Bundesliga-Abstiegskampf

Hertha-Trainer Dardai hat nun die Lizenz zum Retten

Pal Dardai hat die Uefa-Pro-Lizenz erhalten. Seinen Profis gibt er im Kampf um den Klassenerhalt gegen Eintracht Frankfurt einen erstaunlichen Rat mit: „Das ist ein Spiel zum Genießen“.

Foto: Schulze / picture alliance / dpa

Bei Hertha BSC scheint es die unabgesprochene Verabredung zu geben, sämtliche Entwicklungen im positiven Licht zu betrachten. Vielleicht hatte sich Pal Dardai am vergangenen Sonntag an die Euphorie bei Werder Bremen im Saisonfinale 2012/13 erinnert, als die gesamte Hansestadt den Bundesligisten im Abstiegskampf bedingungslos unterstützte. Der Werder-Mannschaftsbus stand schon bei der Anfahrt zum Weserstadion inmitten von Zehntausenden Fans – am Ende hielten die Bremer die Klasse.

Dardai hatte sich am Sonntag gewünscht, dass beim letzten Hertha-Heimspiel heute gegen Eintracht Frankfurt (15.30 Uhr, Immerhertha-Liveticker) „das Olympiastadion voll sein soll“ . Die Berliner mögen bitte zeigen, dass ihnen die Bundesliga wichtig ist. Das Wetter ist prächtig, der Anlass wichtig: Mit einem Sieg hätten die Blau-Weißen den Klassenerhalt sicher.

Hertha erwartet 60.000 Besucher

Bisher meldet Hertha jedoch erst rund 55.000 verkaufte Tickets, mit 60.000 Besuchern wird gerechnet. Mit Blick auf die Kapazität des Olympiastadions (74.244) heißt das, das rund 20 Prozent der Plätze leer bleiben werden. Enttäuscht, Herr Dardai?

„Nein“, antwortet der Trainer, „mit 58.000, 60.000 kann man sagen, dass das Olympiastadion richtig voll ist. Ich hoffe, dass sich noch viele Leute für einen Besuch im Stadion entscheiden.“

Dardai und seine Ablenkungsmannöver

Auch dem Ausgang der Dienstreise zu Borussia Dortmund (0:2) weint Dardai keine Träne mehr nach. „Ich hatte es mit einem Ablenkungsmanöver versucht, das hat nicht richtig geklappt. Jetzt konzentrieren wir uns auf das Frankfurt-Spiel.“ Er meinte damit einen Kaffee-Kuchen-Termin, den das Trainer-Team anstelle einer Trainingseinheit vor der BVB-Partie eingelegt hatte. Ein Wohlfühltermin, weil er bei seinen Spielern „mentale Müdigkeit“ ausgemacht hatte.

Aktuell gefragt, wie es um die mentale Frische bestellt ist, antwortete Dardai: „Wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Mentale Frische oder mentale Müdigkeit gibt es gar nicht. Letzte Woche war ich nicht zufrieden, wie das Team gearbeitet hat. Aber jetzt vor dem Frankfurt-Spiel sieht das anders aus: Die Spieler haben sehr konzentriert, fast zu konzentriert gearbeitet.“

Sechs Vereine, nur vier Punkte voneinander getrennt

So oder so: Die Lage ist ernst. Hertha hat im Sechskampf um den Liga-Erhalt mit 34 Punkten zwar die beste Ausgangsposition gegenüber den Konkurrenten Hamburger SV (32), SC Freiburg (31), Hannover 96 (31), SC Paderborn (31) und dem VfB Stuttgart (30). Doch Dardai gibt sich betont zuversichtlich.

