Hertha BSC

Salomon Kalou und die Münchener Freiheit

Beim FC Bayern hat man nichts zu verlieren, sondern nur mächtig viel Ruhm zu gewinnen. Wer wüsste das besser als Herthas Stürmer Salomon Kalou?

Salomon Kalous Aufschwung brachte Hertha BSC in dieser Saison schon zehn Tore des Ivorers

Salomon Kalous Aufschwung brachte Hertha BSC in dieser Saison schon zehn Tore des Ivorers

Foto: dpa Picture-Alliance / City-Press / picture alliance / City-Press Gb

Manchmal ist es recht erhellend, was im Ausland über einen gedacht wird. Über Hertha publizieren sie im Moment sogar in den USA Artikel. Vor der Partie des Tabellenvierten gegen den FC Bayern am Sonnabend (15.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de) heißt es in einem: Hertha gehöre aktuell zu den furiosen Überraschungsteams in Europa, die „über ihrer Gewichtsklasse boxen“.

Überall in den Ligen läuft nämlich gerade ein Aufstand der Außenseiter. Leicester City führt die Premiere League vor Manchester United an – übrigens mit dem Berliner Robert Huth in der Abwehr. Sassuolo Calcio turnt in Italien auf Platz fünf herum – vor Meister und Pokalsieger Juventus Turin.

Ähnlich ist es in Frankreich mit dem Aufsteiger SCO Angers: Platz fünf und 23 Punkte nach 14 Spielen. So wie Hertha. Letztes Saison Fast-Absteiger, diese Champions-League-Anwärter. Da horcht man selbst in Übersee auf. Hertha sei vielleicht nicht der heißeste Klub Deutschlands, aber einer, der gerade die eigenen Grenzen neu ausmisst, heißt es in dem Artikel.

Die Bayern können vorzeitig Herbstmeister werden

Man kann im Moment also, ohne rot zu werden, behaupten, dass die Alte Dame so langsam wieder ein paar neue Verehrer gefunden hat. In den vergangenen Jahren gefiel sie sich selbst nur ganz selten. Nun ist sie plötzlich ein Hingucker, weil man mit ihrem Erscheinen im Kreise der Topklubs nicht gerechnet hat. Es ist eine Außenseiter-Aufstiegsgeschichte, die in Berlin gerade erzählt wird. Jetzt findet sie ihren vorläufigen Höhepunkt in München.

Denn wie kann so eine Aschenputtelstory besser kulminieren, als im Duell mit der imposantesten Vergleichsgröße im deutschen Fußball: dem FC Bayern? Der hat schon wieder acht Punkte Vorsprung auf Platz zwei.

Nur einmal in der Geschichte der Bundesliga gab es zu diesem Zeitpunkt einen noch weiteren Abstand zum Rest der Liga: 2012/13. Damals waren es neun Zähler Vorsprung, und natürlich schafften das nur die Bayern. Wenn alles nach Plan läuft und der Verfolger Borussia Dortmund nur Remis spielt, wären die Münchner bei einem Sieg gegen Hertha bereits Herbstmeister.

Gute Erinnerungen an die Allianz Arena

Wie schaut’s aus, wenn die aufgehübschte Hertha unter diesen Vorzeichen dort vorstellig wird? Ende der Märchenstunde, oder ein Fortschreiben des Außenseiteraufstiegs? Pal Dardai beschrieb es so: „Die Bayern haben die weltbeste Mannschaft. Wir können mal sehen, wie groß der Abstand zu ihnen ist. Es ist ein Leistungsvergleich.“

Aber Herthas Cheftrainer hat einen Standortvorteil: Er findet in seinem Berliner Kader nämlich einen der raren Fußballprofis auf diesem Planten, der schon einmal in München gegen den FC Bayern gewann. Und auch damals was es der Sieg eines Außenseiters. Salomon Kalou stand 2012 in der Startelf des FC Chelsea, der mit dem Interimscoach Roberto di Matteo im Champions-League-Finale von München gegen den FC Bayern gewann (4:3 nach Elfmeterschießen). Didier Drogbas Ausgleichstreffer kurz vor Schluss. „And now: goal.“ Sie wissen schon.

Mitchell Weiser fehlt in München

Wer, wenn nicht Kalou, wüsste besser, dass man in München nichts zu verlieren hat, sondern nur mächtig viel Ruhm gewinnen kann? Normalerweise verliert da jeder. Wenn nicht, ist man der King. Also kann man da locker aufspielen. Münchener Freiheit.

Nun kann man sagen, dass sich im Fußball von vergangenen Errungenschaften in der Gegenwart wenig kaufen lässt. Aber neben dem Umstand, dass die Münchner Arena für Kalou mit positiven Gefühlen besetzt ist – was nur ganz wenige Gegner von sich sagen können –, kommt jener, dass der Ivorer im Moment auch in prächtiger Verfassung ist. Fast jedes zweite Tor der Berliner in Liga und Pokal (insgesamt 22) hat der Angreifer erzielt (zehn).

Wenn es überhaupt Hoffnungen auf den ersten Hertha-Sieg in München seit 38 Jahren geben kann, dann ruhen sie auf Kalou. „Der Schlüssel ist, die Bayern nicht ins Spiel kommen zu lassen. Wenn sie sich da einrichten, wird es ganz schwer“, sagte der 30-Jährige. Aber: „Wir müssen das Beste spielen, was wir können.“ Verzichten muss Hertha aber auf Mitchell Weiser.

Fast jeden zweiten Treffer der Berliner erzielte der Stürmer

Unter der Woche, als die Bayern Piräus mit 4:0 in der Königsklasse verhauten, guckte Kalou lieber seinem Herzensklub FC Barcelona zu, der 6:1 in Rom gewann. „Bei den Bayern weiß ich ja, wie sie spielen“, sagte er. Wie Kalou selbst gegen die Bayern spielen wird, ist noch nicht klar. Dardai erwägt, den Stürmer wie zu seiner Zeit in London auf dem Flügel einzusetzen. „Wir haben das im Training geübt. Salomon kann links, rechts und sogar auf der Zehn spielen“, sagte der 39-Jährige.

Wirkte Kalou in seinem ersten Jahr bei Hertha noch, als müsse der Champions-League-Titel für den Rest der Karriere reichen, ist er nun ein Schlüsselspieler im Dardai-Fußball: „Er arbeitet hart und ist fleißig“, lobte der Ungar. Zudem trifft Kalou nun in schöner Regelmäßigkeit. Auswärts durchschnittlich alle 73 Minuten. Bleibt das auch in München so, steigen die Chancen, dass bald neue Artikel über Hertha im Ausland geschrieben werden.