Hertha BSC

Kraft attackiert Lasogga - „Bist du bekloppt, oder was?“

Am Mittwoch kam es beim Hertha-Training zum Streit. Pierre-Michel Lasogga hatte Torwart Thomas Kraft gefoult, der wollte sich das nicht bieten lassen und beschimpfte den Torjäger.

Foto: Annegret Hilse / pa

Pierre-Michel Lasogga gab den Schwiegersohn. Der Profi von Hertha BSC hatte ein Ballnetz umgehängt – Botschaft: ich bin mannschaftsdienlich – und nahm sich Zeit für alle Autogramm-Anfragen und Foto-Wünsche, die die Trainingsbesucher hatten. Auch bei den Journalisten hielt Lasogga (21) an. Das tut er nicht immer. Und sagte: „So etwas gehört dazu. Fußball ist eine Kontaktsportart.“ Und lächelte in die nächste Fan-Kamera.

Thomas Kraft (23) sah das ganz anders. Geschwind war der Torwart nach Trainingsende vom Schenckendorff-Platz gestapft. Dass Jos Luhukay seine Spieler in einen Kreis beorderte und eine fünfminütige Ansprache hielt, bekam er nicht mit. Bei seinem finsteren Blick wagte niemand, nach einem Autogramm zu fragen. Angesprochen, was in jener Situation los gewesen sei, schüttelte Kraft den Kopf. Auf die Frage, ob er nicht reden wolle, antworte Kraft: „Nein. Ich habe Schmerzen.“ Und schritt zur Behandlung in die Kabine.

Sandro Wagner trennt die Streithähne

Die Zweitliga-Saison geht auf ihre Zielgerade. Sieben Spiele stehen noch aus. Bei Hertha BSC tobt der Konkurrenzkampf. Bei dem Hit des Tabellenersten der Zweiten Liga gegen Eintracht Braunschweig, den Zweiten, im Olympiastadion wollen alle dabei sein (Montag, 20.15 Uhr). Und wenn der Ehrgeiz groß ist, kommt es immer mal wieder zum Crash. So geschehen gestern um 11.22 Uhr. Fünf-gegen-fünf wurde gespielt. Lasogga sprintete auf Torwart Kraft zu, der den Ball wegschlagen wollte, als ein Pfiff vom Cotrainer ertönte – Spiel unterbrochen. Kraft stellte sein Bein vor den Ball, Lasogga jedoch zog durch und trat zu. Vor allem traf er den Knöchel von Kraft – der kurzfristig die Contenance verlor.

„Bist du bekloppt, oder was?“ Lasogga war nicht auf Streit aus und ging zwei, drei Schritte beiseite. Kraft, von Schmerzen geplagt, nahm den Ball und drosch ihn Lasogga auf den Körper. „Bist du bescheuert, Mann? Willst du mir das Bein brechen?“ Lasogga hob die Hände, drehte dem Torwart den Rücken zu und entfernte sich. Kraft war noch nicht fertig. Aufgebracht stieg er dem Kollegen nach und bedachte ihn mit Flüchen, die hier nicht druckbar sind. Nun ging Sandro Wagner dazwischen, der 1,94 Meter große Stürmer breitete die Arme aus, schob Kraft beiseite: „Thomas, lass’ gut sein.“

Der Physiotherapeut muss den Torwart behandeln

Lasogga fand alles übertrieben: „Da war doch gar nichts.“ Kraft humpelte zum Tor, Physiotherapeut Jörg Blüthmann leistete Erstversorgung. Kraft stand auch bei der nächsten Runde noch im Tor, humpelte aber stark. Wenige Minuten später wurde die Einheit beendet. Nun ist es nicht das erste Mal in diesem Jahr, dass Lasogga mit seinem Einsteigen für Aufsehen sorgt.

Zwischen großem Ehrgeiz und übertriebenem Einsatz ist es ein schmaler Grat. Anfang Februar hatte sich Lasogga im Training derart mit Maik Franz angelegt, dass Trainer Jos Luhukay beide Spieler für das Derby gegen Union (2:2) suspendierte. Es sei nicht hinzunehmen, dass sich Team-Kollegen untereinander verletzen wollen, begründete Luhukay damals die Sanktion.

Das interne Standing des Stürmers ist arg ramponiert

Gestern nun war die Szene anders. Ja, Lasogga hätte zurück ziehen können. Aber er ist sicher nicht in die Situation mit dem Vorsatz gegangen, um Kraft zu verletzen. Vor allem aber hat der Stürmer seit Monaten einen Lauf, der wie eine Abwärtsspirale nach unten zeigt. Lasogga hat öffentlich bisher nichts gesagt, zu den mittlerweile drei Spielen in Folge, die er ohne Einsatzminute auf der Bank zubringen musste. Aber seine Mutter und Beraterin Kerstin hat die Seelenlage in der Familie öffentlich gemacht („Wenn Pierre nicht öfter spielt, ist er im Sommer weg“).

Seinem internen Standing war ebenfalls nicht zuträglich, dass der VfB Stuttgart bisher unwidersprochen publik gemacht hat, die Schwaben seien sich bereits im Winter über einen Wechsel mit Lasogga einig gewesen. Auch wenn Hertha das Angebot Ende Januar abgelehnt habe, unternehme der VfB im Sommer einen neuen Anlauf.

Der Trainer bewahrt Ruhe: „So etwas kommt vor“

Nun ein erneuter Vorfall, diesmal Lasogga gegen Kraft. Der Torwart, Leistungsträger im Team, ist für seine Temperamentsausbrüche bekannt. „Er ist etwas ausgeartet in seiner Art“, formulierte Lasogga. Kraft verliere sehr ungern. Da seien diverse Gegentore und der Zusammenprall blöd zusammengekommen. So schlimm war es am Ende des Tages nicht. Kraft konnte am Nachmittag wieder trainieren. Und der Trainer? „Der ist ruhig geblieben“, sagte Lasogga. In der Tat betätigte sich Luhukay diesmal als Feuerlöscher. Der Trainer bewertete den Vorfall als „ganz normale Situation. So etwas kommt vor.“

Luhukay weiß, dass der Druck im Kessel Hertha ohnehin hoch ist. Er hat kein Interesse, die Spannung zu verschärfen. Was ihm am Training aufgefallen sei? Luhukay: „Gegen Braunschweig muss das Umschalten von der Defensive in die Offensive besser klappen.“