Wie solche Geschäfte abgewickelt werden, erfährt die Öffentlichkeit ja nur ganz selten. Welche Worte wählt man zum Beispiel, wenn man Manager von Hertha BSC ist und einen Spieler verpflichten möchte, den auch andere Bundesligamanager gern hätten? Wie überzeugt man den Umworbenen vom eigenen Klub?
Über Michael Preetz sagt einer, der Spieler in solchen Verhandlungen vertritt und mit dem 48-Jährigen deswegen schon zu tun hatte: „Manchmal überschätzt er Herthas Strahlkraft.“
Stark! Willkommen bei Hertha BSC, Niklas! #hahohe pic.twitter.com/6UdAYzBTp7
— Michael Preetz (@michaelpreetz) 24. August 2015
Im Fall von Niklas Stark allerdings war das Preisen der eigenen Tradition und des Standorts Berlin gar nicht nötig. Die Antwort auf die Frage, warum sich der deutsche U21-Nationalspieler vom Zweitligisten 1. FC Nürnberg für Hertha entschieden hat – und nicht für einen der anderen beiden Interessenten –, lautet: „Bauchgefühl“. So ist zu hören. Aber dazu später mehr.
Drei Millionen Euro Ablöse
Jenes Bauchgefühl hat jedenfalls dafür gesorgt, dass der 20 Jahre alte Defensiv-Allrounder am Montagvormittag den Medizincheck bei den Berlinern absolvierte und danach einen Vierjahresvertrag bis 2019 unterschrieb. Nürnberg kassiert für Stark, der dort seit der E-Jugend spielte und noch einen Vertrag bis 2018 besaß, eine Ablöse in Höhe von drei Millionen Euro.
Schon am Nachmittag trainierte Stark mit seiner neuen Mannschaft, wurde den neuen Kollegen von Trainer Pal Dardai vorgestellt und von diesen mit Applaus begrüßt.
„Ich bin hier, weil ich hier eine super Perspektive für mich sehe. Ich bin geil darauf, wieder erste Liga spielen zu dürfen“, sagte Stark nach seinem ersten Training in Berlin. Preetz ließ sich mit folgenden Worten zitieren: „Mit Niklas Stark wechselt ein junger, sehr veranlagter Spieler zu uns, der viel Perspektive hat.“
Kapitän der U19-Europameister
Niklas Stark ist ein spannender Spieler. Gerade mal 18 Jahre und knapp zwei Wochen alt war der 1,90 Meter große Mittelfranke, als er in der Rückrunde der Saison 2012/13 für Nürnberg in der Bundesliga debütierte. Danach bestritt er noch 23 Erstliga- und 30 Zweitligapartien, die letzte am Sonntag beim 1:2 gegen Bochum, weshalb er am Montag nur ein Auslaufprogramm absolvierte.
Schaut man sich allein die aktuelle Zweitligaspielzeit an, dann sticht eine von Starks Qualitäten hervor: In vier Partien bisher (ein Tor, eine Vorlage) spielte er auf drei verschiedenen Positionen – auf der Sechs im defensiven Mittelfeld, auf der Acht ein bisschen vorgezogen und sogar zweimal als Linksverteidiger.
Stark ist also vielseitig, und vielseitig zu sein ist meistens gut im modernen Fußball. Allein die Region, wo er am stärksten ist, durfte Stark in Nürnberg nie wirklich besetzen: das Abwehrzentrum. Als Innenverteidiger und Kapitän wurde Stark vor einem Jahr U19-Europameister in Ungarn an der Seite des Ex-Herthaners Hany Mukhtar.
Im gleichen Jahr erhielt er die goldene Fritz-Walter-Medaille in der Altersklasse U19, die wichtigste Nachwuchsauszeichnung des DFB, noch vor Max Meyer (Schalke) und Joshua Kimmich (heute FC Bayern).
