Bundesliga

Hertha vor Hoffenheim: "Man muss ja weitermachen"

Terrorangst ausblenden, Länderspiel-Frust abhaken: Wie sich Herthas Profis vor dem Heimspiel gegen Hoffenheim um Normalität bemühen

Alexander Baumjohann schnappt sich nach seinem Elfmeter zum 1:3 gegen Mönchengladbach den Ball. Genauso zielstrebig wünscht sich Dardai seine Spieler in diesen Zeiten

Alexander Baumjohann schnappt sich nach seinem Elfmeter zum 1:3 gegen Mönchengladbach den Ball. Genauso zielstrebig wünscht sich Dardai seine Spieler in diesen Zeiten

Foto: imago/Contrast

Berlin.  Sie können immer noch lachen. Ein bisschen ulkig sah es ja auch aus, was die Profis von Hertha BSC da am Donnerstagvormittag auf dem Schenckendorffplatz vollführten. Fitnesstrainer Henrik Kuchno hatte ein paar Rundhölzer mitgebracht, an denen sich die Spieler gegenseitig über den Rasen ziehen durften. Kinderspiel-Atmosphäre. Warum auch nicht? In Zeiten, in denen Fußballspiele vielleicht noch mehr von Terroranschlägen bedroht sind als andere Massenveranstaltungen, ist die Lage schließlich ernst genug.

„Man muss ja weitermachen“, sagt Youngster Yanni Regäsel, 19, der am Sonntag (15.30 Uhr) gegen die TSG Hoffenheim wieder in der Startelf stehen wird. Daraus, dass es „schwerer fällt als sonst, sich auf Fußball zu konzentrieren“, macht der Rechtsverteidiger allerdings auch kein Geheimnis.

Trainer Dardai richtet den Fokus wieder voll auf den Fußball

Bei Hertha sind sie genauso auf der Suche wie an allen anderen Bundesligastandorten auch – auf der Suche nach dem, was vor den grausamen Anschlägen von Paris und dem abgesagten Länderspiel von Hannover als „Normalität“ bezeichnet wurde. Trainer Pal Dardai geht zielstrebig voran. „Wir trainieren hart und bereiten uns auf das Spiel vor“, sagt der Ungar. Geht’s raus und spielt’s Fußball – eine Vorgabe, mit der Franz Beckenbauer sein Team 1990 sogar zum WM-Titel führte. In Dardais Fall würde als Nahziel schon ein freier Kopf reichen.

Über die Situation sprechen wollen die wenigsten. Kapitän Fabian Lustenberger ging nach dem Training lieber schnellen Schrittes Richtung Kabine, Jens Hegeler fand seine Meinung ebenso zweitrangig wie Sebastian Langkamp („Darüber sprechen schon genug andere Menschen“). Auch intern wird dem Vernehmen nach kaum über die angespannte Sicherheitslage geredet. Präsent ist sie trotzdem. „Wer sagt, dass ihn das Thema nicht beschäftigt, der lügt“, meint Mittelfeldakteur Alexander Baumjohann.

Dafür, dass sich seine Spieler zumindest für eineinhalb Stunden ausschließlich mit Fußball beschäftigten, sorgte Dardai am Donnerstag höchstselbst. Bei Passübungen in einer Elfergruppe stand der Trainer ganz nah dabei, klatschte motivierend in die Hände, ging in die Knie, korrigierte, fiebert mit. „Hey! Umschalten! Gut, Tolga! Komm, Per!“ Voller Einsatz.

Skjelbred und Jarstein müssen EM-Enttäuschung verkraften

Es ist ja nicht so, als hätte Dardai keine anderen Sorgen als die Sicherheit im Olympiastadion. Am Donnerstag hatte der Trainer noch immer nicht sein komplettes Team beisammen. Genki Haraguchi, der am Dienstag noch mit der japanischen Nationalmannschaft in Kambodscha spielte, durfte sich noch schonen. Immerhin: Der Flügelspieler feierte in der WM-Qualifikation zwei Siege und hat seine Chancen auf eine Turnierteilnahme in Russland somit erhöht.

Ansonsten brachten Herthas Nationalspieler aber fast ausschließlich lange Gesichter mit nach Berlin. Verteidiger John Brooks durfte die U23 der USA zwar zweimal als Kapitän aufs Feld führen, musste in zwei Spielen gegen Brasilien aber sieben Gegentore hinnehmen. Vladimir Darida kam bei Tschechiens jüngstem 1:3 gegen Polen nur zu einem Kurzeinsatz.

Valentin Stocker bekam beim 2:3 der Schweiz gegen die Slowakei eine Startelfchance, konnte diese aber nicht nutzen. Beim anschließenden 2:1 gegen Österreich blieb, so wie für Lustenberger, nur die Joker-Rolle. Zudem zog sich Mitchell Weiser bei der U21 einen Bänderanriss zu. Er fällt vorerst aus.

Wenigstens Salomon Kalou hat einen freien Kopf

Noch weitaus größere Enttäuschungen hatten allerdings Vedad Ibisevic, Per Skjelbred und Torwart Rune Jarstein zu verkraften. Sie alle verpassten im Play-off die Teilnahme an der Europameisterschaft, dem zweitgrößten Turnier, das ein Fußballer des alten Kontinents erreichen kann. Bosnien scheiterte an Irland, Norwegens EM-Träume zerbrachen an Ungarn – dem Team, das bis Juli noch von Dardai trainiert wurde.

„Ich habe mit Rune und Per viel über die Spiele und die Situation gesprochen“, sagt Dardai, „wir müssen sie jetzt aufbauen.“ Bei Ibisevic ist das weniger dringlich. Er ist noch gesperrt. Bei Skjelbred scheint die Enttäuschung noch nicht ganz verflogen. Es dauere ein wenig, bis man das Scheitern verarbeitet hat, sagt der Mittelfeldspieler.

Unbelasteter geht Stürmer Salomon Kalou ins Spiel. Wenigstens in einer Hinsicht wird dessen Kopf definitiv frei sein. Den turbanartigen Verband, den der Ivorer zuletzt tragen musste, braucht er nicht mehr. Seine Kopfverletzung ist verheilt. „Fußballspielen“, sagt Kalou, „ist nun mal unser Job.“ Auch er weiß: Die Partie gegen Hoffenheim wird vieles. Nur kein Kinderspiel.