Hertha BSC

Alexander Baumjohann – Jenseits von Wolfsburg

In der Autostadt begann die Leidenzeit von Alexander Baumjohann. Nun kehrt er mit Hertha BSC dorthin zurück – und zu alter Stärke.

Nach zwei Kreuzbandrissen hat sich Alexander Baumjohann wieder dicht an Herthas Startelf herangekämpft

Nach zwei Kreuzbandrissen hat sich Alexander Baumjohann wieder dicht an Herthas Startelf herangekämpft

Foto: O.Behrendt / contrastphoto

Berlin.  Tränen flossen bei Alexander Baumjohann. Wie eine Hinterlist des Schicksals muss es ihm vorgekommen sein – damals als Zwölfjährigem.

Sein ganzes Kinderzimmer zu Hause in Waltrop war voll von Fanartikeln seines Herzensklubs Borussia Dortmund. Aber, als zu dieser Zeit fast täglich ein Klub aus dem Raum Westfalen vorstellig wurde, um das Talent für die Jugendabteilung zu gewinnen, fehlte einer: Borussia Dortmund. Baumjohann entschied sich mit flauem Magen für Schalke 04. Den Erzfeind.

Als Dortmundfan zu Schalke

Und – da bewies die Fügung ein feines Gespür für Timing – einen Tag nach der Zusage klingelte das Telefon: Dortmund wollte ihn nun auch. Es gab Tränen, es wurde gehadert. Baumjohann aber hielt sein Wort und wechselte zu Schalke. „Hätte Dortmund früher angefragt, wäre ich dorthin gegangen“, sagt er heute.

Jene Geschichte liegt lange zurück. Aber sie erzählt dennoch etwas über den Fußballprofi, der Alexander Baumjohann heute ist. Der 28-Jährige weiß nämlich, wie es sich anfühlt, wenn man sich eine Sache besonders wünscht, es aber doch alles ganz anders kommt. Und Baumjohann weiß, wie man dann trotzdem das Beste daraus macht.

Zwei Kreuzbandrisse

Er ist ja auch auf Schalke Profi geworden. Über Mönchengladbach, den FC Bayern, noch einmal Schalke und Kaiserslautern landete er in Berlin. An diesem Sonnabend trifft der Mittelfeldspieler mit Hertha BSC auswärts auf den VfL Wolfsburg (15.30 Uhr). Damit kehrt er erstmals dahin zurück, wo die größte Leidenszeit seiner Karriere begann. Vor zwei Jahren, am 31. August 2013, riss sich der Spielgestalter in Wolfsburg das Kreuzband.

Der Fußball ist derart überhöht, dass das Unnötige dieser Verletzung schockierte. Da an der Seitenauslinie, kurz vor Ende des Spiels, als Baumjohann mit Hertha schon chancenlos 0:2 zurücklag. Acht Monate fiel er aus, kämpfte sich zurück, und riss sich kurz danach wieder das Kreuzband. Noch unnötiger: im Training, beim Schussversuch ohne Gegenspieler. Er hat sich das ganz anders gewünscht.

Trainer Dardai wechselte ihn zuletzt dreimal in Folge ein

Wolfsburg, das ist also kein Sehnsuchtsort für Baumjohann. Hier wurde seine Karriere derart beschädigt, dass es nicht sicher war, ob sie weitergehen könne. Reist das nicht mit, wenn man nun erstmals wieder in die Autostadt muss?

„Eigentlich nicht“, sagt Baumjohann. Das Beste machen aus dem, was ist. „Ich bin jemand, der eher nach vorn als nach hinten schaut“, sagt er, und das liegt jenseits von Wolfsburg. Kurze Denkpause. „Aber, sollte ich dort jetzt ein Tor schießen, wäre das natürlich eine schöne Geschichte.“

Dass Alexander Baumjohann als Torschütze überhaupt schon wieder im Bereich des Möglichen ist, verblüfft bei Hertha viele. „Ich bin überrascht, wie weit er schon ist“, sagt etwa Manager Michael Preetz. In den vergangenen drei der vier bisherigen Bundesligaspielen wurde Baumjohann eingewechselt, nachdem er erst zu Beginn der Saisonvorbereitung im Juni wieder ins Teamtraining einsteigen konnte.

Dardai lobt: „Ein Ausnahmespieler“

Trainer Pal Dardai wählte ihn stets als Ersten, wenn er offensiv wechseln musste. Immer brachte Baumjohann Frische ins Spiel. Deshalb schwärmt Dardai: „Alex ist ein überragender Fußballer, ein Ausnahmespieler.“

Aber der Ungar weiß auch, dass Baumjohanns Verletzungsgeschichte zu Vorsicht rät: „Wir müssen ihn behutsam aufbauen. Er ist noch nicht soweit, dass er in der Startelf steht. Wir hoffen aber, dass das bald kommt.“ Dardai und Baumjohann hatten die Abmachung, dass der Spieler bestimme, wann er wieder einsatzbereit sei. „Das heißt aber nicht, dass ich ihm nun auch sage, wann ich in der Startelf stehe“, sagt Baumjohann und muss lachen, weil das so nach großen Spielern klingt. Nach Günter Netzer, der sich selbst einwechselte.

Aber es ist dennoch so, dass sich Baumjohann eigentlich von allein aufstellen würde. Das liegt nicht an seiner Rolle im Team, sondern an seinen Fähigkeiten. Baumjohann ist der einzige Spieler bei Hertha, der für den kunstvollen Fußball steht. Und etwas mehr Kunst will Dardai in dieser Saison ja sehen. „Alex bringt eine Qualität mit, die wir sonst nicht haben“, sagt Preetz.

Katar oder die Emirate: nur noch zwei Optionen für Ronny

Ähnlich kunstvoll war neben Baumjohann eigentlich nur noch einer bei den Berlinern: Ronny. Aber dem Brasilianer fehlt es an Geschwindigkeit und Einstellung. Ronny wird deshalb noch in den kommenden Tagen verkauft. Zwei Klubs aus Saudi-Arabien hatten Interesse. Aber die Wechselfrist im Königreich verstrich am Mittwoch. Nun liegen bei Preetz noch Anfragen aus zwei Ländern vor: den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar. Die Transferliste schließt dort am Montag, beziehungsweise Mittwoch. Dann wird Ronny nicht mehr in Berlin weilen.