Bundesliga

Plötzlich hat Hertha-Trainer Dardai mehr Auswahl

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Jörn Meyn
Gegen Frankfurt und Marc Stendera (r.) stand Tolga Cigerci (l.) zum zweiten Mal in dieser Saison in Herthas Startelf und überzeugte

Gegen Frankfurt und Marc Stendera (r.) stand Tolga Cigerci (l.) zum zweiten Mal in dieser Saison in Herthas Startelf und überzeugte

Foto: Simon Hofmann / Bongarts/Getty Images

Dank der Rückkehr der lange verletzten Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann ist Hertha variabler geworden.

Über das Angeln hat Ernest Hemingway folgende Theorie aufgestellt: „Das interessanteste Geschöpf der Zoologie ist der Fisch. Er wächst noch, wenn er längst verspeist ist. Wenigstens in den Augen des Anglers.“ Über die Größe ihrer Beute flunkern Angler nämlich gern, fand der Literaturnobelpreisträger. Es soll immer nach mehr aussehen, als es eigentlich ist.

Der Hecht, den Alexander Baumjohann an seinem freien Tag am Dienstag geangelt hat, sah eher klein aus. Aber über die Größe wollte Herthas Mittelfeldspieler nicht lügen. Er zeigte seiner Gefolgschaft auf Facebook ein Foto vom Fisch.

Wenn man so will, hat es bei Hertha lange das Größer-machen-als-es-eigentlich-ist in umgekehrter Weise gegeben: Die fußballerische Qualität im Profikader der Berliner war eigentlich stets umfangreicher, als man auf dem Rasen zu sehen bekam. Das lag daran, dass diejenigen, die sie trugen, eine Ewigkeit verletzt fehlten: Baumjohann und Tolga Cigerci.

Trainer Dardai: „Tolga macht einen sehr guten Eindruck.“

Nachdem beide Spielgestalter nahezu die komplette vergangene Saison fehlten – Baumjohann wegen des zweiten Kreuzbandrisses, Cigerci wegen einer seltsam langwierigen Zehenverletzung – sind sie nun zurück. Baumjohann wurde in den ersten sieben Saisonspielen fünf Mal eingewechselt und bereitete gegen Köln und Frankfurt jeweils einen Treffer vor.

Cigerci stand gegen Frankfurt zum zweiten Mal in der Anfangself und zeigte eine starke Leistung. Über den Deutsch-Türken sagt Herthas Trainer Pal Dardai: „Tolga macht einen sehr guten Eindruck. Alles läuft bei ihm wie geplant.“

Herthas Problem der vergangenen Saison war die fehlende Spielkultur. Das hat sich nun geändert, weil Dardai und sein Trainerteam einen neuen, ballorientierten Stil entworfen und mit Vladimir Darida den passenden Zentrumsspieler dazubekommen haben. Mit den beiden Rekonvaleszenten Baumjohann und Cigerci aber hat Dardai plötzlich sogar eine Auswahl an Kreativspielern, die es in dieser Form lange nicht mehr bei Hertha gegeben hat.

Endlich Kreativspieler zur Auswahl

„Tolga ist ein Ballbesitzspieler, der gut zu uns passt“, sagt Dardai. Nur die Torgefahr, die der 23-Jährige eigentlich ausstrahle, habe zuletzt ein wenig gefehlt. „Aber das ist der nächste Schritt bei ihm.“ Dardai hat in der vergangenen Rückrunde erlebt, wie es ist, wenn man nur Destruktionsfußball spielen lassen kann, weil einem die Kreativspieler fehlen. Nun kann er mit seinem Team das Spiel selbst gestalten.

Aber Dardai hat noch einen angenehmen Nebeneffekt ausgemacht: „Wir sind jetzt variabler“, sagt der 39-Jährige. Mit Cigerci könne er ein 4-3-3-System spielen lassen mit drei variablen zentralen Mittelfeldspielern, welche die Positionen oft tauschen. „Mit Baumi haben wir einen klassischen Zehner, der den Unterschied im Eins-gegen-Eins ausmacht. So können wir ein 4-2-3-1 spielen“, sagt Dardai.

Cigerci als Flügelspieler

Während Dardai auf anderen Positionen Verletzungssorgen hat, gibt es im zentralen Mittelfeld jetzt sogar so etwas wie ein Luxusproblem. Bei Baumjohann sei es eigentlich bald soweit, dass er auch wieder von Beginn an spielen könne, sagt Dardai. „Seine Fitness ist gut.“

Aber Dardai hat ja auch nur drei Positionen im Mittelfeldzentrum zu vergeben. Bei Heimspielen zuletzt sogar nur zwei: Gegen Köln ließ Dardai in einem 4-4-2 beginnen, und das ist auch für die Partie gegen den HSV am Sonnabend im Olympiastadion denkbar (15.30 Uhr).

Baumjohann wird dann wohl wieder als Geheimwaffe in der Schlussphase eingewechselt, wenn die Gegner müde sind. Und Cigerci? „Wenn wir 4-4-2 spielen, heißt das nicht, dass Tolga nicht spielt. Er kann auch von außen kommen“, sagt Dardai. Eines seiner besten Spiele für Hertha hat Cigerci rechts im Mittelfeld gemacht. Vor zwei Jahren beim 2:3 gegen den FC Bayern. Das sah damals erst wie eine kleine Lösung aus. Es hat sich dann aber als größere herausgestellt.