Es ist eine dürre Zahlenfolge. KW 47, 13, 116. Dahinter verbirgt sich die Ansetzung von Hertha BSC gegen die TSG Hoffenheim am Sonntagnachmittag im Olympiastadion. Es ist in der Kalenderwoche 47 am 13. Bundesliga-Spieltag die Begegnung mit der laufenden Nummer 116.
Doch selten ist die Gefühlslage vor einem Fußball-Wochenende unter den Anhängern so aufgeladen gewesen wie in diesen Tagen. Nach den Terroranschlägen von Paris, nach der kurzfristigen Absage des Länderspiels in Hannover wird auch im Blog „Immer Hertha“ intensiv diskutiert.
Ein Nutzer schrieb: „Der Junior hat Angst, Sonntag ins Olympiastadion zu gehen.“ Der Vater wisse auch nicht genau. Aber falls er mit dem Sohn ins Stadion gehe, „fahren wir nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln“.
Die Antwort im Blog ließ nur Minuten auf sich warten. Ein anderer User schrieb: „Der ,Schissigkeit’, die hier bisweilen auftritt, muss man deutlich entgegentreten. Natürlich fahre ich ins Stadion. Natürlich nehme ich öffentliche Verkehrsmittel. Die Terroristen haben schon gewonnen, wenn wir vor Angst unser Leben verändern. Jetzt heißt es mutig zu sein, zusammenzustehen und denen den Stinkefinger zu zeigen, die unsere Werte mit Füßen treten.“
Andere formulierten Ratlosigkeit. Ein Nutzer schrieb: „Ich werde aus Respekt vor den Toten und deren Familien in nächster Zeit hier nicht mehr über Fußball posten.“ Ein Nutzer formulierte: „Ich bin sehr erschüttert wegen dem ganzen Mist. Wie soll es weitergehen mit Großveranstaltungen?“
Mein Freund Michael, Pastor im Weserbergland, hat mit seiner Gemeinde über das Thema gesprochen. Wie es zu erklären sei, dass die Anschläge von Paris so große Betroffenheit in Deutschland auslösen. Die mehr als 40 Toten vom Bombenanschlag in Beirut am Tag zuvor aber nur als Kurzmeldung zur Kenntnis genommen werden. Es ging nicht um das gegenseitige Aufrechnen von Toten. Sondern darum, etwas fast Unmögliches zu wagen: Über die Trauer hinweg ein wenig Verständnis zu entwickeln.
Wohin nun mit dem Unbehagen, der Angst, der Ratlosigkeit, wenn wieder Fußball gespielt wird? Fabian Lustenberger, Kapitän von Hertha BSC, sagte am Donnerstag mit Blick auf die Hoffenheim-Partie, er sei gesund, ihm gehe es gut. „Mehr gibt es nicht zu sagen.“ Lustenberger übt seinen Job als Fußball-Profi per Definition jedes Mal vor Zehntausenden Zuschauern aus. Wen wundert es, dass er sich, zumindest nach außen hin, einen Schutzpanzer anlegt?
Die Anschläge in Paris haben Unbeteiligte dort getroffen, wo sie auch jeden von uns hätten treffen können: In einer Kneipe, bei einem Glas Bier mit Kumpels, in einem Konzert, im unmittelbaren Umfeld eines Fußballspiels. Solche Momente des Terrors lassen niemanden unberührt.
Ob Schutzpanzer, Jetzt-erst-recht-Stimmung oder daheim bleiben – welcher Weg ist der richtige?
Ich weiß es nicht. Trauer gehört wie Liebe zu den Umständen im Leben, die sehr persönlich sind. Antoine Griezmann und Lassana Diarra haben am Dienstag für die französische Nationalmannschaft gegen England gespielt. Griezmanns Schwester hatte vier Tage zuvor das Attentat in der Konzerthalle Bataclan nur knapp überlebt. Diarra hat dort eine Cousine verloren.
Es erfordert Mut, in solchen Momenten öffentlich aufzutreten. Andere ziehen sich zurück und verbringen den Tag im Kreis der Liebsten oder allein. Manche lenken sich ab. Trauer wird sehr verschieden gelebt. Und wenn die vergangenen Tage etwas gezeigt haben: Bei Trauer gibt es keine Tabelle und kein Torverhältnis von falsch oder richtig.
Ich werde am Sonntag im Olympiastadion sein. Ein Fußball-Reporter ist dort, wo Fußball gespielt wird. Ein Kollege hat gesagt: Sport hat die Kraft zu heilen. Allen voran der Fußball, der für Menschen aller Nationalitäten und Konfessionen offen ist. Ich möchte an diesen Satz glauben.

