In Berlin gibt es eine große Sehnsucht. Das Verlangen, Jungs aus der eigenen Stadt anzufeuern. Spieler, die quasi aus der eigenen Nachbarschaft stammen. Und es stellvertretend für viele Fans ganz nach oben geschafft haben. Deshalb steht die Nachwuchsarbeit von Hertha BSC im Fokus der Anhänger.

Allerdings ist diese Leidenschaft mit Ungeduld gepaart. Es kann nicht schnell genug gehen. Und bei wem es nicht schnell geht, den straft die Fangemeinde mit Liebesentzug. Alfredo Morales ist so einer. Bei dem 22-Jährigen geht die dreijährige Lehrzeit des Eigengewächses zu Ende. Bis Mitte Januar sah es so aus, als sei er ein Vertreter der Kategorie: Gewogen – und für zu leicht befunden.

Intern gab es erhebliche Kritik. Morales hatte den Spitznamen „Eiskunstläufer“. Weil keiner so elegant mit flinken Tippelschritten über den Platz schwebte. Und viel zu viele Aktionen mit nutzlosen Kringeln um die eigene Achse beendete. Bis zum Jahresende war Morales auf lediglich einen Einsatz gekommen.

Die Schlappe im DFB-Pokal

Im vergangenen August wurde er im DFB-Pokal bei Wormatia Worms eingewechselt. Als der Favorit aus der Zweiten Liga endlich den 1:1-Ausgleich erzielt hatte, verlor Morales den entscheidenden Zweikampf – mit 1:2 blamierte sich der Hauptstadt-Klub beim Viertligisten.

Wer dieser Tage mit Morales spricht, hat einen optimistischen Gegenüber. „Mir geht es gut.“ Morales ist offen: „Hertha hat signalisiert, dass sie mit mir für die erste Liga planen.“ Das ist eine erstaunliche Entwicklung. Zum Jahreswechsel war Morales der Profi im Kader, der am weitesten weg war. Alles deutete auf eine Trennung im Juni, wenn der aktuelle Vertrag ausläuft. Aber nun, nach drei Zweitliga-Einsätzen, formuliert sogar der in Vertragsfragen sonst zurückhaltende Hertha-Manager Michael Preetz: „Alfredo ist auf einem gutem Weg.“

11,9 Kilometer Laufweg in München

Der wusste schon am Abend nach seinem Auftritt beim 0:0 gegen 1860 München, was los war. „Der Trainer hat mir gratuliert, ich hätte ein sehr gutes Spiel gemacht. Ich bin auch am meisten gelaufen.“ Morales folgt da nicht seinem Bauchgefühl. Nach jeder Partie schaut er auf einer Daten-App auf seinem Mobiltelefon nach. Die weist für das achte Hertha-Unterschieden in dieser Saison aus: Morales, 11,9 Kilometer – kein Spieler war so viel unterwegs. Er hatte 57 Ballkontakte und brachte 92,3 Prozent seiner Zuspiele zum eigenen Mann, eine exzellente Quote.

Bei den Fans indessen polarisiert Morales. Bei Immerhertha.de, dem Blog der Berliner Morgenpost, schrieb der Nutzer „Pogo in Togo“: „Morales braucht hier kein Mensch, auch wenn er ein Eigengewächs ist. Talentfreie Spieler brauchen wir nicht im Profikader!“ Es gab auch positive Kommentare. Andere hingegen waren der Meinung, dass man ihn unbedingt verabschieden müsse, er sei nur „Füllmaterial“.

Preetz: Manchmal dauert es etwas länger

Manager Preetz verweist auf die positive Entwicklung. „Alfredo ist ein Beispiel, warum es Sinn macht zu warten. Und manchmal auch lange zu warten.“ Üblicherweise sieht die Hertha-Strategie so aus: Nachwuchsspieler erhalten, wenn ihnen der Sprung zugetraut wird, einen Drei-Jahres-Vertrag. Im ersten Jahr gilt es, den Sprung von der Jugend in den Männerbereich zu schaffen. Im zweiten Jahr soll sich das Talent eigenständig behaupten. Und wenn es bis zum dritten Jahr den Durchbruch nicht geschafft hat, trennen sich im Anschluss die Wege.

Morales galt stets als Vielbegabter. Ob Sturm, Mittelfeld oder Abwehr – er kam auf allen Positionen zurecht. Im Rückblick sagt Morales selbstkritisch: „Ich war immer dabei, habe mein Ding gemacht. Aber ich war nie so gut, dass ich für den Trainer eine wirkliche Alternative war.“

Seine Einstellung hat sich geändert. Weil Trainer und Manager einem Plan zustimmten, der auch hätte schief gehen können: In den drei Wochen, in denen Hertha die Grundlagen für die Rückserie legte, reiste Morales zu einem Lehrgang der US-Nationalmannschaft. Der gebürtige Berliner hat drei Pässe, weil seine Mutter Deutsche ist, sein Vater Peruaner, der zeitweise für die US-Army gearbeitet hat. Im Trainingscamp bei Los Angeles sorgten US-Fitnesstrainer dafür, dass Morales in einer körperlichen Verfassung war, wie noch nie. Vor allem aber verstand der junge Familienvater (Sohn Emilio ist ein Jahr alt), worauf es ankommt. „Das Training war brutal. Aber darüber hinaus hatten wir alle Freiheiten“, erzählt Morales, „wir hätten jeden Abend Party machen können. Aber Jürgen Klinsmann hat uns total vorgeschwärmt: Was wir für einen tollen Beruf haben. Welche Möglichkeiten vor uns liegen.“ Vor allem impfte der US-Nationaltrainer seinen Spielern an, jeder halte sein Schicksal selbst in der Hand.

Länderspiel-Debüt gegen Kanada

Nach seiner Rückkehr nach Berlin kam die Chance für den nun einmaligen US-Nationalspieler rasch (er debütierte bei einem 0:0 gegen Kanada). In einem internen Test sollten sich eigentlich Pierre-Michel Lasogga und Sandro Wagner zeigen. Deren Leistung rügte Trainer Luhukay scharf. Und lobte stattdessen: „Bester Mann auf dem Platz war Alfredo.“ Seither stand Morales bei jedem Hertha-Spiel im 18er-Kader. Und gegen Aalen, Dresden und 1860 München auf dem Platz. Dass der Klub mit ihm plant, ist das eine. Plant er denn seine Zukunft in Berlin? Morales runzelt die Stirn: „Na klar. Ich bin seit 13 Jahren hier. Hertha ist mein Verein.“