Bundesliga

Herthas Vorsprung im Abstiegskampf schmilzt bedenklich

Auch gegen Gladbach gibt es für die Berliner nach einem späten Gegentor keine Punkte. Für die Borussia besorgte Traoré in der 85. Minute den Siegtreffer, zuvor hatten Kruse und Stocker getroffen.

Foto: Bongarts/Getty Images

Es gibt Fußballspiele, die lassen einen etwas ratlos zurück. Dieses war so eines. Und dann gibt es Fußballspiele, die eine bittere Pointe bereithalten. Auch das war hier der Fall. Lange sah es am Sonntagnachmittag so aus, als würde sich Hertha BSC gegen den Tabellendritten Borussia Mönchengladbach einen wichtigen Punkt im Kampf gegen den Abstieg erspielen. 1:1 stand es bis zur 85. Minute. Aber dann wurde Ibrahima Traoré bei der Borussia eingewechselt. Der Guineer bestritt im Dezember 2007 ein einziges Spiel für Herthas Profiteam. Sonst aber durfte der Mittelfeldspieler nur in der zweiten Mannschaft der Berliner ran, bis er den Klub 2009 verließ. Nun, bei seiner Rückkehr ins Olympiastadion kam Traoré spät, sah kurz auf und schlenzte einen Schuss gefühlvoll zum 1:2 (1:1) und damit zum Gladbacher Sieg ins Netz.

Hertha verliert die Partie nach einer engagierten Leistung, weil wieder einmal in der Schussphase die Konzentration verloren ging. Es war nun das fünfte der letzten sieben Gegentore, dass das Team von Trainer Pal Dardai nach der 74. Minute hinnehmen musste. Als der Schlusspfiff ertönte, lagen viele Hertha-Profis vor Enttäuschung mit dem Gesicht im Rasen. Hertha hat nun nur noch vier Punkte Vorsprung auf einen direkten Abstiegsplatz und muss in den verbleibenden drei Partien um den Klassenerhalt zittern.

„Mönchengladbach hat gut gespielt, wir sind viel dem Ball hinterher gelaufen. Dann hat am Ende ein bisschen die Kraft gefehlt. Aber es ist bitter, wenn man so kurz vor Schluss das 1:2 kassiert“, sagte Hertha-Torwart Thomas Kraft. Dardai konnte wieder auf seinen Stammtorhüter nach überstandener Rippenverletzung zurückgreifen. Flügelspieler Nico Schulz dagegen fiel kurzfristig aus. Für ihn begann Marcel Ndjeng gegen die Borussia, für die er von 2007 bis 2009 selbst gespielt hatte.

100. Bundesliga-Sieg für Favre

In jenem Zeitraum wirkte ein heutiger Borusse auf der anderen, der Berliner Seite: Lucien Favre führte Hertha damals als Trainer auf Platz vier der Tabelle. Nun feierte der Schweizer an seiner alten Wirkungsstätte seinen 100. Bundesliga-Sieg im 220 Spiel.

Es dauerte nur knapp zehn Minuten, bis Gladbach das Kommando übernahm. Dann aber schlug Favres Team eiskalt zu: Raffael, noch so ein Ex-Berliner (2008-12), dribbelte sich über die linke Seite durch, bediente Max Kruse, und der abwanderungswillige Stürmer schob den Ball zum 0:1 über die Linie (11.). Frühe Gegentore kennen die Berliner schon gegen Borussia: Auch im Hinspiel hieß es nach knapp zehn Minuten bereits 0:1. Am Ende verlor man 2:3. Aber diesmal konnte Hertha prompt antworten: Genki Haraguchi flankte scharf in den Strafraum, wo Salomon Kalou zunächst an die Latte und kurioserweise auch an den Pfosten köpfte und Valentin Stocker den Ball aus drei Metern mit der Stirn ins Netz drückte: 1:1 (13.) und der dritte Saisontreffer für den Schweizer.

Der Ausgleich tat dem Spiel gut, weil Hertha nun sah, dass etwas drin war gegen die zuvor zehn Partien in Folge ungeschlagenen Borussen. Gladbach, das war zu erwarten gewesen, hatte die bessere Spielanlage und am Ende 72 Prozent Ballbesitz. Hertha dagegen verlegte sich diesmal nicht nur aufs Verteidigen, sondern wollte schnell umschalten. Das führte dazu, dass die 56.881 Zuschauer – darunter rund 8000 Gladbach-Anhänger – ein schwungvolles Spiel geboten bekamen. Da musste Herthas Kraft eine sehenswerte Parade präsentieren, als Kruses Fernschuss sich gefährlich senkte (25.). Da rauschte auf der anderen Seite Peter Pekariks Gewaltschuss am Gladbacher Tor vorbei (33.). Und dann hatte Berlins Innenverteidiger Sebastian Langkamp Glück, als er im Fünfmeterraum über den Ball schlug, Nationalspieler Christoph Kramer aber nicht an Kraft vorbei kam (37.). Kurz vor der Pause hatte Hertha noch einmal Glück: Kalou spielte einen holprigen Ball zurück zu Kraft, der nicht der begabteste Techniker unter der Sonne ist. Der Schlussmann trat über das Spielgerät, dies landete über Umwege bei Granit Xhaka, doch der Schweizer schob allein vor Kraft vorbei (43.). Den Einlauf hatte Kalou danach aber sicher.

100. Erstliga-Spiel für Niemeyer

Vielleicht beflügelte das den Afrikaner, der ein gutes Spiel ablieferte. Jedenfalls hatte Yann Sommer Mühe, seinen Drehschuss nach der Pause zu parieren (54.). Im Gegenzug wieder die Gladbacher: Der Freistoß von Fabian Johnson strich nur um Zentimeter am Berliner Tor vorbei (56.). Kraft mag mit den Füßen Schwächen haben, aber mit den Händen eben auch gute Qualität: Als Johnson allein auf den Schlussmann zulief, hielt Kraft seine Mannschaft im Spiel (57.).

Dardai brachte Peter Niemeyer für den Kapitän Fabian Lustenberger. Niemeyer machte damit sein 100. Bundesligaspiel. Kurz vor Schluss durfte auch noch Ronny ins Spiel gegen seinen ein Jahr älteren Bruder Raffael. Der starke Stocker ging, nachdem er kurz zuvor noch an Sommer aus kurzer Distanz gescheitert war (74.). Aber nicht er schrieb die Geschichte des Spiels, sondern der ehemalige Berliner Ibrahima Traoré.