Der Fußball-Fan ist ein wankelmütiges Wesen. Er applaudiert laut, wenn auf Mitgliederversammlungen, etwa der von Hertha BSC, Manager oder Trainer erklären, in der kommenden Saison verstärkt auf eigene Talente zu setzen. Doch kaum wagt ein Trainer diese Personalentscheidungen, und den Jungen passiert ein Fehler, geht der Daumen prompt nach unten. Im Morgenpost-Blog „immerhertha.de“, wird nach dem 2:2 gegen Paderborn über Konsequenzen für die Jungen diskutiert. Wohlgemerkt, nach dem ersten Spieltag. Der Nutzer „Kamikater“ schrieb: „Ich würde Schulz rausnehmen.“ User „Catro“ meinte mit Blick auf das nächste Spiel am Sonntag: „Bei Schulz befürchte ich, dass den Trainer der Mut verlässt. Ich spekuliere auf eine komplett neue linke Seite in Frankfurt, schade, aber wir wollen ja aufsteigen.“

Gemeint sind Nico Schulz (19) und Marvin Knoll (21). Zudem hatte Trainer Luhukay mit Innenverteidiger John Brooks (19) und Torwart Sascha Burchert (22) vier Eigengewächse aufgeboten, Brooks und Knoll gaben ihr Startelf-Debüt.

Auslöser der Diskussion war ein Patzer von Nico Schulz kurz vor der Pause. Da verlor der Juniorennationalspieler weit in der eigenen Hälfte einen Zweikampf – wenige Augenblicke später lag der Ball zum überraschenden 0:1 im Hertha-Netz. „Ich wollte den Ball treffen, habe aber nur den Gegenspieler erwischt“, sagte Schulz, „das war klar mein Fehler.“ Die Analyse von Trainer Luhukay fiel ähnlich aus: „Es ist schade, dass Nico das passiert. Er hat sonst ein ordentliches bis gutes Spiel abgeliefert. Aber das hat mit Erfahrung zu tun, zu wissen, dass er da ganz rigoros hingehen muss.“

Knoll-Debüt mit Freunden

Die Forderung jedoch, Schulz nun auf die Bank zu setzen, rief Kopfschütteln beim Trainer hervor. „Das wäre brutal, nach einem Fehler. So was mache ich nicht, Nico spielt nächste Woche hundertprozentig.“

Hertha setzt auf die Jugend. Wirtschaftlichen Zwängen folgend, aber auch, weil aus dem eigenen Nachwuchs gut ausgebildete Spieler nachrücken. Schulz etwa imponierte nicht nur in der Vorbereitung, sondern auch gegen Paderborn mit dynamischen Läufen über die linke Seite. Und bekam dennoch zu spüren, wie dünn die Luft im Profigeschäft ist. „Es geht darum, in den richtigen Momenten das Richtige zu tun“, wie Luhukay es formulierte.

Knoll bot auf der linken Seite vor Schulz ebenfalls eine couragierte Leistung. „Für mich als Berliner Junge hat sich ein Traum erfüllt, ich habe zum ersten Mal für Hertha im Olympiastadion gespielt“, sagte Knoll, der davon profitiert, als Leihspieler in der Vorsaison in Dresden die raue Zweitliga-Luft kennengelernt zu haben.

Der Trainer lobte trotz des wenig befriedigenden Resultates zum Liga-Start auch Torwart Burchert und Brooks. „John hat das wie im Freundschaftsspiel gegen Juventus Turin gut gemacht. Für Sascha war es ein schwieriges Spiel, weil er über 90 Minuten nur drei, viermal eingreifen musste. Aber wenn er gefordert wurde, war er da.“

Hertha hat mit Alfredo Morales (22), Fabian Holland (22), Elias Kachunga (20) und Philip Sprint (19) weitere Rohdiamanten im Aufgebot. Trainer Luhukay weiß am besten um den Druck bei Hertha, in dieser Saison aufsteigen zu müssen. Dennoch fordert er Gelassenheit. „Wir müssen den Jungen ein Quäntchen Geduld geben, dass sie aus Fehlern lernen.“