Interview

"Meine Frau sorgt dafür, dass ich nicht abhebe"

Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht über den Höhenflug der Eintracht, Bundesliga-Träume und Nudelhölzer

- Er ist der Vater des sportlichen Erfolges in Braunschweig. Trainer Torsten Lieberknecht (39) führte die Eintracht 2011 zurück in die Zweite Liga. Ein Jahr klopfen die Niedersachsen als ungeschlagener Tabellenführer an die Tür zur Bundesliga. Vor dem Spitzenspiel heute gegen Hertha BSC sprach Morgenpost-Mitarbeiter Christian Otto mit dem Erfolgscoach.

Berliner Morgenpost:

Zu viel Erfolg kann auch satt und zufrieden machen. Wie geht der überraschende Spitzenreiter der Zweiten Liga mit dieser Tücke um?

Torsten Lieberknecht:

Satt und zufrieden - diesen Zustand kennen wir bei Eintracht Braunschweig gar nicht. Auch das macht den Charakter der Mannschaft und des Trainerteams aus. Wir sind sehr zielorientiert und wollen jedes Spiel gewinnen, auch das gegen Hertha BSC Berlin.

26 Punkte aus zehn Spielen und keine einzige Niederlage: Hat diese Serie in Braunschweig wirklich nichts verändert?

Wir schaffen es, die Spieler vor Veränderungen durch äußere Einflüsse zu bewahren. Meine Jungs gehen mit einer hohen Demut und Bodenhaftung ihrem Job nach. Natürlich freuen sie sich über die momentane Situation. Aber wir lehnen uns nicht zurück. Diese Mannschaft hat sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich etwas aufgebaut. Und man hat schon nach dem Aufstieg in die Zweite Liga schnell gemerkt, dass die Jungs immer mehr möchten.

Sie werden mit Lobeshymnen überhäuft. Färbt das ab?

Gar nicht. Dafür sorgt auch meine Frau. Wenn sie das Gefühl hätte, ich würde vor lauter Erfolg zu Hause durch die Tür schweben, dann gäbe es direkt einen mit dem Nudelholz an den Kopf. Es ist aber auch gar nicht meine Art abzuheben. Ich freue mich für meine Mannschaft, für die Stadt und für die Fans. Aber das alles ändert nichts an meiner Arbeitsweise und an meinem Naturell.

Was kann den Erfolg der Eintracht gefährden?

Wir haben Grundtugenden in unserer Mannschaft, die ich gar nicht einfordern muss. Natürlich hat der eine oder andere Spieler mal eine Tagesform, die nicht ausreicht, um ein Spiel erfolgreich zu gestalten. Meine Jungs sind auch nur Menschen. Aber sie versuchen immer, das Optimum herauszuholen. Die Gefahr ist, dass jemand meint, einen Schritt weniger machen zu müssen und das Glück nicht mehr erzwingen zu wollen. Im Moment gewinnen wir als Spitzenreiter auch Spiele, die in anderer Situation verloren gehen würden. Ein solches Glück, das wir uns hart erarbeiten, darf man nicht liegen lassen. Gegen die Hertha entscheidet nicht das Spielsystem. Auf tiefem Boden musst du als Spieler bereit sein, deinen inneren Schweinehund zu überwinden.

Sie sind der souveräne Spitzenreiter. Trotzdem soll die Eintracht nur der David und Hertha der Goliath sein. Warum?

Ich finde eigentlich, dass es kein gutes Bild abgibt, wenn man über Marktwerte und den Preis eines Kaders spricht. Aber bei Hertha ist es augenscheinlich, dass der Verein einen Kader für die Bundesliga hat, der mit hohem finanziellem Aufwand aufgebaut worden ist. Das ist etwas, was in Berlin möglich ist. Und darauf sollten wir nicht mit Neid blicken. Diese Hertha-Mannschaft hat eine enorm hohe Qualität. Und sie hat einen Trainer, der weiß, wie ein Aufstieg funktioniert. Zusammen wollen sie den Abstieg als Betriebsunfall vergessen machen. Aber es hat auch einen Grund, warum wir unsere 26 Punkte haben. Wir sind eine Mannschaft, die schwer zu schlagen ist. Die Qualität des Hertha-Kaders zwingt mich trotzdem zu der Einschätzung, dass Berlin in diesem Spitzenspiel der Goliath und damit der Favorit ist.

Gibt es etwas bei Hertha, das Sie beeindruckt?

Klar ist doch, dass dieser Verein einen großen Fundus an guten Jugendspielern hat, die für den Profikader in Frage kommen. Das ist ein Fakt, der für uns in Braunschweig in kürzester Zeit nicht machbar sein wird. Was die Nachwuchsarbeit angeht, ist Berlin mit Sicherheit Vorreiter. Es wäre schon klasse, wenn wir auch einmal in solche Sphären kommen.

Dafür gelingt es Eintracht Braunschweig, aus bescheidenen Mitteln viel zu machen. Wie stolz sind Sie eigentlich darauf?

Stolz, genießen - mit solchen Ausdrücken habe ich meine Probleme. Ich freue mich einfach, dass man meine Arbeit honoriert und auch sie überregional anerkannt wird. Man kann auch mit wenigen Mitteln etwas aufbauen. Dazu gehöre aber nicht nur ich, sondern sehr viele in diesem Verein, die für diese Kontinuität sorgen. Ich werde von anderen Klubs und Gästetrainern oft danach gefragt, wie das hier alles möglich ist. Denen sage ich dann, wie wichtig Ruhe und Kontinuität sind.

Im März müssen die Lizenzierungsunterlagen eingereicht werden. Für welche Liga sollte die Klubführung kalkulieren?

Bis dahin ist noch genug Zeit. Und es gibt doch viele Vereine, die beim Lizenzierungsverfahren zweigleisig fahren. Ich glaube, dass unsere Vereinsführung sogar für die ersten drei Ligen die nötigen Vorbereitungen trifft. Ich bin sicher, dass wir ohne jede Auflage eine Lizenz bekommen. Wo auch immer.