Gegen den FC Bayern

Das Spiel gegen Bayern wird für Hertha zum Stresstest

Um dem FC Bayern nicht schon wieder zur Meisterschaft zu verhelfen, muss die hochgelobte Defensive von Hertha BSC um Sebastian Langkamp und John Brooks nun beweisen, wie stark sie wirklich ist.

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Thomas Kraft kann das Thema nicht mehr hören. „Nein, keine Bayern-Standards“, raunzte der Torwart von Hertha BSC in dieser Woche, „nicht jedes Jahr die gleiche Leier“. Ein Stück weit ist diese Reaktion verständlich, schließlich ist Kraft als ehemaliger Münchner vor den Duellen gegen den deutschen Rekordmeister stets ein gefragter Gesprächspartner. Erschwerend hinzu kommt, dass alles Reden in der Vergangenheit nicht half. Fünf Mal stand Kraft seinem Ex-Klub gegenüber, fünf Mal kam der Gewinner nicht aus Berlin. Vielleicht klappt es ja besser, wenn man einfach mal schweigt. Ist ja bekanntlich Gold.

Vielleicht reagiert Kraft auch deshalb so genervt, weil er es leid ist, den Bayern beim Feiern zuzuschauen. Schon in der vergangenen Saison machten die Münchner die Meisterschaft gegen Hertha perfekt. Ein Schicksal, das den Berlinern diesmal mit Verzögerung droht. Das Star-Ensemble von Trainer Pep Guardiola muss am Sonnabend gegen Hertha gewinnen (18.30 Uhr, Sky und im Liveticker bei immerhertha.de). Wenn dann einen Tag später der Verfolger Wolfsburg seine Partie gegen Mönchengladbach nicht gewinnt, wäre den Bayern der 25. Ligatitel sicher. Das Meisterweizen dürfte in München also schon kaltgestellt werden.

Darauf, den Bayern beim Marsch zum Titel Spalier zu stehen, haben sie bei Hertha aber wenig Lust: „Wir wollen ihnen die Meisterschaft natürlich nicht auf dem Silbertablett präsentieren, sondern die Party vermasseln“, sagt Abwehrspieler John Brooks. Klingt nach Standardfloskel, ist aber vielmehr Ausdruck des neuen Berliner Selbstvertrauens. Sieben Spiele ohne Niederlage, fünf ohne Gegentor – Hertha hat sich unter Trainer Pal Dardai den Ruf eines Spielverderbers erarbeitet.

38 Jahre ohne Sieg in München

Brooks, 22, ist mit seinem Nebenmann Sebastian Langkamp, 27, einer der Hauptverantwortlichen für die neue Defensiv-Stabilität. In Zusammenarbeit mit den Sechsern Per Skjelbred und Fabian Lustenberger bildet das Duo einen schwer zu überwindenden Block. „Wir vier sind dafür zuständig, dass durch die Mitte nichts mehr durchgeht“, erklärt Langkamp, der einst bei den Bayern in der Jugend für nicht gut genug gehalten wurde, aktuell aber die neuntbeste Zweikampfquote (66,29 Prozent) der Liga vorweisen kann. „Wir probieren den Gegner auf die Außen zu drängen“, sagt Langkamp. Das klappte zuletzt gut. Von dort operierte der Gegner dann oft mit Flanken, und die liegen Brooks (1,93 Meter groß) und Langkamp (1,90).

Dardai ist stolz auf sein Quartett. Die Arbeit der beiden defensiven Mittelfeldspieler sei gar nicht hoch genug einzuschätzen, betont der Ungar. „Das ist eine Schweinearbeit, ich weiß das, ich war schließlich auch Sechser.“

Bis auf Augsburg und Schalke kamen die vergangenen sieben Gegner jedoch allesamt aus der unteren Tabellenregion. Mit den Bayern wartet auf die hochgelobte Defensive nun ein echter Stresstest. Beton anrühren will Dardai aber deshalb nicht. Er vertraut auf die eigenen Stärken. Laufbereitschaft, eine gute Zweikampfquote und taktische Disziplin. Gegen „die beste Mannschaft der Welt“ (Dardai) könne Hertha nun prüfen, ob sein System auch internationale Qualitätsstandards genügt. Die Münchner haben beim 6:1 gegen den FC Porto in der Champions League schon einmal Bedrohliches gezeigt.

Es geht auch ums Torverhältnis

Der Münchner Offensivgewalt standzuhalten, wäre wichtig. Denn: Auch wenn die Berliner als krasse Außenseiter anreisen, haben sie durchaus etwas zu verlieren. Neben ihren 34 Punkten verfügen sie nämlich bislang über ein besseres Torverhältnis (-11) als die Konkurrenten im Tabellenkeller.

Sollte es im Abstiegskampf doch noch mal eng werden, könnte sich dies im Vergleich mit Hannover (-17), Stuttgart (-21), dem HSV (-28) und Paderborn (-31) als Trumpf erweisen. Vorausgesetzt, die Herthaner kommen in München nicht unter die Räder. Sie wären nicht die Ersten. Hoffenheim (0:4) oder die abwehrstarken Kölner (1:4) kassierten empfindliche Pleiten, vom 0:8-Debakel des HSV ganz zu schweigen.

Ein Unentschieden, sagt Dardai, wäre für Hertha ein riesiger Imagegewinn. An einen Überraschungserfolg wagt er gar nicht zu denken, schließlich liegt der letzte Berliner Sieg in München 38 Jahre zurück. Und so lautet die Devise: möglichst nicht (hoch) verlieren. „Wichtig ist, dass wir den Gegner vom eigenen Tor weghalten“, fordert Dardai. Sollte Hertha dieses Kunststück gelingen, wäre vermutlich sogar Thomas Kraft bereit, über ein Spiel gegen den FC Bayern zu plaudern.