Die Gegensätze liegen auf der Hand. Huub Stevens feiert Ende dieses Monats seinen 62. Geburtstag. Er ist damit der aktuell älteste Trainer der Bundesliga. Pal Dardai ist mit 39 Lenzen der Jüngste im Bunde und arbeitet bei seinem ersten Verein, bei Hertha BSC. Stevens reist diesmal mit der TSG Hoffenheim an, Anstoß im Olympiastadion ist um 15.30 Uhr, es ist der siebte Job des Niederländers in der Liga beim mittlerweile sechsten Verein.
„Für mich ist es ein besonderes, aber auch komisches Gefühl“, sagt Dardai. Die Rollen haben sich geändert – der aktuelle Hertha-Trainer begegnet seinem ehemaligen Vorgesetzten. Von Juli 2002 bis Dezember 2003 war Stevens beim Hauptstadt-Klub Chef von Dardai. In der glücklosen Ära Stevens – Hertha kassierte damals mehr Niederlagen (19) als Siege (18, bei elf Remis) gelangen – war Dardai eine feste Größe. Von 48 Spielen unter Stevens absolvierte Dardai 38, alle in der Startformation.
Achtung für den „ehrlichen Arbeiter“
Die gegenseitige Achtung ist geblieben. „Ich war Führungsspieler unter ihm. Wir sind sehr gut miteinander ausgekommen“, sagt Dardai, „Huub macht eine ehrliche Arbeit, das versuche ich auch.“
Heute begegnen sie sich auf Augenhöhe. Und sind über ihre persönliche Vergangenheit hinaus längst mit den aktuellen Aufgaben ihrer Klubs verbunden. Stevens ist nach zwei erfolgreichen Engagements beim VfB Stuttgart – 2014 und 2015 wurde jeweils die Liga gehalten – ein drittes Mal als Feuerwehrmann eingesprungen. Am 26. Oktober übernahm Stevens Hoffenheim, damals auf Rang 17 liegend, den Job vom beurlaubten Markus Gisdol.
Der Nachfolger für Stevens steht schon bereit
Wie in Stuttgart ist auch bei der TSG 1899 sein Ende absehbar. Dort soll ab Juli 2016 Julian Nagelsmann neuer Trainer werden. Doch die Verantwortung für Stevens ist immens.
Hoffenheim hat zweimal 0:0 gespielt unter dem neuen Trainer (gegen Köln und Frankfurt), ist seit gestern Letzter. Eine gefährliche Konstellation, warnt Hertha-Trainer Dardai: „Ich höre hier in der Stadt nur: Hoffenheim, die haut’ ihr weg. Aber das ist eine gute, spielintelligente Mannschaft mit viel Qualität. Das wird nicht einfach.“
Vergangene Saison gab es ein 0:5
Bei Hertha haben sie durchaus Veränderungen registriert bei der TSG. „Huub Stevens hat wieder die nötige Kompaktheit reingebracht – sie sind vom typischen Hoffenheim-Pressing ein wenig weg“, sagt Innenverteidiger Sebastian Langkamp. „Viele Chancen werden wir nicht bekommen. Wir müssen die Lücken nutzen, die wir bekommen.“
Ohnehin sollte Hertha gewarnt sein. In der vergangenen Saison erwischten die Berliner zwei schwarze Tage gegen die TSG und unterlagen vor heimischer Kulisse 0:5 sowie im letzten Spiel der Saison 1:2.
Petry hat die TSG als „steril“ erlebt
Stevens weiß, dass in Hoffenheim mehr auf dem Spiel steht als ein paar Siege oder Niederlagen. Mäzen Dietmar Hopp hat nach eigenen Angaben mehr als 240 Millionen Euro in den Klub gepumpt. Die Infrastruktur samt Nachwuchsleistungszentrum gehören zum Besten, was im Lande in Sachen Profifußball zu finden ist. Dennoch leidet die TSG an der fehlenden Akzeptanz in der Branche.
Einer, der seit diesem Sommer sein Geld als Torwarttrainer bei Hertha verdient, beschreibt, wie es sich anfühlt, für die TSG zu arbeiten. „In Hoffenheim sind die Voraussetzungen Weltklasse, sie haben europaweit eines der schönsten Gelände. Sie haben alles, was du für professionelle Arbeit brauchst“, erzählt Zsolt Petry, der von 2009 bis 2015 in Sinsheim angestellt war. Petry weiter: „Aber die Stimmung dort ist etwas steril. Hier ist es lockerer, offener. In Hoffenheim ist alles etwas verkapselt. Es ist anders. Sie haben keine gewachsene Vereinskultur.“
Hoffenheim macht mehr als acht Millionen Euro Minus
So groß das Investment ist, so zwingend ist es für Hoffenheim, dass Stevens mit der Mannschaft die Bundesliga halten muss. Schlechte Nachrichten versucht die TSG hinter PR-Deutsch zu verstecken. Der Verein teilte mit, dass die TSG 1899 Hoffenheim Fußball-Spielbetriebs GmbH bei einem Umsatz von 71,5 Millionen Euro erneut einen hohen Verlust eingefahren hat, diesmal von mehr als acht Millionen Euro (nach einem Minus von 11,5 Millionen im Vorjahr). Die Überschrift des Texts auf der Klub-Homepage: „Die TSG investiert in die Zukunft.“
Die Berliner treiben an diesem 13. Bundesliga-Spieltag ganz andere Ziele um. Mit einem Sieg will der Musterschüler von einst gegen seinen ehemaligen Lehrer Huub Stevens den Aufschwung von Hertha bestätigen. Dardai: „Wir haben uns nach dem Studium der Hoffenheim-Videos einiges vorgenommen. Was das ist, und ob es aufgegangen ist, verrate ich aber erst nach dem Spiel.“




