Kolumne

Hertha-Trainer Pal Dardai steht für Treue

Der 39-Jährige Coach ist ein Typ zum Anfassen, holt die Leute ab und bietet Berührungspunkte. Normal ist das nicht. Seit Menschengedenken hat das in Berlin kein Trainer getan, sagt Jörn Meyn.

Foto: Maja Hitij / dpa

Pal Dardai ist ein Sonderling. Wenn Herthas Trainer nach einer Übungseinheit in der abgelaufenen Saison vom Rasen trat, reichte der Ungar jedem Journalisten zur Begrüßung die Hand. Normal ist das nicht. Seit Menschengedenken hat das in Berlin nämlich kein Trainer getan.

Dardai bietet also Berührungspunkte. Und es scheint, dass darin einer der Gründe dafür steckt, warum der Mann gerade sehr gemocht wird. Es ist nämlich so, dass bei Hertha alles andere gerade nicht gemocht wird. Aber Pal, manche sagen auch „unser Pal“, den finden alle super – die Fans und selbst viele Berliner Journalisten. Neulich hat ihn sogar ein älterer Kollege, der ansonsten im Clinch mit Hertha liegt, mit „mein Freund“ angesprochen. Dardai wird jetzt länger zugegen sein. Der 39-Jährige hat am Donnerstag bei Hertha einen neuen Vertrag unterschrieben.

Deshalb die Frage: Was hat der Mann? Denn sportlich konnte Dardai seit Februar ja auch nicht die Herzen höher schlagen lassen. Seine Punktebilanz gegenüber Vorgänger Jos Luhukay ist kaum besser (1,13 Zähler durchschnittlich pro Spiel zu 0,95). Auch ansehnlicheren Fußball gab es nicht. Niemand kann im Moment seriös sagen, ob Dardai ein guter Trainer für die Zukunft des Vereins ist. Dennoch klatschten sich die Hertha-Fans auf der Mitgliederversammlung neulich die Hände für ihn wund.

Dass Dardai von allen Profis, die jemals für Hertha aufgelaufen sind, die meisten Partien bestritten hat (286), ist ein Aspekt. Süßlicher Stallgeruch. Aber da ist mehr: Dardai ist ein Typ zum Anfassen, und die sind selten geworden im modernen Fußball. Er holt die Menschen ab. Das tut der jüngste Trainer der Liga, in dem er das Alte vertritt: Er steht für die romantische Vorstellung vom Fußball aus prähistorischen Zeiten. Da gab es Trainer-Dinosaurier, die nichts von „Polyvalenz“ erzählten, sondern von Ehre und Leidenschaft.

Dardai trifft den Nerv der Leute

Dardais Rhetorik drehte sich in den vergangenen Monaten meist darum. Wenn er von „Schwitzerei“ und „blau-weißem Blut“ sprach, traf er den Nerv der Leute, die sich in der Gentrifizierung des Fußballs durch Kommerzialisierung immer stärker in ihrem Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit verdrängt fühlen.

Dass Dardai Nostalgie erzeugt, hat auch damit zu tun, dass seine Karriere heute wie aus der Zeit gefallen wirkt: Seit er 1997 im Alter von 20 Jahren nach Berlin kam, hat er Hertha nie verlassen. Nicht einmal, als ihn die Bayern haben wollten, und auch nicht nach Ende seiner aktiven Laufbahn. Er steht für Treue, und auch sie ist ein Relikt im heutigen Fußball.

Vom Alter her gehört Dardai zum Stamme der jungen Erneuerer des Fußballs, zu den Tuchels, Weinzierls, Schmidts und Gisdols. Sie wollen Gegenpressing und taktische Innovationen. Bisher trug Dardai aber eher die Federn der alten Häuptlinge und betonte die Grundtugenden des Spiels. Er ist der „Volle-Pulle-Typ“. Den haben sie bis Sonnabend auch bei Borussia Dortmund. Aber Jürgen Klopp lässt sich darauf freilich nicht reduzieren, weil er sein Team zudem taktisch auf ein neues Level gehoben hat.

Ob auch Dardai das bei seiner Elf kann, weiß man nicht. Und es scheint, als ob genau diese Leerstelle des Wissens über den Trainer Pal Dardai zu seiner Beliebtheit beiträgt. Denn solange man über die Fähigkeiten des Fußballlehrers Dardai wenig sagen kann, wird er dafür verehrt, dass er das Gefühl des schönen Gestern ins Heute überträgt.

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