger aus Brandenburg zu diesem Termin ins Olympiastadion kommen, wenn sie am Dienstag um 6 Uhr aufstehen ­müssen?

Hinter der Montagabend-Debatte verbirgt sich eine grundsätzliche Frage: Wer bestimmt, wohin sich der Fußball entwickelt? Jene, die mit ihm Geld verdienen – wie die Vereine, das Bezahlfernsehen oder die werbetreibende Wirtschaft? Oder jene, die als treue Fans regelmäßig ihr Eintrittsgeld entrichten und für das sorgen, was in den VIP-Logen wohlwollend als „tolle ­Stadion-Atmosphäre“ registriert wird?

Die Antwort ist: Diese Frage lässt sich nicht mit Entweder-oder beantworten. Alle Beteiligten haben berechtigte Interessen. Deshalb stellt die Montagabend-Frage die Bundesliga vor eine Zerreißprobe. Es wird in den kommenden Monaten spannend sein zu sehen, ob sich ausreichend Schnittmengen finden lassen.

Häufig übersehen werden bei dieser Diskussion die Mitglieder von Vereinen. Dabei haben sie eine starke Position. Sie können ihre Verantwortlichen direkt ansprechen. Die nächste Gelegenheit zu Fragen an Manager Michael Preetz oder Präsident Gegenbauer bietet sich am Montag bei der Mitgliederversammlung von Hertha BSC.