Bundesliga

Herthas Langkamp - „Ich mag es, unterschätzt zu werden“

Sebastian Langkamp spielte in der Jugend des FC Bayern. Im Interview spricht der Verteidiger über die Rückkehr mit Hertha nach München und erzählt, wie ihm dort die Bundesliga nicht zugetraut wurde.

Foto: Frank Hoermann/SVEN SIMON / picture alliance / Sven Simon

Jos Luhukay machte seinem Verteidiger Sebastian Langkamp kürzlich ein Kompliment. Herthas Trainer sagte: „Basti wurde bei uns von Woche zu Woche immer stärker und ist ein extrem wichtiger Spieler.“ Beim FC Bayern, für den der 26-Jährige ab 2005 drei Jahre in der Jugend spielte, bekam er jene Wertschätzung nicht. Am Sonnabend kehrt Langkamp mit Hertha nach München zurück (15.30 Uhr/Liveticker bei immerhertha.de). Vor der Partie spricht er über die Erfahrung, oft unterschätzt zu werden und einen Schicksalsschlag, der seinen Blick auf den Fußball verändert hat.

Berliner Morgenpost: Herr Langkamp, welche Rolle haben die drei Jahre in der Jugend des FC Bayern für Ihre Karriere gespielt?

Sebastian Langkamp: Für mich war die Zeit immens wichtig. Mein damaliger A-Jugendtrainer, Kurt Niedermayer, war einer meiner wichtigsten Förderer. Von ihm habe ich nicht nur fußballerisch, sondern auch menschlich sehr viel gelernt. Von dieser Zeit profitiere ich noch heute.

Sie haben damals in der A-Jugend mit Toni Kroos, Thomas Müller, Holger Badstuber und Mats Hummels zusammen gespielt und waren Kapitän. Haben Sie noch Kontakt?

Regelmäßigen Kontakt haben wir nicht mehr. Jeder ist seinen eigenen Weg gegangen. Aber wenn ich die Jungs wiedersehe, merke ich, dass sie immer noch den gleichen Humor haben wie damals in der A-Jugend. Ich erkenne diese Spieler noch wieder, obwohl sie jetzt Weltstars sind. Aber es ist auch ein komisches Gefühl, sie heute da zu sehen, wo sie stehen.

Warum?

Wenn ich die Jungs unter der Woche in der Champions League spielen sehe oder bei der Nationalelf, dann ist da sehr viel Ehrfurcht dabei. Dann denke ich einfach nur: Wow. Obwohl ich diese Spieler ja sehr gut kenne und mit ihnen zusammen gespielt habe, sind sie heute doch so weit entfernt von mir.

Warum haben Sie den Klub 2007 verlassen?

Ausschlaggebend damals war, das Holger Badstuber und Mats Hummels mir mehr oder weniger vorgezogen wurden. Sie wurden damals bei den Amateuren von Hermann Gerland sehr gefördert. Ich musste mir die Frage stellen: Möchte ich versuchen, mich durchzusetzen, obwohl bei zwei anderen Spielern auf meiner Position das Entwicklungspotenzial mehr gesehen wird als bei mir? Das hatte mir Hermann Gerland damals auch zu verstehen gegeben.

Sind Sie ein Spieler, den man gern unterschätzt? Auch im Hertha-Umfeld hat man nicht viel von Ihnen erwartet.

Das ist mir schon öfter aufgefallen. Aber schlimm finde ich das nicht. Im Gegenteil: Ich mag es, unterschätzt zu werden, denn dann kann man überraschen. Hermann Gerland hat mich unterschätzt. Er hätte mir niemals zugetraut, dass ich Bundesligaspieler werden würde. Das hat er mir mal erzählt, als wir uns später getroffen haben. Er hat im Laufe der Jahre aber gemerkt, dass es vielleicht doch Potenzial gegeben hätte und seine Meinung revidiert.

Wie wird das Wiedersehen mit ihm?

Immer, wenn ich ihn sehe, muss ich lachen. Dazu muss man wissen, dass ich früher eine richtig lange Matte auf dem Kopf trug, und Herr Gerland immer zu mir sagte: Hey Osterhase, du musst mal deine Haare abschneiden. Du siehst doch gar nix... Er ist schon ein lustiger Kauz...

Durften Sie ihn damals eigentlich bei seinem Spitznamen Tiger rufen?

Auf keinen Fall. Ich glaube, nur Thomas Müller und noch ein älterer Spieler durften ihn Tiger nennen. Der Rest hat einfach nur ehrfurchtsvoll zu ihm hochgeschaut, weil er der Talentförderer schlechthin war und heute ja immer noch ist.

