Ein glücklicher Mann ist der, der Notwendiges mit Angenehmem verbinden kann. Zu den Interviews nach dem Sieg gegen Köln (2:0) kam Rune Jarstein mit seiner kleinen Tochter an der Hand. Wie ihr Papa trug auch sie ein gelbes Torwarttrikot mit der Nummer 22 und dem Namen Jarstein auf dem Rücken.

Wahrscheinlich gibt es außer den beiden in ganz Berlin nicht wesentlich mehr Personen, die jemals so ein Shirt getragen haben, weil der Ersatzkeeper Rune Jarstein nun einmal nicht zu den herrausstechenden Profis bei Hertha BSC zählte. Bis Dienstag.

Da durfte der Norweger den Berliner Stammtorwart Thomas Kraft vertreten, der sich gegen Wolfsburg die Schulter geprellt hatte. Weil Jarstein das gegen Köln so vorzüglich tat und mit zwei herausragenden Reflexen beim Stande von 0:0 in der ersten Halbzeit den Grundstein für den Berliner Sieg legte, interessierten sich plötzlich alle für ihn. „Es war mein erstes Heimspiel“, sagte der 30-Jährige also. „Ich war schon ein bisschen nervös, aber auch sehr fokussiert.“

Im Sommer stand Jarstein vor dem Abgang

Jarstein ist nicht erst seit Kurzem in Berlin. Schon vor fast zwei Jahren kam er als norwegischer Nationaltorwart, um Kraft Konkurrenz zu machen. Aber das gelang ihm nie. Bis zum Spiel gegen Köln bestritt er nur drei Partien, und alle verlor Hertha. Ohne Stammplatz hält man sich auch in Norwegen nicht als Nummer eins im Nationalteam.

Das Abenteuer Ausland, das er erst spät in seiner Laufbahn gewagt hatte, entwickelte sich zu einem Karriereknick. Und hätte es im Sommer nicht einen Wechsel bei Hertha auf der Position des Torwarttrainers hin zu Zsolt Petry gegeben, wäre eine Rückkehr nach Skandinavien für Jarstein nicht ausgeschlossen gewesen. Petry aber sprach sich für ihn aus, weil er von ihm überzeugt war. Petry war es auch, der am Dienstag entschied, dass Jarstein und nicht der junge Marius Gersbeck Kraft vertreten solle.

So konnte Jarstein erstmals erfahren, wie es sich anfühlt, mit Hertha zu gewinnen. Für Trainer Pal Dardai waren seine beiden Paraden „spielentscheidende Szenen“. Deshalb lobte der Ungar seinen Torwart: „Rune hat ein überragendes Spiel gemacht.“

Kraft dürfte auch in Frankfurt fehlen

Wenn aber ein Ersatzmann sehr gut hält, liegt die Frage nahe, warum er überhaupt Ersatzmann ist. Torwartdiskussionen haben in Berlin ja schöne Tradition. Auch Dardai musste beantworten, ob Jarstein sich mit diesem Auftritt in Krafts Abwesenheit nicht als neue Nummer eins empfohlen habe. Der 39-Jährige sagte etwas kryptisch: „In dieser Phase ist Rune unser Torwart. Was danach sein wird, werden wir mal sehen.“

Das ließ natürlich Raum für allerhand Spekulationen. Aber auch Dardai war hier ein glücklicher Mann, weil er Notwendiges mit Angenehmem verbinden konnte. Denn es ist noch nicht klar, wann Kraft wieder wird spielen können. Gegen Eintracht Frankfurt am Sonntag wird er sehr wahrscheinlich noch ausfallen. Jarstein in guter Form ist also notwendig. Angenehm ist für Dardai in dieser Phase eine latente Torwartdiskussion, weil sie von ihm noch nicht entschieden werden muss, Jarstein aber zu guten Leistungen motivieren dürfte.

Deshalb wird es vom Cheftrainer auch keine finale Festlegung auf eine Nummer eins geben, obwohl Thomas Kraft in diesem Jahr keinen Grund hat, ernsthaft um seinen Platz zu bangen.