Hertha gegen Gladbach

Die Schweizer sind die Gipfelstürmer der Bundesliga

Wenn Hertha am Sonntag Mönchengladbach empfängt, zählen fünf Schweizer zu den wichtigsten Protagonisten. Warum die Eidgenossen die Bundesliga erobert haben – und sogar begehrter sind als Brasilianer.

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Die Liste der Exportschlager ist lang: schmackhafte Schokolade, würziger Käse, Präzisionsuhren, Taschenmesser und Kräuterzucker – allesamt Erzeugnisse aus der Schweiz, die über große Beliebtheit und eine noch größere Tradition verfügen. Seit ein paar Jahren haben die Eidgenossen ihr Angebot aber um ein neues Erfolgsprodukt erweitert, das vor allem in Deutschland reißenden Absatz findet: Profi-Fußballer.

Wenn Hertha BSC am Sonntag Borussia Mönchengladbach empfängt (17.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de), zählen fünf Schweizer zu den wichtigsten Protagonisten. Bei den Berlinern hat sich neben Kapitän Fabian Lustenberger auch sein Landsmann Valentin Stocker zum Leistungsträger aufgeschwungen. Bei den Rheinländern gehören Torwart Yann Sommer und Mittelfeldspieler Granit Xhaka zur Achse des Teams.

Der prägendste Schweizer aber sitzt auf der Trainerbank. Lucien Favre, 57, der Hertha von 2007 bis 2009 zumindest zwischenzeitlich zu einem Top-Team formte, und dieses Kunststück nun seit 2011 in Mönchengladbach wiederholt. Fünf Beispiele, die belegen, dass „made in Switzerland“ inzwischen auch im Fußball als Gütesiegel gilt.

Wenn Lustenberger erzählt, dass er fast in jedem Stadion jemanden findet, mit dem er Schwizerdütsch sprechen kann, liegt er damit ziemlich nah an der Realität. 17 Schweizer spielen inzwischen in der Liga. Die bekanntesten neben den Berlinern und Gladbachern sind die Wolfsburger Ricardo Rodriquez und Diego Benaglio, Leverkusens Josip Drmic, Freiburgs Admir Mehmedi und Hamburgs Valon Behrami. Damit stellt die Schweiz mehr Gastarbeiter als jede andere Nation.

Chapuisat und Sforza als Vorreiter

Das ist umso bemerkenswerter, wenn man bedenkt, dass das Land nur gut acht Millionen Einwohnern hat. Anders ausgedrückt: Einmal Berlin ist – rein quantitativ betrachtet – fast die halbe Schweiz. „Wie viele Talente ein so kleines Land entwickelt“, sagt Herthas Manager Michael Preetz, „ist aller Ehren wert.“

Es ist nicht lange her, da wurde die Schweiz als Fußballland noch belächelt. Sicher, Ausnahmen gab es schon früher, bestätigten damit aber nur die Regel. Bei Hertha schoss Kurt Müller an der Seite von „Ete“ Beer schon in den Siebzigern seine Tore, ehe die Liga in den Neunzigern von Einzelphänomenen wie Stéphane Chapuisat oder Ciriaco Sforza befruchtet wurde.

Chapuisat, mit 106 Treffern der drittbeste ausländische Torjäger der Bundesligageschichte, erspielte sich bei Borussia Dortmund Legendenstatus. Sforza wurde gleich zweimal von Branchenprimus FC Bayern verpflichtet und führte dazwischen den 1. FC Kaiserslautern zur Meisterschaft.

Hiesige Fans registrierten das Duo mit einer Mischung aus Bewunderung und Skepsis. Fußballerische Weltklasse aus dem kleinen Nachbarland? Das wirkte ähnlich absurd wie der Charterfolg von Popstar DJ Bobo, der sich entgegen der landestypischen Klischees ziemlich schnell bewegen und noch schneller rappen konnte.

Mehr Eidgenossen als Brasilianer

Für Lustenberger waren Chapuisat und Sforza indes ein Grund mehr, nach Deutschland zu blicken: „Damit bin ich groß geworden“, sagt der Defensiv-Allrounder, der am Sonnabend seinen 27. Geburtstag gefeiert hat. „Ich habe immer verfolgt, was in der Bundesliga abgeht.“

Rund 20 Jahre später haben die Schweizer den Sprung in den Mainstream geschafft. Spielten in der Saison 1999/00 lediglich drei Schweizer in der höchsten deutschen Spielklasse, waren es fünf Jahre später schon elf. Die damals weitaus begehrteren Fußballer aus Polen und Kroatien haben sie inzwischen abgehängt. Selbst die Brasilianer, seit Ende der 90er-Jahre der Importschlager schlechthin in der Bundesliga, stellen nur noch die zweitstärkste Ausländerfraktion (16). Die Schweizer sind die neuen Brasilianer.

Glaubt man Harald Gämperle, handelt es sich dabei weniger um eine Modeerscheinung, als vielmehr um eine nachhaltige Entwicklung: „Die Zeiten, in denen Profis aus der Schweiz in Deutschland belächelt wurden, sind ja schon länger vorbei“, sagt der 46 Jahre alte Schweizer. Unter Favre war Gämperle Co-Trainer bei Hertha, heute ist er in dieser Funktion bei den Young Boys Bern. „Wir sind mittlerweile ein sehr gutes Ausbildungsland. Wir sprechen die gleiche Sprache, haben eine ähnliche Mentalität. Der Weg, um sich zu akklimatisieren ist für einen Schweizer sicher kürzer als für einen Spieler aus Südamerika, Afrika oder Asien.“

Markenzeichen Normalität

Der Aphoristiker Paul Schibler schrieb einmal: „Das Markenzeichen der Schweiz ist Normalität.“ Keine Übersteiger, kein Glamour, stattdessen Zuverlässigkeit, Gründlichkeit und Fleiß – die Eigenschaften, die man den Schweizern gemeinhin zuschreibt, werden von den Kickern in der Bundesliga bestätigt. Dazu verfügen sie über eine hervorragende taktische Schulung. Qualitäten, die besonders in der Defensive gefordert sind. Dass sich unter den 17 Schweizern der Liga nur fünf Offensivkräfte finden, ist kein Zufall.

Längst sind sie fester Bestandteil des Bundesliga-Inventars. 15 der 17 Schweizer zählen in ihren Klubs zum Stammpersonal und kommen in dieser Spielzeit auf gut 25 Spiele im Schnitt. Und viele von ihnen nehmen prägende Rollen ein. Bei Hertha ist Lustenberger Kapitän und genießt unter Trainer Pal Dardai einen genauso großen Stellenwert wie unter dessen Vorgänger Jos Luhukay. Und Stocker, mit zwei Toren und neun Vorlagen derzeit Herthas bester Scorer, hat unter Dardai endlich die Leistungen gezeigt, die sich die Berliner schon bei seiner Verpflichtung im Sommer erhofft hatten.

Ganz gleich wie Herthas Partie gegen Borussia Mönchengladbach ausgehen wird: Ohne das Mitwirken der fünf Schweizer auf und neben dem Spielfeld wäre sie ein ganzes Stück ärmer.