Immer Hertha

Einen wie ihn wird es bei Hertha in Zukunft nicht mehr geben

Die Verdrängung des Unperfekten: Ronny soll Hertha BSC verlassen. Worauf Berlin verzichten muss, wenn der Brasilianer geht.

Großes Potenzial, aber im Alltag unperfekt: Ronny wird Berlin wohl verlassen

Großes Potenzial, aber im Alltag unperfekt: Ronny wird Berlin wohl verlassen

Foto: Fotostand / Bansemer / picture alliance / Fotostand

Weil es nun wieder mal um Ronny geht, da sich die Menschen fragen, ob Hertha BSC den teuren, aber abkömmlichen Brasilianer noch verkaufen können wird, hier eine Anekdote aus seinen besten Tagen in Berlin: Es war die Winterpause der Zweitligasaison 2012/13 und Herthas Weg zeigte Richtung Aufstieg.

Ronny führte da schon die Tabelle der Top-Scorer mit neun Toren und sieben Vorlagen an – am Ende sollten es je doppelt so viele werden. Wenn in der Hauptstadt nach dem Abstieg wieder so etwas wie Freude an den Blau-Weißen aufgekommen war, dann auch dank Ronny.

Im Wintertrainingslager stand der damalige Trainer Jos Luhukay nach einer Übungseinheit vor der Presse und wurde gefragt: Wann ist morgen Training? Ronny schlurfte im Hintergrund vorbei, hört das und wedelte mit den Armen: „Frei! Morgen frei!“

Natürlich gab es nicht frei, aber Ronny fiel ja nie durch Arbeitseifer auf. Darüber wurden unzählige Artikel geschrieben. Und jetzt, da er gehen soll – nach Katar oder Dubai, wo die Transferfenster noch offen sind –, wird jener Mangel an Einstellung als Taschentuch zum Tränentrocknen herumgereicht.

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Rund um den Verein hört man Geschichten, wie Ronny sich einmal zu viel Eis im Trainingslager auf den Teller schaufelte, oder nachts Burger bestellte. Das passiert natürlich, um Fanakzeptanz für den bevorstehenden Abgang zu erzeugen. Denn so schlampig dieser Spieler mit seinem Talent auch umgeht, so sehr gemocht wird er trotzdem in Berlin.

Warum? Da waren die Freistoßtore. Mal wuchtig, mal kunstvoll. Gegen Hannover zum Beispiel vor zwei Jahren. In den Schlussminuten ein Schuss wie ein Faustschlag. 1:1. „Ronny rettet Hertha.“ Oder gegen den Stadtrivalen Union vor zweieinhalb Jahren. Auch in den Schlussminuten. Auch diesmal noch ein Remis. Für die Anhänger war der Mittelfeldspieler die personifizierte Möglichkeit einer Wende.

Alles, was vorher Mist war, konnte er in einem gesegneten Moment doch noch gut werden lassen. Vergessen war dann, dass es diese Augenblicke zu selten gab. Deshalb raunen bei Freistößen noch heute manchmal „Ronny“-Rufe durchs Olympiastadion, obwohl er gar nicht spielt.

Über Fans behaupten Journalisten ja manchmal irgendwelche Dinge. Aber hier können Sie mir glauben. Ich habe nämlich Hertha-Anhänger gefragt. Bei uns im Internet-Blog immerhertha.de schrieb der Nutzer wilson: „Typen wie Ronny genießen auch derart große Popularität, weil sich die normalen Leute mit ihnen identifizieren können.“

Spieler mit "Macken" werden aussortiert

Mit seiner hohen Stirn und der kleinen Plauze ähnelt Ronny ja vielen, die ihm vor dem Fernseher auf dem Sofa lümmelnd zujubeln. Er ist damit dicht dran an unserer Realität, während die aktuellen Helden der Branche wie Cristiano Ronaldo von einem anderen Stern gekommen zu sein scheinen. „Es gibt neben diesem gestylten, medial geschulten Robotern noch immer Spieler, die ihre Macken haben … Spieler, die fehlbar sind wie ihr geneigtes Publikum“, schrieb wilson.

Berliner, das als These meinerseits, scheinen solchen Spielern wie Ronny besonders zugeneigt zu sein, weil in diesen Profis ebenso wie in der Hauptstadt zwar großes Potenzial steckt, sie aber im Alltag unperfekt sind. Erinnert sei an Torsten Mattuschka früher bei Union. Ein Freistoßvirtuose, aber auch ein Pummelchen, das irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein schien. Auch deshalb liebten ihn die Köpenicker Fans.

Aber wie Berlin verändert sich auch der moderne Fußball rasant. Wie in den Kiezen erleben wir aktuell auch in den Mannschaften Gentrifizierungsprozesse. Die Unperfekten werden verdrängt. Einen Künstler wie Ronny, der zwar das Besondere kann, es aber viel zu selten zeigt und ansonsten das Grundlegende für die erhöhten Ansprüche nicht aufbringt, kann sich ein Klub wie Hertha nicht mehr leisten. Ich würde behaupten, dass wir in Berlin nie wieder einen solch begabten wie schludrigen Spieler erleben werden, wenn Ronny geht.

Aus fußballromantischer Sicht kann man das sicher schade finden.