Lob vom ehemaligen Nationaltrainer
Im vergangenen Mai und Juni spielte Stark als Innenverteidiger auch bei der U20-WM in Neuseeland, erzielte dort in vier Partien drei Tore und „war ein Garant unserer Defensive“, sagt Frank Wormuth der Morgenpost. Wormuth war in Neuseeland Starks Trainer bei der deutschen U20-Auswahl und beschreibt dessen Qualitäten wie folgt: „Niklas ist sehr zweikampf-, kopfballstark und schnell.“
Zudem sei er trotz seiner jungen Jahre eine Persönlichkeit auf dem Rasen. „Er kann eine Mannschaft führen und hat außerhalb des Platzes eine starke Meinung“, so Wormuth. Wormuth glaubt, dass die Schwächen Starks noch in der Vorwärtsbewegung liegen und sieht ihn in Zukunft eher als Innenverteidiger denn als Mittelfeldspieler.
Von Starks Qualität aber ist der 54-Jährige überzeugt: „Für Hertha ist das ein sehr guter Transfer. Sie haben einen hervorragenden Spieler verpflichtet“, so Wormuth. Er traue Stark eine gute Karriere zu, „wenn er Spielpraxis bekommt“.
Madlung kommt nicht
Ob das in Berlin schnell klappt, ist trotz der guten Anlagen Starks unklar. Hertha hat ihn vornehmlich als Option für die Innenverteidigung verpflichtet, wo aktuell Sebastian Langkamp und Kapitän Fabian Lustenberger gesetzt sind.
Dardai hatte bisher mit Langkamp und John Brooks nur zwei gelernte Innenverteidiger im Kader. Stark soll dort eine Alternative sein. Ausweichen könnte er zudem ins defensiven Mittelfeld. „Ich sehe mich in erster Linie als Innenverteidiger und auf der Sechs“, sagte Stark.
Mit Starks Verpflichtung steht allerdings fest, dass der vereinslose Alexander Madlung, der bei Hertha schon den Medizincheck absolviert hat, nicht verpflichtet wird. Der 33-Jährige Ex-Herthaner hatte bis zuletzt auf eine Rückkehr gehofft.
Aber bei Hertha setzt man in dieser Transferperiode offenbar stärker auf Perspektivspieler. Nach Mitchell Weiser, 21, der ablösefrei vom FC Bayern kam, ist Stark bereits das zweite deutsche Talent, das Preetz verpflichten konnte. Dardai sagte über Stark: „Wir haben ihn mit Blick auf die Zukunft verpflichtet. Er ist ein toller Charakter und hat das Zeug, Führungsspieler zu werden.“
In der Offensive wird noch gesucht
Dass Stark sich für Hertha entschieden hat, liegt auch an Pal Dardai. Der Ungar soll in Gesprächen großen Eindruck beim Defensivmann hinterlassen haben, ist zu hören. Ein gutes Bauchgefühl des Spielers konnten Dardai und Preetz offenbar befördern. Das hat dafür gesorgt, dass Stark sich gegen einen Wechsel zum Ligakonkurrenten FC Augsburg entschied, wo er in dieser Saison in der Europa League hätte spielen können – und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ähnlich gewesen wären.
Neben Augsburg hatte noch ein anderer Bundesligist in derselben Kategorie ein konkretes Interesse an einer Verpflichtung. Schalke 04 und Leverkusen, die genannt wurden, dagegen hatten nur unverbindlich angefragt.
Hertha hatte den Kontakt zu Stark schon vor etwa einem Jahr aufgenommen. Und auch das war ein Grund dafür, warum Preetz und die Blau-Weißen nun schon zum zweiten Mal in diesem Sommer gegenüber dem FC Augsburg die Nase vorn haben bei einem Transfer. Denn der FCA hätte auch gern Vladimir Darida verpflichtet, aber der entschied sich für Hertha.
Dort sind die Transferbemühungen in der Defensive mit Starks Verpflichtung abgeschlossen. In der Offensive dagegen soll noch Verstärkung her.





