Fußball

Herthas untrügliches Gespür für Schnee

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Ninja Priesterjahn, Uwe Bremer

Beim 1:0 gegen Hoffenheim trotzen die Berliner allen widrigen Bedingungen und sind nun Vierter. Sie schaffen dabei sogar einen Rekord.

Berlin.  Ein ganz normales Bundesligaspiel hatte niemand erwartet, als Hertha BSC am Sonntagnachmittag die TSG Hoffenheim empfing. Aufgrund der Terroranschläge in Paris und des abgesagten Länderspiels in Hannover fuhr der ein oder andere Zuschauer mit gemischten Gefühlen ins am Ende nur mäßig gefüllte Olympiastadion.

Schon mehrere Meter vor dem Eingang wurden die Besucher abgescannt, ihre Taschen eingehend kontrolliert. Im Gegensatz zum Spiel zwischen Schalke 04 und Bayern München konnten die Anhänger von Hertha und Hoffenheim dann aber sogar einen gemeinsamen Eingang nutzen.

Das lag zwar vor allem daran, dass kaum Fans der Gäste zugegen waren, die Stimmung war aber insgesamt sehr friedlich. So rückten andere Faktoren in den Vordergrund, die das 1:0 (1:0) von Hertha zu einer außergewöhnlichen Partie machten.

Die Linien waren nicht mehr zu sehen

Einer davon war das Schneetreiben, das kurz nach Spielbeginn einsetzte. Hertha-Trainer Pal Dardai, der im Vergleich zum Spiel gegen Hannover nur einen personellen Wechsel vorgenommen hatte, und Tolga Cigerci für den verletzten Mitchell Weiser auflaufen ließ, musste sich nach zehn Minuten eine Mütze aufsetzen.

Die Schiedsrichter hatten andere Probleme: Kurz nachdem der weiße Ball gegen ein rotes Spielgerät ausgetauscht worden war, bemängelten sie, vor lauter Schnee die Linien nicht mehr sehen zu können. Farbige Hütchen am Spielfeldrand schafften Abhilfe.

Und als hätte die Technik nur auf diesen Moment gewartet, um sich bezahlt zu machen, erfasste das Torliniensystem Hawk-Eye drei Minuten später das erste und einzige Tor des Spiels. Der Freistoß von Marvin Plattenhardt segelte vom Kopf Eugen Polanskis ins Hoffenheimer Tor. Oder doch nicht?

Erstmals reicht in der Bundesliga nur ein Torschuss zum Sieg

Es herrschte kurz Uneinigkeit, ob der Ball die Linie tatsächlich überquert hatte, doch dann zeigte Schiedsrichter Guido Winkmann mit der Hand auf sein Armband, und auch die nur 37.045 Zuschauer im Stadion bekamen das Ergebnis per Videowand angezeigt: Die zu Saisonbeginn eingeführte und lange kritisch diskutierte Torlinientechnologie bewies, dass die Finger von Hoffenheims Torhüter Oliver Baumann zu spät gekommen waren.

„Es hat sich bezahlt gemacht, dass Marvin am Donnerstag Freistöße geübt hat“, sagte Pal Dardai. „Das war gut geschlagen und kann man nicht Eigentor nennen.“ In der Statistik sieht das anders aus.

Die weist nur einen Torschuss für Hertha aus von Salomon Kalou, der in der 18. Minute auf dem nassen Untergrund ausgerutscht war und den Ball weit neben das Tor befördert hatte. Damit ist Hertha BSC seit Datenerfassung die erste Mannschaft, der es gelingt, mit nur einem Torschuss ein Spiel zu gewinnen.

Stevens: „Die erste Hälfte haben wir verschlafen“

Auch das ist vielleicht ein Zeichen dafür, dass es momentan einfach läuft bei den Berlinern. Nach dem Sieg stehen sie mit 23 Punkten auf dem vierten Tabellenplatz. In der vergangenen Saison lief es genau umgekehrt bei der Begegnung der beiden Teams im Olympiastadion.

Da verursachte John Anthony Brooks das 1:0 für Hoffenheim mit einem Eigentor, am Ende siegten die Gäste 5:0. Im Dezember 2014 bangte Hertha um den Klassenerhalt, jetzt steht Hoffenheim am Tabellenende und fand am Sonntag keine Lösungen.

„Die erste Hälfte haben wir verschlafen“, sagte Hoffenheims Trainer Huub Stevens. In der zweiten Hälfte zog Hertha sich immer weiter zurück. „Wir wollten uns nicht auskontern lassen, waren dann aber auch nicht mehr mutig bei Ballbesitz und Spielverlagerung“, sagte Dardai.

Die Gäste aber konnten ihre Chancen nicht nutzen. Allein sechs Mal hatten sie in der letzten Viertelstunde die Möglichkeit auszugleichen, vergaben die Chancen aber schon fast fahrlässig. „Heute hatten wir ein Quäntchen Glück“, gab Dardai zu. „Das haben wir uns aber in letzter Zeit auch erarbeitet.“

Ein kleiner Schritt zurück in die Normalität

Auch Hertha-Kapitän Fabian Lustenberger war zufrieden mit dem Ergebnis: „Platz vier ist schön anzusehen, da kann man entspannt durch die Stadt laufen. Ich habe hier auch schon andere Zeiten erlebt.“

Während er das sagte, schien ihm die Doppeldeutigkeit seiner Worte vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse bewusst zu werden, und er fügte an: „Das war heute ein kleiner Schritt zurück in die Normalität. Ich hoffe, dass es jetzt so weiter geht, wir uns wieder auf Fußball konzentrieren können und uns keine Sorgen mehr im Stadion machen müssen.“

Die Zuschauer, die die Einlasskontrollen geduldig über sich haben ergehen lassen, werden dies sicherlich genauso sehen.

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