Mag sein, dass ihn der Schwung der frisch erworbenen Uefa-Pro-Lizenz beflügelte. Das entspricht der Fußballlehrerlizenz in Deutschland, die zum Führen von Profiteams berechtigt. Hertha BSC hat diesen Fakt kurioserweise in der Pressekonferenz am Freitag, auf der Dardai und Manager Michael Preetz vor Ort waren, nicht erwähnt. Dafür aber wenig später auf der Hertha-Internetseite vermeldet: Gratulation für Dardai zum Erhalt der Lizenz. Der Hertha-Trainer habe sie in der Nähe von Budapest von Sandor Berzi, dem Vizepräsidenten des ungarischen Verbandes, erhalten. Dazu gab es ein Foto der Lehrgangs-Teilnehmer. Dardai wird in de Meldung zitiert: „Ich freue mich sehr darüber, das war harte Arbeit. Ich habe alle Anforderungen erledigt, alle Module absolviert sowie alle schriftlichen und mündlichen Prüfungen abgelegt.“

Blitzvisite in Budapest

Nach Morgenpost-Informationen aus Budapest hat Dardai – im Nebenjob auch ungarischer Nationaltrainer – samt seiner Lehrgangs-Kollegen das Zertifikat am Donnerstag erhalten. Rechtzeitig zum Nachmittagstraining der Hertha-Profis sei der Trainer wieder in Berlin gewesen.

Nichts wissen wollte Dardai von Druck für seine Hertha-Profis. Kein Wort dazu, dass an dem Umstand, ob Hertha künftig erst- oder zweitklassig spielt, nicht nur die Zukunft der Spieler hängt, sondern auch der Arbeitsplatz von diversen Angestellten im Verein. Stattdessen strahlte Dardai nichts als Zuversicht aus.

Kalou und Wagner fehlt es an Schnelligkeit

„Das wird ein wunderschöner Tag zum Genießen. Wir gehen raus, um eine schwierige Saison mit einem Sieg in einem Heimspiel zu beenden.“ Damit nicht genug, Dardai verwies auf die gute Ausgangsposition: „Die anderen Mannschaften müssen alle beten: Was macht Hertha?“

Er verblüffte mit der Behauptung, dass die Hertha-Stürmer Salomon Kalou und Sandro Wagner „beide sehr ähnliche Spieler“ seien. „Beide sind im Strafraum gut, können knipsen, sind stark, wenn wir nach vorne verteidigen. Aber so, wie wir spielen, fehlt bei beiden ein Tick Schnelligkeit.“ Seit seinem Amtsantritt Anfang Februar hat Dardai immer Kalou, den Champions-League-Sieger von 2012 aufgestellt.

Kein Freifahrtschein für Kalou

Für das Frankfurt-Spiel gab es jedoch keinen Freifahrtsschein für den Ivorer. „Ich werde noch mal mit meinen Trainerkollegen reden, ob Salomon oder Sandro beginnt.“

Mit Frankfurt, das als Tabellen-Elfter jenseits von Gut und Böse ist, tritt die auswärtsschwächste Mannschaft der Liga im Olympiastadion an – nur zwei Siege in 16 Anläufen in der Fremde. Eintracht-Trainer Thomas Schaaf schwant: „Berlin wird uns alles abverlangen und alles geben. Wir müssen gut vorbereitet sein, um dort zu bestehen.“ Sein Hertha-Gegenüber Dardai warnt jedoch: „Sollen wir jetzt denken, dass Frankfurt eine schwache Mannschaft ist? Nein, das ist Quatsch.“

Herthas offene Rechnung mit Frankfurt

Ohnehin haben die Gastgeber noch eine Rechnung offen mit der Eintracht. Ein Schlüssel, warum die Hertha-Saison so schwierig wurde, war das Hinspiel. Als die Berliner das unrühmliche Kunststück fertigbrachten, nach einer 4:2-Führung in der Schlussminute noch zwei Gegentore von Alexander Meier zum 4:4 zuzulassen. Ein Negativerlebnis, das mit entscheidend war für den Riss, der zwischen dem Team und dem damaligen Trainer Jos Luhukay entstand.

Heute wird Hertha keinen Hurra-Fußball spielen. „Wir bleiben in dem taktischen Konzept, das wir seit Wochen spielen“, sagte Dardai. Im 18er-Kader nach dem Abschlusstraining sind mit John Brooks, Sebastian Langkamp und Valentin Stocker alle Spieler dabei, die zu Wochenbeginn noch angeschlagen waren. Nicht im Aufgebot stehen Jens Hegeler, Hajime Hosogai und Johannes van den Bergh.