Warum wirken Sie und die Spieler von damals – Kroos, Müller, Hummels – viel erwachsener, als Sie vom Alter her sind?

Bei Bayern wurde nicht nur sehr viel Wert auf die fußballerische Ausbildung gelegt, sondern auch auf die schulische und menschliche. Wenn man sich da mal was geleistet hatte, wurde man ins Büro beordert und dann hieß es: So benimmt man sich beim FC Bayern nicht. Wir mussten schon früh Verantwortung für unser Handeln übernehmen. Das hat uns früh erwachsen werden lassen.

Nun kehren Sie nach München zurück. Was ist der Plan? Hinfahren und hoffen, nicht verprügelt zu werden?

Ganz im Gegenteil. Jeder Profi freut sich doch auf so ein Spiel gegen die Besten Europas. Da kann man für Furore sorgen. Das ist Motivation pur. Wir fahren da mit dem Ziel hin, einen Punkt zu holen. Dass die Chancen, dort zu gewinnen, nicht besonders hoch stehen, wissen wir.

Wie verteidigt man in München? Alle in Manndeckung nehmen?

(lacht) Mit Manndeckung kennt sich Jos Luhukay ja gut aus. In Augsburg hat er mal Hajime Hosogai auf Shinji Kagawa angesetzt. Der ist ihm bis zur eigenen Eckfahne hinterhergelaufen. Die wurden richtig gute Freunde. Aber wissen Sie was? Damals war es eine ganz andere Situation. Bei allem Respekt vor Augsburg, aber wir sind hier bei Hertha heute individuell viel besser aufgestellt.

Hilft es Ihnen gegen den FC Bayern, Spieler wie Kroos und Müller sehr gut zu kennen?

Als wir mit Augsburg in München gespielt haben und schon nach einer Minute zurücklagen, habe ich zu Toni Kroos gesagt: Toni, schau mal auf die Uhr. Macht mal langsam. (lacht) Nein. Ich denke nicht, dass es uns hilft. Außerdem kann man die Bayern alle drei Tage im TV bewundern. Auch alle anderen bei Hertha kennen diese Spieler mittlerweile sehr gut. Deshalb wissen alle, was auf uns zukommt.

Sie haben beim Karlsruher SC mit Ihrem älteren Bruder Matthias zusammen gespielt. Er musste seine Karriere schon mit 27 Jahren als Sportinvalide beenden...

Das war eine extreme Situation für ihn, aber auch für mich. Denn er war immer mein Vorbild. Er war der große Bruder, der den Schritt in die Bundesliga geschafft hat. Das wollte ich auch. Er hatte riesiges Potenzial, konnte es aber aufgrund seiner vielen Verletzungen nie dauerhaft abrufen. Das ist sehr schade und hat uns wie ein Schlag getroffen.

Wie haben Sie das damals erlebt?

Ich erinnere mich, dass er eine Zeit bei mir in Augsburg gewohnt hat und versuchte, sich mit einem Personaltrainer wieder fit zu machen. Er hat jeden Tag geschuftet, um wieder auf Bundesliganiveau zu kommen. Aber es hat nicht geklappt. Heute hat er sich damit abgefunden, lebt in Spanien und ist glücklich. Er hat mir den Tipp gegeben, darauf zu achten, auch ein Leben neben dem Fußball zu haben.

Auch Sie haben ja eine lange Verletzungszeit hinter sich, neun Monate nicht gespielt. Hat Ihnen die Erfahrung des Bruders geholfen?

Ich denke schon. Wir haben in dieser Zeit sehr viel Kontakt gehabt. Er hat mir gesagt: Genieße jeden Tag, an dem du Fußball spielen kannst. Früher hatte ich auch mal Trainingseinheiten, da war ich gar nicht richtig anwesend. Heute nach meiner Verletzung freue ich mich auf jedes einzelne Training. Jedem von uns muss bewusst sein, dass der Traum, in dem wir Profis leben, von heute auf morgen vorbei sein kann. Das habe ich seit der Geschichte mit meinem Bruder und meiner Verletzung immer vor Augen.

Glauben Sie an so etwas wie Schicksal?

Ich glaube daran, dass für jeden der eigene Lebensweg vorbestimmt ist. Für meinen Bruder war die Karriere früh vorbei, aber er ist menschlich sehr daran gereift. Ich darf zum Glück weiter spielen. Letztlich müssen wir Profis uns klar darüber sein, dass der Fußball ein Showgeschäft ist, in dem man irgendwann ausgetauscht wird. Bis dahin aber will ich noch jeden Tag in meinem Fußballerleben genießen.