Bundesliga

Hertha - Vom Wackelkandidaten zur Überraschungsmannschaft

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Uwe Bremer
So sehen Sieger aus: Hertha-Trainer Pal Dardai und Torjäger Vedad Ibisevic

So sehen Sieger aus: Hertha-Trainer Pal Dardai und Torjäger Vedad Ibisevic

Foto: imago sportfotodienst / imago/Camera 4

Die Liga staunt über den Aufschwung beim Hauptstadt-Klub. Die Morgenpost nennt fünf Gründe für Herthas Sprung auf Platz vier.

Berlin. Fußball-Deutschland horcht auf. Nach acht Bundesliga-Runden rangiert Hertha BSC auf einem Europapokal-Platz. „Überraschung der Liga“ titelt das Internetportal „Spiegel online“ und gesteht, die Berliner nach der schwachen vergangenen Saison auf „Platz 14 oder noch weiter unten“ erwartet zu haben. Stattdessen gibt es einen „Siegeszug der Handwerker“ von Pal Dardai zu bestaunen. Der Siegeszug – das 3:0 gegen den HSV war der dritte Heimsieg in Folge – hat verschiedene Ursachen. Fünf Gründe für Herthas Platz vier.

Gefährliche Rentnerband

Für die Tore gegen den HSV vor 65.427 Zuschauern im Olympiastadion sorgten Salomon Kalou (17. Minute) sowie Vedad Ibisevic (76./78.). „Unsere Jungs da vorn sind alte Männer“, grinste Per Skjelbred. Kalou ist 30 Jahre, Ibisevic 31. Ein Alter, in dem sich Offensivspieler im immer schneller werdenden Profifußball auf die Rente einstellen müssen. Nicht so bei Hertha. „Alle Tore waren herausgespielt“, lobte Trainer Pal Dardai. „Wie beim Schach. Pitsch, patsch und matt.“ Er meint die ansehnlichen Vorarbeiten von Mitchell Weiser, Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann.

Der Jahrgang 2015 ist kein Vergleich zum Vorjahr, als eine notorisch offensivschwache Hertha bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt zittere. Dardai: „Da haben wir nur Zufallstore geschossen und auf den lieben Gott gehofft“. Die Routiniers präsentieren sich treffsicher: Kalou erzielte gegen den HSV sein drittes, Ibisevic sein drittes und viertes Saisontor.

Endspurt-Qualitäten

Ein Problem der Vorsaison war, dass Hertha den Anschluss an die Entwicklung hin zum Hochgeschwindigkeitsfußball ein wenig verpasst hatte. Ab der 70. Minute vermochten die Berliner kaum noch zuzulegen. Darauf hatte das Trainerteam reagiert. Konditionstrainer Hendrik Kuchno, aus Schalke zurückgeholt, sorgte für intensive Arbeit in den ersten Trainingswochen. Die zahlt sich aus.

Allein in den neun Saison-Pflichtspielen (das 2:0 in der ersten DFB-Pokalrunde in Bielefeld mitgerechnet) traf Hertha in fünf Begegnungen jeweils nach der ominösen 70. Minute, so auch mit dem Ibisevic-Doppelpack gegen den HSV. „Man sieht jetzt, dass wir in der Vorbereitung hart gearbeitet haben“, sagt Kapitän Fabian Lustenberger. Und das Wissen um die eigene Fitness bringt Selbstvertrauen.

Teamspirit

Am Tag der Deutschen Einheit präsentierte sich Hertha als eine verschworene Einheit. Besonders gelobt wurde Jens Hegeler. Der durfte zum ersten Mal seit sechs Wochen ran, weil sich die unheimliche Verletzungsserie erneut fortsetzte. Noch in der ersten Hälfte erweiterte Niklas Stark mit einer Leistenverletzung die Reihe der maladen Innenverteidiger, auf der zuvor schon Sebastian Langkamp und John Brooks standen. Nun musste der Mittelfeldspieler Hegeler einspringen.

„Unsere letzte Patrone“, so Trainer Dardai. „Jens hat das sehr gut gemacht“, sagte Hertha-Manager Michael Preetz, „er war sofort im Spiel, hat wichtige Zweikämpfe gewonnen und mit seiner Abgeklärtheit der Mannschaft geholfen.“ Mittelfeldspieler Per Skjelbred lobte: „Es ist toll, wie sich alle reinhauen, auch die Jungs, die von der Bank rein kommen.“

Der Trainer macht sich

Als Feuerwehrmann hatte Pal Dardai in den letzten vier Monaten der Vorsaison überzeugt. Aber es war ein Experiment, den vormaligen U15-Coach zum Cheftrainer zu machen. Dardai behielt die Ruhe, als von den vier Neuen gleich zwei (Stark und Ibisevic) erst in der letzten Transferwoche kamen. Er behielt auch die Ruhe, als das Verletztenpech zuschlug und wichtige Säulen wie Sami Allagui, Sebastian Langkamp, Peter Pekarik oder Thomas Kraft zu den ohnehin Dauerpatienten wie Julian Schieber und Änis Ben-Hatira kamen. Dardai gibt Vertrauen in sein Team – und fordert es gleichzeitig heraus. „Wir haben uns spielerisch verbessert, weil wir das wieder und wieder im Training geübt haben“, sagt Lustenberger.

Zudem gelingt es Dardai bisher, alle in der Gruppe mitzunehmen. Er weiß etwa, dass, ginge es nach Alexander Baumjohann, der am liebsten seit Saisonbeginn regelmäßig in der Startelf stehen würde. Nach dem doppelten Kreuzbandriss des Offensivspielers ist der Trainer jedoch extrem vorsichtig. Gegen den HSV kam Baumjohann zum sechsten Kurzeinsatz – ein klassischer Joker also. Dardai diktiert den Medien am Tag nach dem vierten Saisonsieg jedoch in die Mikrofone: „Baumi ist wichtig für die Mannschaft. Er ist kein Joker, sondern ein Stammspieler.“ Dardai beherrscht verschiedene Tonarten, Baumjohann braucht derzeit solche Streicheleinheiten. Insgesamt indessen nimmt Dardai sein Team in die Pflicht. „Wir können stolz sein auf das, was wir bisher erreicht haben. Aber wir dürfen jetzt nicht nachlassen, sondern müssen weiter arbeiten. Als Sportler darfst du nie zufrieden sein.“

Arbeiten statt Träumen

Die Botschaft ist beim Team angekommen. Die Nachfragen, ob sie nun mit Blick auf die Tabelle von Europa träume würden, wiesen die Profis zurück. „Ich bin lange genug dabei, um zu wissen, wie schnell sich in der Bundesliga alles drehen kann“, sagte Ibisevic.

Aktuell ist Länderspielpause. Stark sagte seine Reise zur deutschen U21 ab. Salomon Kalou reist trotz einer Dehnung am Sprunggelenk in die Elfenbeinküste. Für Herthas nächste Liga-Partie, am 17. Oktober beim FC Schalke, werden von den Verletzten John Brooks und Roy Beerens zurückerwartet.